Seit zwölf Jahren managt er Europas größten Kreuzungsbahnhof. Mehr als ein Fulltime-Job für den Diplom-Ingenieur aus Dresden, der selbst nach Hause pendeln musste. Allerdings nur an den Wochenenden. "Man hat als Chef eines Bahnhofs, der 24 Stunden geöffnet ist, keine Arbeitszeiten", erklärt Hesse. Wenn ein verlassener Koffer Bombenalarm auslöst oder ein Raucher einen der 400 Brandmelder entfacht, klingelt bei Hesse das Handy. Wenn nachts Schnee fällt, koordiniert er die Helfer, die das Glasdach von der weißen Last befreien, damit der Schmelz nicht durch die Lüftungsklappen tropft.
Die ungewöhnliche Transparenz des Baus, das Tageslicht, das bis auf die unteren Bahnsteige fällt, überzeugt nicht nur Architektur-Delegationen. Seit ein paar Jahren scheint auch die Posse um das zu kurz geratene Bahnsteigdach fast vergessen. Der 1,2-Milliarden-Euro-Bau gehört inzwischen zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt.  Touristengruppen fahren mit den runden gläsernen Aufzügen auf und ab. Indiens Premier Modi ließ sich von Hesse anderthalb Stunden durch den Bahnhof führen. Auch den Staatsoberhäuptern von Malaysia, Brasilien oder Kuwait sowie der schwedischen Königin hat er schon die Hände geschüttelt.
Auch Prinz Charles war ganz Ohr,   als Hesse für ihn vor kurzem den roten Teppich ausrollte. "Your royal sovereignty" ("Ihre königliche Hoheit") begrüßte ihn der Mann aus dem Erzgebirge, der Räuchermännchen in Bahnuniform sammelt, und wartete streng nach Protokoll, ob der Monarch ihm von selbst die Hand geben würde. Er tat es. Danach begleitete Hesse Charles und Camilla zum Zug Richtung Leipzig und erzählte von den Besonderheiten der Mega-Station.
Als der Hauptbahnhof 2006 im Niemandsland zwischen Ost und West eröffnete, war drumherum Einöde. Hesse, der 2007 aus der Potsdamer Bahnzentrale nach Berlin berufen wurde, sah, wie Hotels und Bürotürme in die Höhe wuchsen. "Die Angestellten kommen inzwischen zum Mittagessen. Touristen trinken noch ein Bier im Burgerladen", berichtet der 61-Jährige, wie sich der Bahnhof auch abends belebt hat. "Als ich den ersten Tag hier durchgelaufen bin, habe ich mich nicht zurechtgefunden", gesteht Hesse. Das Leitsystem hat er geändert.  Auch die Gepäckabgabe mit Sicherheitscheck, an der sich früher lange Schlangen bildeten, hat der Sachse durch 1100 Schließfächer ersetzen lassen.
Die größte Herausforderung sei aber immer gewesen, bei Staatsbesuchen und Bahnhofsfeiern den Betrieb aufrecht zu erhalten. Bei der Einweihung der Schnellfahrstrecke Berlin – München mussten seine 400 Mitarbeiter dafür sorgen, dass Merkel und Co sicher durch die Menschenmassen zum Festzelt kommen. Gut in Erinnerung ist dem Manager noch der zehnjährige Geburtstag des Bahnhofs, als  DJs ihn zur öffentlichen Disko machten. Besonders mag Hesse das Tango-Festival im Sommer. "Dann ziehen die Leute die Schuhe aus und tanzen einfach los."
Sie müssen keine Angst vor schmutzigen Füßen haben. Sauberkeit steht für Hesse, der nach einer Auszeit mit der Familie die Service-Zentrale in seiner Heimat leiten wird, ganz oben. Roboter putzen nachts die 54 Rolltreppen. Hesse hat Müllstreifen eingeführt. Viele der Arbeiter begrüßt er mit Handschlag. Er weiß, wie sehr ein Schulterklopfen motivieren kann. "Schließlich sind wir alle Räder im großen Getriebe", sagt Hesse. Zweimal täglich macht er Rundgänge und schaut nach dem Rechten. Wenn der Wind doch mal eine Plastiktüte über den Bahnhofsvorplatz weht, bückt er sich selbst. Schließlich macht man sauber, wenn Besuch kommt. "Mit täglich rund 320 000 Fahrgästen sind wir der größte Gastgeber der Stadt."