Jeder Tag bedeutet Angst vor den neuen Bildern. Vor den Nachrichten aus der fernen Heimat. Gibt es noch Kontakt zum Vater? Wo befindet sich die Schwester gerade auf der Flucht? Solche Gedanken machen sich wohl zur Zeit viele Menschen aus Afghanistan, in deren früherer Heimat die militanten Taliban die Macht übernommen haben.
Entsetzen und Angst empfindet auch Qudratullah nach eigenen Angaben jeden Tag. Der junge Afghane lebt seit 2015 in Deutschland, inzwischen in Berlin. Einige seiner Geschwister seien inzwischen in die Türkei geflüchtet. Doch sein Vater und weitere Brüder und Schwestern würden noch in Afghanistan leben.
„Ich habe Kontakt mit meiner Schwester. Sie erzählt, dass alles kaputt ist und viele Menschen getötet wurden. Sie hat Angst. Niemand kann normal bleiben mit den Taliban. Die Menschen gehen einfach kaputt“, sagt Qudratullah. „Ich habe Angst um meine Familie. Niemand kann jetzt in Afghanistan bleiben.“
Er schildert, dass er selbst vor seiner Flucht in einem Gefängnis gearbeitet hat. Die Taliban hätten gewollt, dass er auch für sie arbeite. Ihnen Informationen aus dem Gefängnis liefere. „Ich habe Nein gesagt“, berichtet Qudratullah. „Die haben gedroht, sie töten mich und meine ganze Familie.“ Sein Vater riet ihm das Land zu verlassen, nach Europa oder Pakistan zu gehen. Eine lange Flucht brachte ihn schließlich nach Berlin: „Wenn ich jetzt nach Afghanistan gehen würde, wüsste ich zu 100 Prozent, dass sie mich töten würden.“
Shabana sorgt sich ebenfalls um ihre Familie in Afghanistan. „Ich denke den ganzen Tag daran, wie ich ihnen helfen kann. Wie ich sie nach Deutschland bringen kann“, sagt die junge Frau. Ihre Tante und Cousinen würden sich aktuell in der westlichen Stadt Herat befinden. Ihre Tante gehe aus Angst vor den Taliban kaum noch aus dem Haus. „Wenn man jetzt nach draußen geht, fühlt man sich wie auf einem Friedhof“, sagt die junge Frau über die Berichte ihrer Familie.

Frauenrechte adé?

Shabana schildert, dass sie 2012 mit ihrem Vater und ihrer Schwester nach Berlin gekommen sei. „Ich habe selbst Angst. Als ich herkam war ich elf oder zwölf, aber trotzdem ist es mein Land“, sagt sie. „Ich schaue jeden Tag Fernsehen. Bis wann kann das so dauern?“ Die Frauen in dem Land hätten 20 Jahre dafür gekämpft, zu studieren und zu arbeiten und nun müssten sie wieder Zuhause sitzen oder draußen eine Burka tragen.

Berlin

Von Berlin aus versuchen Organisationen den Menschen in Afghanistan zu helfen. Der Verein „Moabit Hilft“, der seit Jahren geflüchtete Menschen in Berlin unterstützt, steht in Kontakt mit Männern und Frauen in Kabul. „Nach Kabul gibt es minimalen Kontakt über irgendein Internet“, sagt Diana Henniges, Gründerin und Geschäftsführerin des Vereins. „Das Telefonnetz ist komplett zusammengebrochen, zumindest nach unseren Erkenntnissen.“ Aktuell versuche der Verein, Leute, die sich rund um den Flughafen in Kabul versammelt hätten, auf deutsche Evakuierungslisten zu bekommen.
Der Verein unterstütze auch zahlreiche Menschen in Berlin, die um ihre Angehörigen in Afghanistan bangen. In der dramatischen Situation gehe es darum, den Menschen Stabilität zu geben, schildert Henniges. Beispielweise Raum zu schaffen, um miteinander zu sprechen oder gemeinsam zu kochen als Ablenkung. „Die Menschen sind stinksauer und wütend auf die internationale Politik, aber auch verängstigt“, dass der lange Arm der Taliban bis nach Berlin reichen könnte, sagt Henniges.
In der Verantwortung für die Lage sieht Henniges die Politik. „Die eskalative Situation zeichnete sich ja vor Wochen schon ab. Wir haben die ersten Meldungen gekriegt vor vier, fünf Wochen, dass die Taliban so extrem vorrücken“, so die Geschäftsführerin. „Ich glaube, das ist sehr viel politisches Kalkül.“ Die Gefahrenlage einzuschätzen sei Alltag und diese sei bewusst heruntergespielt worden. „Dass uns das jetzt überrollt, das ist kein Zufall“, so Henniges.

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