Für Joachim Kubig geht ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung. "Dass die alten Züge jetzt wieder nach Köpenick kommen ist wunderschön, denn schließlich hat im denkmalgeschützten Depot alles begonnen", sagt der 79-Jährige.
Dort war einst der Arbeitsplatz des Straßenbahnfahrers und Rangiermeisters und genau dort gründeten engagierte Kollegen 1967 die Arbeitsgruppe "Kleinbahnfreunde". Mit Begeisterung, handwerklichem Geschick und dem großen Ziel vor den Augen, ausgemusterte historische Züge wieder auf Vordermann zu bringen, trafen sie sich von nun an regelmäßig. Ganz hinten, in der alten Köpenicker Wagenhalle, wurde auseinandergebaut, geschraubt, gehämmert und gestrichen. Und das alles nach Originalzeichnungen und Fotos.
Bereits nach einem Jahr konnte sich die alte Lotte - ein Straßenbahnzug von 1903 - wieder sehen lassen. Doch nicht nur ihre glänzend grüne Bauchbinde, die goldfarbene Handglocke, die Holzdecke mit den wundervollen Intarsien und die liebevoll restaurierten Sitzreichen sorgten für Bewunderung. "Dass sie wieder fuhr, war das Wichtigste", erklärt Joachim Kubig.
Noch heute erinnert er sich gerne an den emotionalen Moment, als er den blankgeputzten Wagen aus der Halle fuhr. "Das war beim Köpenicker Sommer, am 21. Juni 1969, die Leute freuten sich und jubelten uns zu", sagt der Rentner.
Solche Augenblicke gab es in den darauffolgenden Jahren immer wieder. Für die unermüdlichen Hobbyhandwerker war das auch jedes Mal eine Anerkennung und zugleich ein Anstoß weiterzumachen.
Wenn manchmal ein bestimmtes Ersatzteil fehlte, wurde es kurzerhand selbst gefertigt. Aber das sei auch jetzt noch so. Aus der anfänglichen Arbeitsgruppe wurde der Denkmalpflegeverein Nahverkehr. Rund 130 Mitglieder gehören dazu, davon etwa 15 aktive. "Die meisten sind zwischen 50 und 60 Jahre alt und momentan ist kein Nachwuchs in Sicht", bedauert der stellvertretende Vorsitzende Hartmut Gröschke.
Vielleicht ändert sich das mit dem alten, neuen Standort, hoffen die Enthusiasten. Gröschke möchte das Gelände mit seinem mehr als 100 Jahre alten Straßenbahnbetriebshof zum Schaudepot entwickeln. Auf jeden Fall klingt die Idee realistisch: Denn die BVG nutzt nach Auskunft von Gröschke das Köpenicker Gelände nur noch bis 2017 für ihr "Tagesgeschäft".
Bereits jetzt ziehen aufgepeppte Oldies an die Wendenschloßstraße. Die müssen ihre bisherige "Heimat" im Betriebshof Niederschönhausen verlassen, weil die BVG dieses Gelände zum Ende des Jahres verkauft. Die Umzugsaktion von Pankow nach Köpenick ist seit Mai im Gang. "50 Wagen werden umgelagert, etwa die Hälfte zunächst direkt nach Köpenick, der Rest nach Oberschöneweide, an die Nalepastraße", berichtet der stellvertretende Vereinsvorsitzende.
Zu sehen sind im künftigen Schaudepot Züge aus verschiedenen Epochen: Dazu gehören ein Pferdebahnwagen von 1883, ein Decksitzwagen aus dem Jahre 1891 sowie die jüngste Alte, ein Tatrazug von 1976.
Am Sonnabend, 12. September, von 11 bis 18 Uhr, sind die restaurierten Schmuckstücke zu bewundern. Zudem werden Sonderfahrten bis zum S-Bahnhof Adlershof angeboten und eine Ausstellung über die 150-jährige Geschichte der Berliner Straßenbahn gezeigt.
Joachim Kubig freut sich ganz besonders auf wissbegierige Besucher. Er zieht an diesem Tag seine historische Straßenbahnfahrer-Uniform an und führt Interessierte über das Gelände an der Wendenschloßstraße 138.