Die Drucksache 17/16285 des Berliner Abgeordnetenhauses ist ein ausgesprochen dürres Dokument. Auf eine einzige A4-Seite passt die "Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Tom Schreiber (SPD)", die in Wirklichkeit aus sieben Fragen besteht sowie den entsprechenden Antworten. Das Thema lautet: "Organisierte Kriminalität in Berlin - Verbindungen zu Clan-Familien." Die Frage vier ist: "Welche Kenntnisse gibt es über die Behauptungen seitens A.F. in einem Interview mit Vice Deutschland, dass das LKA und der Staatsschutz gegen ihn ermittelt haben?" Und Frage fünf geht so: "Welche Rolle in den erwähnten Ermittlungen spielt A.A.-C.?"
Mit A.A.-C. ist Arafat Abou-Chaker gemeint, Clanmitglied und der Intimus von A.F., also von Anis Ferchichi, besser bekannt unter dem Rapper-Namen Bushido. Die Antwort des Staatssekretärs Bernd Krömer aus der Senatsverwaltung für Inneres und Sport ist kurz. "Zu 4. und 5.: Zu Einzelpersonalien wird aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes nicht Stellung genommen." Ende. Dass das LKA gegen ihn ermitteln würde, hat Bushido eigentlich in dem Interview nicht so direkt behauptet. Vielmehr erklärte er da: "Ich musste mich mit dem Scheiß-LKA treffen. Hier in Steglitz, im Balzac-Café." Es wäre so gewesen, dass "die Pisser bei Arafat angerufen hätten", weil der Staatsschutz ermitteln würde. Letztlich ging es nicht um organisierte Kriminalität, sondern darum, dass der Rapper in einer Moschee zu beten pflegt, die auch von Extremisten frequentiert wird.
Dass das Treffen des LKA mit Bushido von Arafat Abou-Chaker vermittelt wurde, ist übrigens längst keine Überraschung mehr. Das führende Mitglied des Abou-Chaker-Clans hat, wie in verschiedenen Medien übereinstimmend berichtet wurde, eine Generalvollmacht des Musikers, die ihm gestattet, im Namen Bu-shidos zu agieren, Geschäfte abzuschließen und natürlich Geld abzuheben.
Wie es sich für einen Rapper gehört, der es nun tatsächlich ins Gangstermilieu geschafft hat, kokettiert Bushido gern mit seinen Verbindungen. Er war "erster mit dem Araber-Familien-Support", prahlt Bushido in einem Song. In einem anderen heißt es: "Jetzt hat jeder einen Möchtegern-Arafat dabei." In seiner Biografie schreibt er: "Alle krassen Geschichten, die in Berlin passieren, haben fast immer etwas mit der Familie Abou-Chaker zu tun."
Die Familie ist vermutlich die mächtigste der sechs arabischen Familienclans, die immer mal wieder für Grusel in den hauptstädtischen Wohnzimmern sorgen, deren tatsächliches Wirken aber häufig im Dunkel bleibt.
Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Denn die Senatsinnenverwaltung teilt in einer Antwort auf eine weitere Anfrage des Abgeordneten Tom Schreiber mit: "Der Begriff "kriminelle Clans' ist für die Polizei Berlin nicht relevant." Es erfolge auch keine "statistische Erfassung der Familienzugehörigkeit von Straftätern". Immerhin lässt die Behörde Folgendes wissen: "In 26 als Organisierte Kriminalität (OK) eingestuften Ermittlungskomplexen aus den Jahren 2011 bis 2014 waren die Tatverdächtigen der dominierenden Nationalität Angehörige von Staaten der Arabischen Liga oder hatten eine ethnische Herkunft aus diesen Ländern."
Manche Familienmitglieder fallen dann doch so auf, dass sie es sogar auf Titelseiten schaffen. Das fängt schon mit den Vornamen der männlichen Abou-Chakers an, die auf besondere Feinde der Juden zurückgehen. So heißt einer Nasser, in Erinnerung an den ehemaligen ägyptischen Präsidenten, es gibt einen Yasser, einen Arafat und sogar einen Rommel. Vor 40 Jahren kehrten die Abou-Chakers einem Flüchtlingscamp den Rücken. In Berlin erlebten sie, was viele Emigranten erleben, sie wurden weitgehend ausgegrenzt. Nun sind sie weitgehend anerkannt. Wenn auch auf eine besondere Art.
Gegenüber dem "Stern" sagte der Berliner Oberstaatsanwalt Jörg Raupach: "Die männlichen Mitglieder der Familie agieren im Milieu der Organisierten Kriminalität. Mafiöse Strukturen sind hier eindeutig vorhanden und gerichtlich festgestellt worden." Von Zuhälterei über Erpressung bis zu Raub hat sich einiges in den vergangenen Jahren angesammelt. Manches davon war sogar schon im Kino zu sehen. Im Film über Bushido wird gezeigt, was passierte, als der Musiker den Vertrag mit seiner Plattenfirma loswerden wollte. Bushido, gespielt von ihm selbst, geht zu Arafat, gespielt von Moritz Bleibtreu. Der organisiert einen "Besuch" von acht Männern beim unwilligen Plattenboss. Danach stimmt dieser der Vertragsauflösung zu.
Besonders spektakulär war der Überfall auf das Casino des Grand Hyatt Hotel am Potsdamer Platz. Die Täter stürmten einfach in die noble Spielhalle, bewaffnet mit Pistolen und Macheten. Allerdings ging der Überfall einigermaßen daneben. Mohammed Abou-Chaker wird erkannt und verurteilt. Diesmal hat eine versuchte Zeugeneinschüchterung nicht funktioniert. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Inneres wurden übrigens bei dem Raubüberfall exakt 241 930 Euro erbeutet. Ein großer Teil der Summe fehlt noch. Denn: "Im Rahmen des Strafverfahrens wurden durch die Täter 26 000 Euro an die Polizei mit dem Ziel übergeben, sie an die Geschädigten zurückzuerstatten."
Längst aber sind Familienmitglieder aus dem Bereich der Illegalität herausgewachsen. So kauften in der jüngeren Vergangenheit vor allem Arafat und Bushido ganze Häuserblöcke oder zwangsversteigerte Wohnungen. Auch im brandenburgischen Rüdersdorf sind sie aktiv. Mieter beschwerten sich über schlechte Sanierung und hohe Mieten. Aber diese Form der Gewinnmaximierung ist nun wirklich keine Mafia-Erfindung. Entscheidender für Ermittler ist, woher das Geld für die Investitionen ins bürgerliche Berufsleben kommt. Doch da wird es schwierig. Es fehlt an Personal, Ausstattung und am Gesetzeswerk. "Durch vereinfachte und verbesserte Vorschriften zur Gewinnabschöpfung", so die Innenverwaltung, "könnten wichtige Voraussetzungen geschaffen werden, um die inkriminierten Gewinne abzuschöpfen und die OK-Strukturen (Organisierte Kriminalität) damit nachhaltig zu schwächen. Tatverdächtige könnten verpflichtet werden, den Nachweis zu erbringen, dass Geld und hochpreisige Vermögenswerte aus legalen Geschäften hervorgegangen sind." Bis dahin funktioniert die Geldwäsche weiter.