In Berlin und Potsdam gibt es gleich mehrere Institute und Universitäten, die sich mit jüdischen Studien beschäftigen: Das Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum, das vor allem durch seinen Leiter, den Historiker Julius Schoeps, bekannt ist. Die Potsdamer Universität, dessen Abraham-Geiger-Kollegium die einzige Ausbildungsstätte für liberale Rabbiner in Mitteleuropa ist. Das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, aber auch Einrichtungen an der Berliner Humboldt-Uni und der Freien Universität.
Neu ist, dass alle diese Institute ihre bisherigen Aktivitäten in einem Zentrum bündeln werden. Sie folgen damit einer Empfehlung des Deutschen Wissenschaftsrates, der dringend zu dieser Konzentration geraten hatte, und werden im Gegenzug dafür vom Bund über fünf Jahre hinweg mit insgesamt 6,9 Millionen Euro gefördert. Durch die Bündelung der Aktivitäten soll es gelingen, mehr nationale und internationale Experten als Gastwissenschaftler einzuladen und den wissenschaftlichen Nachwuchs gezielter zu fördern.
"Judentum ist eine Religion, aber viel mehr als das", fasst die Koordinatorin des Zentrums, Carola von Braun, das Konzept zusammen. Drei Forschungsbereiche wird es geben: Geschichte des Judentums in Deutschland und der Wissenschaft des Judentums; Erinnerungskultur sowie Trialog der Religionen.
Denn auch die ersten Personen, die den Islam in Deutschland wissenschaftlich erforschten, waren Juden. So gilt zum Beispiel Rabbiner Abraham Geiger, der 1870 in Berlin die damalige "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" mitbegründete, auch als ein Vordenker der Arabistik und Islamwissenschaft.
Heute trägt das Potsdamer Rabbinerkolleg seinen Namen, das dem neuen Zentrum angehört. In den zurückliegenden Monaten hatte dessen Rektor Walter Homolka nach Uneinigkeiten mit dem Land Brandenburg gedroht, mit dem Kolleg an die Universität Erlangen-Nürnberg oder nach Erfurt zu ziehen. Dieser Streit scheint auch noch nicht ausgestanden zu sein. Das neue Zentrum könnte aber dazu beitragen, dass dies gelingt.
Künftig soll es auch eine Ausbildungsstätte für konservative Rabbiner geben. Dazu soll es unter anderem eine zusätzliche Professur für Jüdische Bibelexegese geben und man will mit einer Professur für Jüdische Musik an der Hochschule für Musik kooperieren. Damit befindet man sich im weltweiten Trend, Religion einerseits konfessionell, andererseits aber auch als eine Kulturform neben anderen zu verstehen.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) begründet ihre Unterstützung des Zentrums mit der "großen Tradition jüdischer Gelehrsamkeit in Berlin und Brandenburg". Das Zentrum werde Ausstrahlung über Deutschland hinaus erlangen, ist sie sich sicher. Derzeit wird jedoch noch Personal gesucht: Drei Juniorprofessuren, neun Doktorandenstellen und eine Gastprofessur sind zu besetzen.
Bei der Eröffnung hielt gestern eine Forscherin die Festansprache, die für Gegenwart und Vergangenheit der jüdischen Studien steht: Susannah Heschel aus den USA. Ihr Vater Abraham Joshua Heschel studierte in den 1920er-Jahren in Berlin, lehrte dann in Frankfurt/Main, musste später nach England fliehen und veröffentlichte in Amerika Lehrwerke über das Judentum.
Seine Tochter, die seit einiger Zeit in Berlin arbeitet, ist sich trotz aller hiesiger Bemühungen über eines sicher: Deutsch werde nicht wieder die internationale Wissenschaftssprache für die jüdischen Studien werden. "Das sind heute Englisch und Hebräisch", meint sie.