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Dem Verbrechen auf der Spur

Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité, stellte einen "Tatort" vor, den die Ausstellungsmacher zusammen mit Mitarbeitern des Landeskriminalamts für die neue Sonderschau im Medizinhistorischen Museum nachgestellt haben.
Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité, stellte einen "Tatort" vor, den die Ausstellungsmacher zusammen mit Mitarbeitern des Landeskriminalamts für die neue Sonderschau im Medizinhistorischen Museum nachgestellt haben. © Foto: promo
Maria Neuendorff / 14.10.2016, 07:36 Uhr
Berlin (MOZ) Eingeschlagene Schädel, abgehackte Fingerkuppen und Würmer im Glas - die neue Ausstellung "Hieb und Stich - Dem Verbrechen auf der Spur" der Charité ist nichts für schwache Nerven. Besucher bekommen dort Einblicke in die Welt der Rechtsmedizin.

Eine Seniorin wird tot in ihrem Schlafzimmer gefunden. Ihre Pflegerin sagt aus, sie sei eine Woche nicht mehr in der Wohnung gewesen, weil sich die alte Dame so "garstig" benommen habe. Doch die ausgewachsenen Fliegenmaden, die die Gerichtsmediziner an der Leiche finden, haben schon einen kompletten Entwicklungszyklus durchgemacht. "Die Frau war also schon mindestens drei Wochen tot, und der Verdacht der schweren Vernachlässigung gegen die Pflegerin somit bestätigt", sagt Kuratorin Navena Widulin.

In ihrer Ausstellung im Medizinhistorischen Museum in Mitte hat sie den wahren Fall nicht nur in Text und Bild dargestellt, sondern auch gläserweise Würmer mitgebracht. Daneben stehen mumifizierte Schädel mit Insektenfraßspuren, eine zerrissene Leber, verbrannte Klamotten und Flusskrebse, die sich in den Kleidern einer Wasserleiche verfangen haben.

Die Präparatorin der Charité ist für die Sonderausstellung in Leichenschauhäuser und Sektionssäle gefahren, hat Gipsabdrücke von Körperteilen gemacht und das LKA um Mithilfe gebeten. Das sei gleich mit einem ganzen Spurensicherungsteam angerückt, um die Tatorte so authentisch wie möglich nachzustellen, berichtet die 44-Jährige.

Einer spielt vor der Kulisse eines Brandenburger Waldes. Neben einem Hochsitz haben die Forensiker die einzelnen Spuren mit Pfeilen und Zahlen markiert. Das Blut auf den Blättern, das Messer zwischen dem Laub sind eindeutig. Doch während eine hingeworfene Fasche weder vom Opfer noch vom Täter stammt, ist das entscheidende Indiz leicht zu übersehen. Ein winziges Stück abgeplatztes Plastik. Es stammt vom Griff einer Kommode aus dem Wohnzimmer, das die Ausstellungsmacher gleich nebenan drapiert haben.

Dort liegt auch ein geöffneter Brief vom Familiengericht. Auf dem Teppich Blutspuren neben den Scherben einer Vase. Dem Ausstellungs-Besucher schwant langsam: Es war ein brutaler Streit ums Sorgerecht. "Die Frau konnte sich noch verletzt in ein nahelegendes Waldstück retten, wo ihr Mann sie dann tötete", klärt Navena Widulin auf.

Es ist der einzige fiktive Mordfall in der Schau. "Aber einer, an dem man gut erkennen kann, dass jedes noch so kleine Detail bedeutsam sein kann", sagt Michael Tsokos. Der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin war in fast alle der 20 dargestellten Fälle involviert. In seinem Arbeitsleben haben sich die Möglichkeiten, der Todesursache und dem Tathergang auf die Spur zu kommen, stark verändert.

Revolutionär sei die Technik, die Leichen durch den Computertomografen zu schicken und nachher 3-D-Modelle von Schädeln zu erstellen. "So lässt sich nicht nur der Einschlag mit dem Baumarkthammer darstellen", erklärt Tsokos. "Am Computer können wir auch Verletzungen des Kehlkopfes entdecken. Ein Bildschirm in der Ausstellung zeigt, wie die Rechtsmediziner im Nachhinein sogar virtuell Kontrastmittel durch die Venen der Toten schicken. "So können wir kleinste Gefäßverletzungen nachweisen, was zum Beispiel bei Todesfällen nach Operationen wichtig sein kann."

Bei Tsokos jüngsten Einsätzen durfte ihn der Fotograf Patrik Budenz begleiten. Seine Bilder, die nun in der Ausstellung hängen, zeigen schlaffe Hände neben einer Pistole, Einschusslöcher im Fenster oder rote Flecken an der weißen Wand.

Dass besonders die Form der Blutspuren Täter überführen kann, zeigte auch der Fall des zerstückelten Tätowierers, dessen Leichenteile 2012 in Berlin verteilt entdeckt wurden. "Die Täter hatten behauptet, er sei nach einer alkoholbedingten Schlägerei im Wohnzimmer gestorben, bevor sie seine Leiche im Bad zersägten", erinnert sich Tsokos. "Doch durch die Art der Blutspritzer im Flur konnten wir beweisen, dass der Kreislauf des Opfers noch funktionierte, als seine Bekannten ihn brutal mit der Axt ermordeten."

"Hieb und Stich - Dem Verbrechen auf der Spur" bis 14. Januar im Medizinhistorischen Museum, Charité-Platz 1, Eintritt 9 Euro. Öffnungzeiten unter www.bmm-charite.de

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