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Die Lebensretter vom Zoo

Kann wieder lachen: Hermann Wolter (M.) sitzt mit dem Leiter der Bahnhofsmission, Dieter Puhl, und der ehrenamtlichen Helferin Sonja Gottwald in seinem kleinen Zimmer.
Kann wieder lachen: Hermann Wolter (M.) sitzt mit dem Leiter der Bahnhofsmission, Dieter Puhl, und der ehrenamtlichen Helferin Sonja Gottwald in seinem kleinen Zimmer. © Foto: Maria Neuendorff
Maria Neuendorff / 07.02.2013, 18:47 Uhr
Berlin (MOZ) Hermann Wolters lebte jahrelang in einem Erdloch im Grunewald. Doch dann erfroren ihm die Füße. Wirkliche Hilfe gab es für den Obdachlosen in den Kliniken der Stadt nicht. Gerettet wurde er trotzdem.

Tot könnte er jetzt sein. Dann hätte es eine kleine Feier in der Bahnhofsmission gegeben, mit einigen Weggefährten, einer berührenden Andacht durch den Wohnungslosenpfarrer. Traurige Geschichten hätte man sich über ihn erzählt, sicher wären Tränen geflossen. War ja auch ein lieber Kerl, hübsches Lächeln, immer ein netter Spruch auf den Lippen - Typ Kumpel halt. "Zu jung ...", hätten viele gesagt.

Und dann wären die Helfer aus der Bahnhofsmission in ihren blauen Kitteln vor die Tür getreten und hätten ein neues Bändchen an ihren Abschiedsbaum für verstorbene, wohnungslose Menschen geknüpft. Sie pflanzten ihn im vergangenen April. Einige Bänder hängen schon daran. Dann wäre es weiter gegangen.

Doch diesmal kam es anders. Hermann Wolters lebt noch. Der Einsiedler aus dem Grunewald - freiheitsliebend und unabhängig. Doch auch er wurde älter, sein Körper konnte nicht mehr so viel wegstecken. Dann kamen die harten Wintertage im Dezember. Am Nikolaus-Morgen wachte Hermann plötzlich mit erfrorenen Füßen auf und mit der Erkenntnis: "Verdammt, ich hätte auch sterben können."

Eine Joggerin verständigte die Feuerwehr. Die Ärzte im Krankenhaus halfen aber nur sechs Tage und man entließ den 54-Jährigen zur weiteren ambulanten ärztlichen Nachbetreuung. Hätte klappen können, mit Ausweis, Krankenversicherung und damals noch zehn Euro Praxisgebühr. Doch Hermann besaß nichts von alledem. Auch kein Sofa, auf dem er sich ausstrecken konnte, um die Füße zu schonen.

Die wurden wieder wund, schließlich blutig. "Als ich mir die Socken auszog, klebte die Haut in Fetzen daran", erinnert er sich. Doch weder der herbeigerufene Krankenwagen noch später das Krankenhaus halfen. "Sie sind doch kein Notfall", hieß es. Das glaubte Hermann dann schließlich auch und zog sich für drei Tage auf eine Friedhofstoilette zurück, versuchte, an der Heizung seine nässenden, eiternden Füße zu trocknen. Als das nicht klappte, humpelte er zur Bahnhofsmission Zoo.

"Er sah erbärmlich aus, abgemagert, schwach, krank", erinnert sich der Leiter Dieter Puhl. Sein Schrecken war umso größer, da er selbst Tage vorher den Krankenwagen gerufen hatte. Sein Vertrauen in die ärztliche Versorgung wohnungsloser Menschen war erschüttert. "Wir wussten, es gibt eine gute ambulante Notversorgung, aber was uns fehlte, war ein Bett und fürsorgliche Betreuung." Nun hat die Bahnhofsmission drei kleine Stuben für Bahnreisende, die in Not geraten sind. In eine zog Hermann kurzfristig ein. Sonja Gottwald, eine der 85 ehrenamtlichen Helferinnen wurde ihm zur Pflegerin, wechselte ihm täglich die Verbände, hörte zu, spendete Zeit und Fürsorge. Und weil die Tage so lang sind, konnten sie genutzt werden. Der Personalausweis ist wieder vorhanden, Hermann ist wieder krankenversichert, ist beim Jobcenter gemeldet. "Selbstverständlichkeiten für viele. Aber nicht für wohnungslose Menschen", weiß Puhl. Er ist mit Hermann einen Deal eingegangen. Bald besuchen sie ein Wohnprojekt im Betreuten Wohnen in Spandau. Im Kämmerchen stapeln sich schon gespendete Töpfe und Handtücher für die neue Einrichtung. Hermann hat zehn Kilo zugenommen, lacht freundlich, ein intelligenter, ordentlich gekleideter Mann, den man nicht auf der Straße vermuten würde. Seine Füße fühlen sich zwar taub an, aber er kann noch mit ihnen gehen - auf dem Weg in ein neues Leben.

Wenn er ausgezogen ist, soll die Bahnhofsmission etwas umgebaut werden. Es soll ein kleines Krankenzimmer entstehen, für die Psychotischen, die Unverträglichen, die "Nicht-Wartezimmer-Tauglichen", die Kranken und Geschwächten wie Hermann. Den will Puhl dann nicht mehr am Bahnhof Zoo sehen. "Höchstens mal auf einen Kaffee." Für das neue Notfallzimmer sucht die Mission noch ein Krankenbett und Klinikschränke.

Gespendet werden kann auch unter Konto: 31 819 07, BLZ: 100 205 00, Bank für Sozialwirtschaft, Verwendungszweck: Bahnhofsmission

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Dieter Puhl 08.02.2013 - 17:01:10

Die Lebensretter vom Zoo

Auf die Leser der Märkischen Oderzeitung ist Verlass. Danke! Viele riefen heute an oder kamen vorbei, boten Hilfen an: Hausrat für Hermann, Geschirr - aber auch Unterstützung bei der Einrichtung eines kleinen Krankenzimmers. Auf Hilfe sind wir auch angewiesen, jeden Tag stehen 600 bedürftige Menschen vor der Tür. Kriegen wir aber hin, weil unser Freundeskreis auch kontinuierlich wächst. Wir geben uns Mühe hinzuschauen, uns nicht zu entziehen. Heute brachten wir z.B. eine verwirrte 84 jährige Dame, sie ist an den Rollstuhl gebunden, zurück nach Stuttgart. Skuriler Trip nach Berlin, sie hatte sich mit ihrem Mann gestritten. Auch sie wurde in Berlin zuvor durch ein Krankenhaus einfach auf die Straße gesetzt. Niemand war zuständig. So schlief sie 2 Nächte im Rollstuhl auf Bahnhöfen. Eben der Anruf aus Stuttgart, ihr 89 jähriger Ehemann hält sie in den Armen. Ihre Fahrkarte konnte sie selbst bezahlen - die unseres Mitarbeiters übernimmt der liebe Gott. Es gibt schon vieles zu erleben auf unseren Straßen - nicht alles ist gut. Dieter Puhl - Leiter der Ev. Bahnhofsmission Zoo

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