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Späti-Besitzer aus Berlin spielen die Hauptrolle in einem studentischen Projekt / Anlass waren die NSU-Morde

Ohne Späti kein Berlin

Joanna Stolarek / 03.02.2015, 19:33 Uhr - Aktualisiert 27.02.2015, 15:36
Berlin (MOZ) Die Shops - meistens durch Migranten betrieben - sind aus dem Straßenbild der Bezirke nicht mehr wegzudenken. Doch wer sind die Menschen hinter der Ladentheke? Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft forschten nach.

"Gangsterisch ist es geworden in Neukölln", meint Zehra Özkan trocken. Zu Silvester ganz früh stürmte ein Mann mit der Pistole in den Laden an der Weisestrasse: "Er sprach so undeutlich, wollte Geld, ich hatte aber keins, dann ist er gegangen", sagt die 44-jährige gebürtige Türkin und schüttelt ungläubig den Kopf. Zusammen mit ihrem Mann Cemal betreibt Zehra Özkan den "Späti 55" in Neukölln - "55" ist das Kennzeichen ihrer Geburtststadt Samsun in der Schwarzmeerregion. Mit elf kam sie nach Berlin, ging hier zur Schule, heiratete, bekam Kinder, arbeitete in einer Wäscherei. Später half die kleine quirlige Frau ihrer Schwester in einem Laden. Seit 2009 steht Zehra Özkan in ihrem eigenen Geschäft hinter der Verkaufstheke. Und ihre Arbeit bedeutet ihr viel mehr als reinen Broterwerb. Sie ist mit ihrem ganzen Herzen Spätshop-Betreiberin. Zu ihren Kunden hat sie ein freundschaftliches Verhältnis: "Wenn ich in Urlaub bin, vermisse ich sie - und sie mich auch", sagt sie und lacht.

Das alles erzählt Zehra Özkan - von Freunden und Stammkunden einfach "Özi" genannt - ungefiltert, schnell und freimütig in einem fünfminütigen Audiobeitrag, der auf der Internetseite www.vertrautefremde.de zu hören ist. Nicht nur sie, auch sieben andere Spätshopbetreiber kommen hier zu Wort, sie berichten aus ihrem bewegten Leben, aber auch über ihren Kiez und ihre Spätis. Hinter den kurzen Audiobeiträgen verbirgt sich ein Projekt der Studenten der Hochschule für Wirtschaft und Technik (HTW) in Berlin. "Vertraute Fremde" hieß wie die Internetseite auch das Seminar im Rahmen des Studiums der Wirtschaftskommunikation. Die Ergebnisse wurden jetzt in "Späti 55" in Neukölln vorgestellt.

Das Projekt in Berlin ist zunächst beendet. Es wird allerdings an der Universität Gießen fortgeführt. Die Idee für "Vertraute Fremde" kam von Clemens Tangerding. Der Historiker ist Dozent an der HTW. "Unser Ziel war es, Menschen eine Stimme zu geben, die aus den Milieus stammen, in denen die sogenannten NSU-Morde verübt worden sind", erklärt er. Während den Tätern des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) viel Aufmerksamkeit gewidmet werde, und auch die Rolle des Staates sehr ausführlich thematisiert worden sei in dem Prozess, der seit Mai 2013 vor dem Oberlandesgericht in München verhandelt wird, werde die Seite der Betroffenen indes weniger wahrgenommen. "Wir wollten Menschen vorstellen, die ein ähnliches Leben führen wie diejenigen, die zu Opfern des NSU geworden sind. Dies sind Kleinunternehmer mit Migrationshintergrund, die in Berlin Spätshops betreiben", sagt Tangerding.

14 Studenten klapperten die Spätis in Berlin ab. Zur Auswahl standen ihnen schätzungsweise mehr als 1000 solche Läden in der Hauptstadt. Sie zu finden, war also kein Problem. Das Vertrauen der Besitzer zu gewinnen, gestaltete sich eher als schwierig. "Die besten Gespräche kamen zustande, wenn das Aufnahmegerät aus war", erinnert sich Yasemin Kücük. Mit jedem Wort kamen sich die Interviewer und die Interviewten näher, das Vertrauen wuchs, die Menschen hinter der Verkaufstheke öffneten sich, und ihre Geschichten vom Scheitern und Aufbau berührten die Studenten. Nach und nach wurde aus dem Projekt eine Herzenssache. "Man könnte ganze Bücher darüber schreiben", sagt die 29-Jährige. "Es war ein Dialog auf Augenhöhe", findet auch der Projektleiter Tangerding. Er hofft, die Beiträge werden die Kunden dafür sensibilisieren, dass hinter dem Ladentisch ein Mensch mit einer ganz persönlichen Lebensgeschichte steht.

Darauf weisen nun Aufsteller hin, die in den am Projekt beteiligten Shops stehen. Auf der Ladentheke von Zehra Özkan, neben der Kasse, ist dieses Schild mit sepiabraunen Fotos und der Aufforderung: "Hör dir an, wer ich bin!" neben der Kasse platziert. Unübersehbar. Dazu die Internetadresse und ein QR-Code für Smartphone-Nutzer. Dieses Plakat ist auch in den andere Spätis zu sehen, die beim Projekt mitmachten. Die erwünschte Reaktion ist, dass der Kunde überlegt, wer ihn eigentlich gerade bedient in dem einen oder anderen Späti. Das wünschte sich auch Nihat. Der türkische Kurde, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, beklagt: "Manche Leute haben keinen Respekt, nur weil ich im Spätshop arbeite. Sie schmeißen das Geld hin und schauen mich nicht mal an", sagt er. Vor 21 Jahren musste der Mann aus der Türkei fliehen, weil er als Kurde politisch verfolgt und gefoltert wurde. Die allermeisten Menschen, die in seinen Laden kommen, sind freundlich zu ihm. Manche aber - vor allem ältere Deutsche, so Nihat - behandeln ihn von oben herab, mit einem vorwurfsvollen Blick, als ob er nur wegen des Geldes nach Deutschland gekommen sei und ihnen was wegnehmen wolle. "Sie verstehen nicht, dass ich gezwungen wurde, meine Heimat zu verlassen und fast alle meine Zukunftspläne aufzugeben", sagt Nihat, der in Deutschland sein Studium teilweise fortsetzte.

Auch er beobachtete mit großer Neugier, wie sich das Projekt entwickelte, zumal Ereignisse wie das Auftreten der Anti-Islam-Bewegung Pegida und der islamistische Terroranschlag auf die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" es plötzlich auf eine andere Spur brachten. Die Rahmenbedingungen hätten sich schlagartig verändert, sagt eine junge Frau. Die Späti-Besitzer sahen sich plötzlich mit Schlagzeilen konfrontiert, die sie alle unter Generalverdacht stellten.

Umso wichtiger war es, die Menschen hinter der Ladentheke als Individuen zu zeigen, sagt der Präsident der Hochschule für Wirtschaft und Technik Professor Klaus Semlinger, zum Abschluss des Projekts: "Ich finde es sehr gut, dass die Studenten und ihr Lehrbeauftragter ein Signal der Verständigung in einer Zeit senden, in der bei Demonstrationen gegen eine vermeintliche Islamisierung des Abendlands polemisiert und vor der angeblichen Überfremdung durch Flüchtlinge gewarnt wird."

Salim - auch er möchte nur mit seinem Vornamen angesprochen werden - freut es zu hören. Ein wenig Angst hatte er schon, was nun wird, ob die Kunden nach alle den Ereignissen wegbleiben. Dabei kommen in seine "Hutfabrik" an der Pappelallee alle: Obdachlose, Professoren, Handwerker und Geschäftsleute. Viele der Kunden nennt er nicht nur aus Höflichkeit Freunde, sondern weil sie es tatsächlich sind. Kinder kommen gerne zu ihm und bekommen dann ein Bonbon. So wie Ella, die Tochter der Nachbarin, wenn sie sich auf den Weg zum Ballettunterricht macht.

Die Audiobeiträge sind zu hören unter: www.vertrautefremde.de

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