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Mögliche Olympia-Bewerbung hat nicht nur Freunde

Dagegen: Olympia-Gegener demonstrieren vor dem Berliner E-Werk gegen eine Bewerbung
Dagegen: Olympia-Gegener demonstrieren vor dem Berliner E-Werk gegen eine Bewerbung © Foto: dpa
Dorothee Torebko / 13.02.2015, 18:34 Uhr
Berlin (MOZ) Mit dem ersten Bürgerforum wollte der Senat am Donnerstagabend Berliner vom Konzept für die Olympia-Bewerbung 2024/2028 überzeugen. 300 Skeptiker und Befürworter kamen. Sie - und eine Hand voll Krawallmacher, die die Veranstaltung im E-Werk in Mitte störten.

Judith Demba hat eine Heidenangst. Dass es keinen bezahlbaren Wohnraum in ihrer Stadt gibt. Dass Kinder in maroden Turnhallen Sport treiben. Dass die Straßen von Schlaglöchern durchsät sind. "Berlin kümmert sich nicht um diese Probleme. Der Senat will stattdessen die Olympischen Spiele holen", sagt sie und hält ihr Schild noch ein bisschen höher. Sie hat sich mit ihrem Plakat, auf dem "Wir spielen nicht mit" steht, vor dem E-Werk postiert. Damit ist sie nicht allein. 20 Demonstranten säumen mit ihren quietschgelben "NOlympia"-Bannern den Weg zum Backsteingebäude. Im Innern erwartet die Besucher des ersten Bürgerforums zum Thema Olympia-Bewerbung aber ein noch viel krasseres Bild. Eines, das Angst und Aggression schreit.

Bürgermeister Michael Müller (SPD) betritt das Podium. Er soll die Besucher von der Idee überzeugen, die Spiele 2024 oder 2028 in die Hauptstadt zu holen. Bürgerbeteiligung, das hat die mit der Bewerbung beauftragte Agentur gelernt, ist das A und O. Ohne die Zustimmung der Berliner geht es nicht, sagt auch Müller. Im Raum - das ergibt eine durch ein TED-Gerät ermittelte Umfrage - befürworten 32 Prozent der 300 Teilnehmer Olympia in Berlin, 18 Prozent lehnen das Unterfangen ab. Alle anderen sind interessiert und teilweise skeptisch.

"Wir wollen die Infrastruktur ausbauen. So profitiert die Stadt", preist Müller an. Er redet fünf Minuten, vielleicht sechs, dann kreischt ein Mann ihm ins Wort. "Wohnraum für alle", ruft er. Eine Frau stimmt ein: "Das ist hier eine Werbeveranstaltung. Was soll das?" Einige klatschen. Andere stürmen auf das Podium und kleben Plakate mit den Sprüchen "Olympia heißt Maul halten" und "Olympia heißt Profit machen" an das Rednerpult. Eine Trillerpfeife schrillt. Müller versucht, sich durchzusetzen. "Wir wollen miteinander reden." Doch das Miteinander ist da schon ein Gegeneinander geworden.

Die Argumente der Olympia-Gegner haben mit den Kosten zu tun, die eine Großveranstaltung verschlingt. Mit 2,5 Milliarden Euro rechnet der Senat. London hatte bei der Bewerbung für 2012 rund 2,6 Milliarden Pfund veranschlagt, am Ende waren es 15 Milliarden. Bisher hat die Berliner Kampagne 234 000 Euro geschluckt. Weitere 2,5 Millionen Euro folgen. Wie hoch die Kosten werden, kann der Senat heute nicht voraussagen. "Alle Zahlen, die bisher errechnet wurden, sind Standardzahlen", sagt Stadtplaner Michael Künzel.

Doch die Planer berufen sich auf die Agenda 2020 des IOC: Statt zu protzen, sollen die Spiele bescheiden sein. Heißt: Nur 20 Prozent der Sportstätten werden neu gebaut. Im Gegensatz zu Hamburg, das mit Berlin um die Spiele buhlt. Rudern, Reiten, Segeln - all das wird in die benachbarten Bundesländer wie Brandenburg ausgelagert. Nach den Spielen entstehen anstelle des Olympischen Dorfes am Flughafen Tegel 5000 neue Wohnungen. Sportstätten wie der Jahn-Park, der ohnehin renoviert werden muss, werden saniert. Zudem garantiert der Senat Transparenz in Sachen Finanzierung. So der Plan. So das Versprechen.

"Sie verstreuen hier Feen-staub", sagt Uwe Trömer. Der ehemalige Vize-Weltmeister im Radsport ist Olympia-Gegner. "Berlin hat andere Probleme als eine Olympia-Bewerbung. In London wurden 1,5 Milliarden Dollar allein für die Terrorismus-Bekämpfung gebraucht. Ich denke nicht, dass der Terrorismus weniger geworden ist", sagt er und erntet Applaus. Die Befürworter halten dagegen. "Olympia in Berlin ist im kollektiven Gedächtnis mit 1936 verbunden. Wir haben jetzt die Chance, die Welt von einem offenen Berlin zu überzeugen", erwidert eine Besucherin.

Die Moderatoren animieren die Teilnehmer dazu, ihre Vorschläge auf Papiertischdecken zu schreiben. Die Decken werden den Verantwortlichen im Senat überreicht. Während die Organisatoren des Forums von dem Bürgerbüro sprechen, wo Berliner die Bewerbung online kommentieren können, gehen die Krawalle im Raum weiter. Zwei Männer springen auf, wollen sich schlagen. Die Polizei hält sie auseinander. Sie beruhigen sich.

Angst und Wut köcheln bis zum Ende des Abends in den Bürgern. Einerseits. Doch andererseits wispert auch die Hoffnung auf ein Freudenfest. Allein mit einer emotionalen Kampagne wird der Senat die Bürger nicht packen können. Was er jetzt liefern muss, das sind Fakten und verlässliche Zahlen.

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