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Elisabeth Mans ist mit 80 Jahren die älteste Mitarbeiterin in der Obdachlosen-Einrichtung

Die gute Seele vom Bahnhof Zoo

Elisabeth Mans ist mit 80 Jahren die älteste Helferin in der Bahnhofsmission am Zoo
Elisabeth Mans ist mit 80 Jahren die älteste Helferin in der Bahnhofsmission am Zoo © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 04.06.2015, 20:04 Uhr
Berlin (MOZ) Andere gehen mit Anfang 60 in den Ruhestand - sie hat erst mit 76 Jahren angefangen, in der Bahnhofmission am Zoo zu arbeiten. Elisabeth Mans ist mit 80 Jahren die älteste Helferin in der Obdachloseneinrichtung. Und macht mit ihrem Beispiel nicht nur den Obdachlosen Mut.

Den obligatorischen blauen Helfer-Kittel zieht sie nur ungern an. "Mir wird immer schnell warm", sagt Elisabeth Mans. Kein Wunder. Denn kaum hat um 13 Uhr ihre Schicht in der Bahnhofsmission begonnen, wuselt die 80-Jährige in der Küche herum, packt beherzt mit zu. Zwei Mal in der Woche kommt Elisabeth Mans aus Britz in die Bahnhofsmission am Zoo, wo täglich rund 600 Obdachlose und Bedürftige mit Essen und Kleidung versorgt werden. Heute gilt es als Erstes, den gespendeten Salat der Berliner Tafel in Schalen zu füllen, die Essensausgabe mit Besteck, Tellern und Suppenschüsseln zu bestücken, Kuchenbleche von A nach B zu tragen und Stullen zu schmieren.

Draußen vor der Tür hat sich schon die Schlange gebildet. Männer mit zerzausten Haaren, die ihre ganze Habe in Plastiktüten bei sich tragen, manche sitzen im Rollstuhl, andere stehen unter Drogen, viele sind verwirrt. Das Leben auf der Straße sieht man den meisten deutlich an.

"Ich musste mich erst daran gewöhnen", gesteht die ehemalige Apothekenhelferin, die erst mit über 70 Jahren in Rente ging. Zu Hause sitzen kam für sie nicht infrage. Eigentlich wollte die Liebhaberin klassischer Musik den Ruhestand nutzen, um in der Staatsoper auszuhelfen. "Doch dazu muss man sehr gut Englisch sprechen."

Die Gäste, die Elisabeth Mans nun versorgt, kommen nicht in Anzug und Abendkleid, sondern in zerschlissenen Kleidern und manchmal mit vollurinierten Hosen. Inzwischen kennt sie viele mit Namen. Einmal hat sie einen Mittfünfziger in den Tiergarten zu seinem Schlafplatz begleitet. "Ich wollte mir einfach ansehen, wie er da lebt." Auch um besser zu verstehen, warum in einem Sozialstaat wie Deutschland Menschen auf der Straße schlafen. "Die meisten sind völlig aus der Bahn geworfen", weiß Mans heute. Die Arbeit habe ihren Blick auf die Gesellschaft verändert. Nun schaut sie hin, wenn jemand in der U-Bahn den Straßenfeger verkauft oder ihr ein Bettler begegnet. Inzwischen kennt sie die dramatischen Schicksale dahinter.

Und so begegnet Elisabeth Mans den Obdachlosen in der Bahnhofsmission mit Respekt. Von ihr bekommen sie nicht nur Essen serviert, sondern auch ein Stück Würde zurück. Bei ihr an der durchsichtigen Theke dürfen sie sich so fühlen, als wären sie in einer Betriebskantine und nicht auf Almosen angewiesen.

Nachdem um 18 Uhr alle versorgt sind, wischt Elisabeth Mans die Tische ab und hält dabei gerne für ein Gespräch inne. Wenn jemand am Ende sagt "Vielen Dank, dass sie mir zugehört haben", dann sei das ihr größter Lohn für die ehrenamtliche Arbeit. "Elisabeth kann sehr gut auf andere eingehen und erzeugt dadurch auch ein Stück Nähe", sagt Bahnhofsmissions-Leiter Dieter Puhl. "Den Menschen hier muss man nicht die Welt erklären. Sie genießen es, wenn sie Dir ihre erklären können. Das hat Elisabeth sehr gut erkannt."

Für Puhl hat seine älteste Mitarbeiterin aber auch noch eine ganz andere Vorbildfunktion. "Sie ist ein schönes Beispiel dafür, dass man auch im hohen Alter sein Leben noch selbst gestalten kann und nicht depressiv an der Fensterbank sitzen muss."

Elisabeth ist auch abends schwer zu erreichen, weil sie gerne Theater- und Musikveranstaltungen besucht. Mit 60 wollte sie ihr Sportabzeichen machen und landete in einer Läufergruppe. Mit 65 lief sie ihren ersten Marathon. Acht wurden es insgesamt. Trotz Hüft-OP hat sie im April den Zehn-Kilometer-Flughafen-Lauf absolviert. Mit ihrer ungeheuren Fitness ist die 80-Jährige auch für die Mitarbeiter eine Mutmacherin. Das große Helferteam in der Bahnhofsmission - die jüngsten Praktikanten sind 15 Jahre alt - ist für sie zu einer Art Familie geworden.

"Am schönsten ist immer unsere Kaffeerunde vor Schichtbeginn", berichtet die Berlinerin. Vor Kurzem stand plötzlich eine Torte mit einer 80 auf dem Tisch, und es ertönte klassische Musik. Zu ihrem Geburtstag hatten die Kollegen extra einen Geiger kommen lassen. "Das war unfassbar schön", sagt Elisabeth Mans und hat noch heute Mühe, die Tränen der Rührung zurückzuhalten.

Spender gesucht


■ Die Bahnhofsmission am Zoo freut sich über steigende Spendenbereitschaft, besonders auch aus Brandenburg. Doch die Not vor der Tür wird auch immer größer. In den vergangenen Jahren ging Leiter Dieter Puhl von rund 4000 Obdachlosen in Berlin aus. "Nach unseren aktuellen Zählungen sind es inzwischen sogar bis zu 6000." Spendenkonto:Kto.: 31 819 07BLZ: 100 205 00BIC: BFSWDE33BERIBAN: DE24 1002 0500 0003 1819 07 / Bank für Sozialwirtschaft / Verwendungszweck: Bahnhofsmission

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