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Völkerverständigung der besonderen Art / Polnischer Club in Berlin feiert 15. Geburtstag

Erfolgreiche Versager

Piotr Mordel und Adam Gusowsk
Piotr Mordel und Adam Gusowsk © Foto: Darek Gontarski
Joanna Stolarek / 01.09.2016, 11:46 Uhr - Aktualisiert 02.09.2016, 08:34
Berlin (MOZ) Seit 15 Jahren versagen Piotr Mordel und Adam Gusowski. Das machen sie sehr erfolgreich. Ihr Club der polnischen Versager in Berlin ist eine Institution. Kein Ort - ein Zustand.

"Kein Wodka??? - Was seid ihr denn für Polen?!", schallt durch den Raum. "Versager!" Adam Gusowski und Piotr Mordel nehmen solche Sprüche gelassen. Man könnte meinen, sie fühlen sich gar geschmeichelt. Schließlich pflegen und hegen sie ihr Versagen seit mittlerweile 15 Jahren. "Wie ein seltenes Tier", sagt der Chefversager, der 42-jährige Gusowski und lächelt schelmisch.

Los geht es 2001, es ist der 1. September. Für jeden Polen, der Tag, an dem das Schuljahr beginnt, und auch der Tag, an dem des Überfalls von Nazideutschland auf das Land an der Weichsel gedacht wird. Um 4.45 Uhr 1939 marschierten die Deutschen ein. 62 Jahre später, auch an dem 1. September um 4.45 wird der Club der polnischen Versager aus der Taufe gehoben. Eine geschmacklose Provokation? Nein, sagt Mordel. Eher ein Tabubruch. Ganz nach dem Motto, wenn etwas ganz heiß ist, nimm es in die Hand, auch wenn es brennt, beschäftige dich damit. Mit Distanz, Satire und viel Augenzwinkern. Nur so habe das unter dem "Starkstrom stehende" Verhältnis zwischen den beiden Ländern eine Chance, sich zu entladen.

5475 Nächte, Tausende von Veranstaltungen, 22 283 Therapiestunden für internationale Versager und mehr als 7000 zerbrochene Gläser später sitzen Mordel und Gusowski in den unfertig wirkenden Räumen des Clubs. Eine Riesennase an der Wand. An allem nagt der Zahn der Zeit. Etwas Geld für die Renovierung wäre schön. Eine Spendenkampagne soll helfen. An der halb kaputten Eingangstür klebt ein Konterfei von Jaroslaw Kaczynski in doppelter Ausführung: als Herr und als Dame. Geschminkt.

Zeit, eine Bilanz zu ziehen: "Über das Versagen haben wir die Deutschen gezähmt", sagen die beiden. Das Versagen in einer auf Erfolg getrimmten Gesellschaft macht schließlich sympathisch. Dazu der trockene polnische Humor auf Deutsch, Distanz zu sich selbst und überraschende Events. Niemand davor hat sich so dem Polentum und dem Versagen genähert. Mittlerweile sei Versagen salonfähig geworden, man solle sich nur das Großprojekt des BER-Flughafens anschauen, sagt Mordel.

Als Gusowski und Mordel mit ihrem Club anfingen, taten sie es aus Eigennutz. Sie suchten einen Ort für Versager wie sie. Die auf der Straße stolpern, in die Hundekacke treten und doch kein Glück haben - so hieß es in ihrem Manifest. Anfangs war der Club in der Tor-, jetzt ist er in der Ackerstraße 168. Der Ort fasziniert. Als ein Zustand lässt er sich eher beschreiben, eine Idee, eine Philosophie. Grund genug für viele vorbeizuschauen. Promis und Normalos. Polen, Japaner und andere. Ein Mann aus der Nähe von Köln kommt regelmäßig vorbei. Seit zehn Jahren nimmt er ein paar Tage Urlaub und verbringt diesen bei den polnischen Versagern. Das mache ihn glücklich, sagt er. Ein Club der Erfolgreichen hätte diese Anziehungskraft und diese Wirkung nicht, meinen die Macher.

Mittlerweile ruft auch keiner mehr bei denen an und fragt, ob Mordel und Gusowski sein Auto gesehen hätten, oder aber, ob sie ein Bad schnell und günstig fliesen könnten - die Polen sind doch per se gute Handwerker - oder ob sie denn wüssten, wo man gute polnische Wurst in Berlin bekommt - so anfangs geschehen. Mittlerweile werden wissenschaftliche Arbeiten über die Versager aller Versager geschrieben, Fernsehbeiträge gedreht und ein Buch gibt es auch. Also wurde aus dem Versagen ein Erfolg? Ist der Club letztendlich ein Werbegag, ein Etikettenschwindel?

Der 55-jährige Mordel, der hauptberuflich als Grafiker arbeitet, schüttelt den Kopf. "Der Mensch braucht einen Muster-Versager, an dem er sich orientieren und messen kann. Und das sind wir." 15 Jahre Versager - das gehe in Fleisch und Blut über und sei so was wie ein Qualitätszeichen. Außerdem wie könnte man vom Erfolg sprechen, bei einem Club, der kein Geld bringt, fügt Gusowski hinzu. Unentgeltlich und ehrenamtlich laufe hier alles ab. Und ohne wirtschaftlichen Erfolg sei man doch automatisch ein Versager. Oder? So gesehen dürfte aber das Heimatland der beiden gebürtigen Polen - Gusowski kommt aus Stettin, Mordel aus Lublin - nicht mit Versagen in Verbindung gebracht werden. Der Musterknabe unter den EU-Mitgliedern im Osten. "Ist und war keiner", sagen die beiden Satiriker unisono. "Es ist nur der ruhigste Insasse in der Verbesserungsanstalt, der am wenigsten Probleme macht, im Vergleich mit anderen Ländern."

"Oder besser gesagt - ist gewesen", sagt der Radiomoderator Gusowski. Denn seitdem die nationalkonservative Regierung an der Macht ist, befinde sich Polen in der höchst problematischen Pubertätsphase: tobt und schreit, ist beleidigt, wenn man es nicht wichtig genug nimmt. Für den Club bedeutet es mehr Aufklärungsarbeit. Die Mitglieder betreiben politisch-gesellschaftliche Analyse. Allerdings auf ihre ganz spezielle Art, was ihnen auch schon Drohungen von den polnischen Rechten eingebracht hat. Mit der "Polenverklärer-Show" nähern sie sich mit dem satirischen Biss der Unangepassten der neuen Wirklichkeit im Nachbarland. Sie fahren aber auch in die brandenburgische Provinz und befragen etwa in Bernau Menschen,wie man Polen helfen kann? Auf der Frankfurter Oderbrücke lassen sie Passanten jeweils die Hymne der anderen Nation singen. Wozu? Wegen der Völkerverständigung natürlich. Das alles wird filmisch festgehalten, die Kurzvideos später im Club gezeigt. Zu sehen sind sie auch im Feiermonat September. Jeden Abend gibt es Programm. Los geht es mit der Geburtstagsparty für jedermann am Sonnabend im Club, ab 20 Uhr.

www.polnischeversager.de

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