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Aus dem Amt gejagt: Vor dem Oberverwaltungsgericht wird an Juristen erinnert, die Opfer des NS-Regimes wurden

Stolpersteine für Richter

Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg
Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg © Foto: dpa
Harriet Stürmer / 13.11.2016, 20:32 Uhr
Berlin (MOZ) 14 Richter des damaligen Preußischen Oberverwaltungsgerichts sind nach der Machtergreifung der Nazis aus ihrem Amt vertrieben worden. Drei von ihnen haben die NS-Herrschaft nicht überlebt. In Gedenken an sie werden heute Stolpersteine vor ihrer einstigen Wirkungsstätte verlegt.

Vor dem Eingang zum Haus am Kurfürstendamm 146 sind zwei Stolpersteine ins Pflaster eingelassen. In die kleinen Messingtafeln sind die Namen von Adelheid und Wilhelm Kroner gestanzt, die in den 30er-Jahren in dem damals prächtigen, später zerstörten und inzwischen durch einen Neubaukomplex ersetzten Haus wohnten. Die Eheleute waren jüdischer Herkunft. Im Mai 1939 wurden sie von den Nazis gezwungen, die repräsentative Wohnung in Charlottenburg zu räumen. Die Kroners mussten in die Wernerstraße 7/8 nach Wannsee ziehen, wo sie fortan in einem Zimmer lebten. Schließlich wurden sie Anfang Oktober 1942 ins Ghetto Theresienstadt im heutigen Tschechien deportiert, wo beide innerhalb weniger Tage starben.

Stolpersteine werden meistens an den letzten selbst gewählten Wohnorten der Opfer des Nationalsozialismus verlegt, bisweilen aber auch an ihren Wirkungsstätten - oder wie im Fall von Wilhelm Kroner sogar an beiden. Neben der Gedenktafel auf dem Kudamm wird künftig eine zweite vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg an den Juristen erinnern. An dem damaligen Preußischen Oberverwaltungsgericht war er ab 1925 als Gerichtsrat tätig. Doch schon bald nach der Machtergreifung der Nazis wurde er aus dem Amt verjagt - und mit ihm 13 weitere Richter (ein Viertel der dortigen Richterschaft), weil sie Juden waren oder als politisch unzuverlässig galten.

Auf Kroner traf beides zu. Der als "Volljude" eingestufte Richter war Vorsitzender des der SPD nahe stehenden Republikanischen Richterbundes, der sich zur demokratischen Republik der Weimarer Verfassung und zur sozialen Gerechtigkeit bekannte. Der Republikanische Richterbund löste sich kurz nach Hitlers Machtantritt selbst auf und kam so einem Verbot zuvor.

Auf dem Internetportal Holocaust.cz finden sich digitalisierte Originaldokumente von Opfern - darunter auch Wilhelm Kroners Totenschein, ausgestellt in Theresienstadt. Demnach starb er dort in den frühen Morgenstunden des 15. Oktober 1942 im Alter von 72 Jahren an einem Lungenödem. Zudem habe er an einem Darmkatarrh gelitten, steht in dem Papier. Die Herausgeber des Portals vermerken: "Ermordet 15.10.1942 Theresienstadt."

Neben Kroner kamen unter der NS-Herrschaft noch zwei weitere der vertriebenen Verwaltungsrichter zu Tode: der Völkerrechtler Ernst Isay und der Genossenschaftsrechtler Fritz Citron - ebenfalls Juden. Citron beging 1938 Selbstmord, Isay emigrierte nach Brasilien und verstarb dort 1943. Auch an sie werden nun Stolpersteine vor dem Gerichtsgebäude in der Hardenbergstraße 31 in Charlottenburg erinnern. "Wir ehren diese drei Richter stellvertretend für alle, die von den Nationalsozialisten aus rassischen oder politischen Gründen verfolgt wurden", sagt Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD).

In Berlin sind bislang mehr als 7000 Stolpersteine verlegt worden, allein in Naumanns Doppelbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf fast 3000. Aus diesen beiden ehemals selbstständigen Stadtteilen wurden 13 200 jüdische Menschen deportiert. Hinzukamen jene, die aus anderen Gründen von den Nazis deportiert, verfolgt, ermordet, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Das Projekt


■Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig (69) erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er zumeist vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg einlässt. Auf den Tafeln sind der Name und das Schicksal des Menschen zu lesen. Inzwischen liegen über 56 000 Stolpersteine in mehr als tausend Orten Deutschlands und 20 weiteren Ländern Europas.
■"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", zitiert Gunter Demnig den Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums.
■Für 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen. Informationen gibt es dazu im Internet unter www.stolpersteine.com

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