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Coffee to go wird in Berlin zum Umweltproblem

Zum Nachfüllen: Die Deutsche Umwelthilfe hat schon einen eigenen Thermo-Becher herausgebracht. Mit der Initiative "Becherhelden" will sie darauf hinweisen, dass bundesweit stündlich 320 000 Kaffeebecher im Müll landen.
Zum Nachfüllen: Die Deutsche Umwelthilfe hat schon einen eigenen Thermo-Becher herausgebracht. Mit der Initiative "Becherhelden" will sie darauf hinweisen, dass bundesweit stündlich 320 000 Kaffeebecher im Müll landen. © Foto: Bachmann/DUH
Maria Neuendorff / 09.02.2017, 21:01 Uhr
Berlin (MOZ) Der Kaffee zum Mitnehmen wird in vielen Städten immer mehr zum Umweltproblem. Allein in Berlin werden täglich 460 000 Becher aus Pappe und Plastik verbraucht. Das Land will deswegen ein umweltfreundliches Mehrwegsystem einführen.

Die Bahn kommt erst in fünf Minuten. Zeit genug, noch schnell einen Cappuccino zum Mitnehmen zu ordern. Auch die Mittagspause ist zu kurz, um auch den Verdauungs-Kaffee in der Kantine zu trinken. Und wie schön und praktisch ist es erst an Sommertagen, sein Getränk einfach gleich auf der Parkbank zu genießen, anstatt irgendwo teuer einzukehren. Nur schade, dass man das Behältnis so schwer wieder loswird, wenn im Park die Mülleimer vor lauter Einwegbechern nur so überquellen.

Allein in Berlin werden im Jahr laut Deutscher Umwelthilfe (DUH) rund 170 Millionen Coffee-to-go-Becher verbraucht. Das sind 2400 Tonnen Müll, der sich über die Stadt verteilt. Der kleine Luxus im Alltag ist damit zu einem Umweltproblem geworden, das die rot-rot-grüne Regierung nun angehen will. Sie will mit einem Mehrwegsystem gegensteuern, bei dem Kunden in Kaffeehausketten, Bäckereien und Tankstellen für ein bis zwei Euro Pfand Becher erhalten, die sie woanders wieder abgeben können.

Als Anreiz für das Herumtragen des wiederbefüllbaren Geschirrs soll der Kaffee dafür 20 Cent billiger sein, als wenn man ihn aus dem Einwegbecher trinkt. "Es wäre technisch sogar möglich, dass Flaschen-Automaten in Supermärkten die Becher einscannen", sagt Georg Kössler, Sprecher für Umweltpolitik der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Dort wurde einem ersten Antrag zum Mehrwegsystem bereits Ende Januar zugestimmt. In drei Wochen folgt die Beratung im Umweltausschuss. "Selbst die Opposition steht dem Thema sehr aufgeschlossen gegenüber, die Industrie- und Handelskammer ist schon mit im Boot. Nur die AfD hält das Thema nicht für wichtig", gibt Kössler ein Zwischen-Resümee.

Er hofft, dass das Mehrwegsystem schon Ende März endgültig beschlossen werden kann. Danach sollen die großen Kaffee-Ketten an einen Runden Tisch geladen werden, um gemeinsam ein praktikables System auszuarbeiten. Als Druckmittel an den Handel könnte die Möglichkeit dienen, sonst in Berlin eine Verbrauchersteuer für Einweggeschirr einzuführen. Ein Gutachten belegt, dass eine solche Maßnahme auf Landesebene nicht gegen Bundes- und EU-Recht verstoßen würde. "Die Aussicht treibt den Kaffee-Ketten Schweißperlen auf die Stirn und sorgt sicher für Kooperationsbereitschaft", glaubt Thomas Fischer, Leiter der Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. Die hat schon im September die Initiative "Becherheld - Mehrweg to go" auf den Weg gebracht. Seitdem ist auch bundesweit einiges passiert. In Hamburg haben sich elf Cafés zusammengeschlossen und bieten nur noch Mehrwegbecher aus nachwachsenden Rohstoffen an. In Freiburg gibt es seit Kurzem in 16 Innenstadt-Cafés und Backshops den "Freiburg-Cup". Auf dem Becher aus maschinenfestem Kunststoff ist die Skyline der Stadt zu sehen. Wuppertal will nachziehen. Eine Münchner Studentin überzeugt Cafébetreiber in ganz Deutschland, Kunden mit mitgebrachten Mehrwegbechern Rabatt zu geben. Inzwischen machen 230 Läden, vor allem im Süden des Landes, mit.

Auch Nadine Bauer, die bei Maxway Coffee in Berlin-Mitte Heißgetränke ausschenkt, hat einen Trend zum Mehrweggeschirr ausgemacht. "30 bis 40 Prozent bringen inzwischen eigene Behälter mit", schätzt die junge Verkäuferin, bei der es zehn Cent Rabatt auf die eigene Tasse gibt.

Auch Starbucks bietet in diesen Fällen 30 Cent Nachlass. "Wir bieten bereits seit Jahren unseren Gästen die Möglichkeit, ihre Lieblingsgetränke im eigenen Becher zu bestellen", erklärt Unternehmenssprecherin Katharina Richter. Thermobecher aus Edelstahl, Kunststoff und Keramik, die nicht nur stylisch, sondern vor allem auslaufsicher sind, haben in Berlin derzeit Hochkonjunktur.

Das geplante Berliner Mehrwegsystem soll aber vor allem die erreichen, die die Becher nicht den ganzen Tag in der Tasche mit sich herumtragen und abends spülen wollen. Um ein flächendeckendes Pfandnetz wie bei Flaschen einzuführen und vielleicht sogar Brandenburger Bahnhofs-Bäckereien in Pendler-Gemeinden mit einzubinden, müssen jedoch noch viele Fragen geklärt werden. Zum Beispiel, wie kleine Shops, die über keine Spülmöglichkeiten verfügen, integriert werden können. Eine Lösung könnte laut Umwelthilfe sogar ein externer Dienstleister sein, der die Becher einsammelt und zentral wäscht. "Ob das dann aber noch eine vernünftige Öko-Bilanz ergibt, muss geprüft werden", gesteht Grünen-Sprecher Kössler.

Am Montag soll das Thema im Wirtschaftsausschuss diskutiert werden. Statt auf die Androhung einer Zwangsabgabe für Wegwerf-Becher, setzt der Umweltexperte auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft zur Teilnahme an einem einheitlichen Mehrwegbechersystem, das auch den Kunden die Wahl lässt. "Wir glauben, dass das über Rabatte und einen schicken Berlin-Becher funktionieren kann."

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