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Mein Sohn, der Nazi

Klamotten der Marke Thor Steinar sind heutzutage in der rechten Szene besonders angesagt.
Klamotten der Marke Thor Steinar sind heutzutage in der rechten Szene besonders angesagt. © Foto: dpa
Maria Neuendorff / 10.09.2013, 21:08 Uhr
Berlin (MOZ) Was macht Rechtsextremismus für Jugendliche attraktiv? Und wie können Eltern reagieren, wenn ihr Kind droht, in die rechte Szene abzurutschen? Antworten auf diese Fragen gibt die Ausstellung "Mein Kind ist rechts - Was kann ich tun?" in Hohenschönhausen.

Als ihr Sohn sie bat, ihm eine Lonsdale-Jacke zu kaufen, wusste Bettina Kalkhofen* noch nicht, dass diese Marke zum rechten Lifestyle gehörte. Schließlich gab es sie damals auch ganz normal im Linden-Center zu kaufen. Doch als dann die Springerstiefel und die hochgekrempelten Hosen dazukamen, die Diskussionen immer aggressiver und aus den Freunden die "Kameraden" wurden, "läuteten bei mir alle Alarmglocken", erinnert sich die Mutter.

Ihr Bericht findet sich auf einer der Ausstellungstafeln in der Anna-Seghers-Bibliothek in Hohenschönhausen. Die Inhalte basieren auf den Erfahrungen der Selbsthilfeorganisation "Eltern gegen rechts", die sich vor zehn Jahren gründete. Damals suchten zwei Mütter rechtsorientierter Söhne den Austausch mit Betroffenen. Keine Selbstverständlichkeit. "Denn gerade Eltern tun sich besonders schwer, Hilfe zu suchen, da sie sich oft schuldig fühlen", weiß Ausstellungskuratorin Eva Prausner. Die Mütter und Väter, die die Mitarbeiterin des Projekts "Eltern stärken" berät, sind häufig über das menschenverachtende Weltbild ihrer Kinder bestürzt und leiden unter enormem Stress und großer Angst. "Diese Gefühle können dafür sorgen, dass die Situation zu Hause eskaliert und man gar nicht mehr in Ruhe miteinander reden kann", sagt die Sozialarbeiterin. Eltern müssten deshalb lernen, sich auch ein Stück weit wieder aus der Problematik rauszuziehen. "Mal Pizza essen gehen, um wieder Normalität ins Familienleben zu bringen", rät die 51-Jährige. "Dauerhafte Eiszeit birgt die Gefahr, dass gar kein Dialog mehr stattfindet."

Doch der ist wichtig, damit der Kontakt zum Kind nicht ganz abbricht. Eltern sollten in ihm trotz allem noch die positiven Seiten sehen, rät Prausner. "Es hilft wenig, wenn man sagt: ,Du bist schlecht. Du bist Nazi.' Besser wäre: ,Ich kenne Dich auch als sensiblen, schlauen Jungen, der sich eine eigene Meinung bilden kann."

Ein klarer Standpunkt ist dennoch wichtig. Eltern sollten dabei aber Schuldzuweisungen vermeiden. "Kinder fühlen sich durch das elterliche Einmischen auf Augenhöhe durchaus wertgeschätzt", sagt die Beraterin.

Genau dieses Gefühl ist es, das viele Jugendliche glauben, in den rechten Kameradschaften zu finden. "Dort erleben sie erst einmal eine unglaubliche Aufwertung der Person - als Deutscher, als Weißer, innerhalb eines rassistischen Weltbildes", erklärt Prausner. Dazu komme die Suche nach Zugehörigkeit. "Plötzlich gab es Leute, die Interesse an mir zeigten und mir vermittelten, dass ich zu ihnen passen würde. Sie kamen für mich aus einer anderen, neuen, faszinierenden Welt", zitiert die Ausstellung einen Aussteiger. Zu einer "elitären Gruppe", einer "verschworenen Gemeinschaft" zu gehören, habe gerade für Pubertierende ihren Reiz. Zudem wurden die klobigen Springerstiefel und Bomberjacken schon lange durch "coole" Designerklamotten mit modernen Schnitten und poppigen Farben ersetzt. Für Außenstehende sind die rechten Symbole nicht immer zu erkennen. Die Ausstellung erklärt deshalb auch Codes wie die "88", die für Heil Hitler steht. Oder die "Triskele", die sich so manches Mädchen in der rechtsextremen Szene tätowieren lässt und die einem dreiarmigen Hakenkreuz ähnelt.

Es sind vor allem auch Schulen, an denen die Kids Kontakt zu rechten Cliquen bekommen. Manch ein Direktor tut sich schwer damit, das Problem zu erkennen. "Spätestens wenn auf den Toiletten die entsprechende Symbolik erscheint, muss die Schule intervenieren", sagt Prausner. "Was verschwiegen wird, wächst leicht über den Kopf."

Auch in der Jahrgangsstufe, in die der Sohn von Bettina Kalkhofen ging, hatte sich eine rechte Gruppe gebildet. "Die Lehrerinnen, die ich ansprach, versuchten alles zu bagatellisieren und schoben die Probleme auf die Pubertät. Es wäre ganz normal, wenn die Jugendlichen Probleme mit Migranten hätten", berichtet die Mutter aus Hohenschönhausen. Später sei dann in der Elternvertretung diskutiert worden, ob man Springerstiefel in der Schule verbieten sollte. "Eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung gab es zum damaligen Zeitpunkt nicht."

Für diese sorgte die Mutter, die selbst Lehrerin ist, dann selbst. "Da mein Sohn mir nicht mehr glaubte, da ich ja eine linke Socke mit DDR-Vergangenheit bin, besorgte ich mir Material von der Bundeszentrale für Politische Bildung", erzählt die Mutter. Wenn es möglich war, versuchte sie, seine Argumente mit Hilfe von Nachschlagewerken zu widerlegen, und bat Freunde, mit ihm zu diskutieren.

Heute ist ihr Sohn 21 und raus aus der Szene. "Ich denke, einige der vielen Diskussionen haben ihn irgendwann zum Nachdenken gebracht", vermutet Bettina Kalkhofen. "Er sieht es vielleicht etwas anders. Egal, ich bin froh, dass ich ihn nie aufgegeben habe." (*Name geändert)

"Mein Kind ist rechts - Was kann ich tun?" bis 2. Oktober in der Anna-Seghers-Bibliothek im Linden-Center, Prerower Platz 2, geöffnet täglich von 9 bis 20 Uhr, mittwochs von 13 bis 19, sonnabends von 9 bis 16 Uhr

Leserforum

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Frank 12.09.2013 - 17:44:03

Gutmensch

freu dich doch über die Info, kannst Dein FDJ-Hemd gegen was schickes eintauschen ohne in Prenzelberg überall anzuecken

Boesmensch 12.09.2013 - 17:38:32

@Frank

Nanu Frank, warum glauben wir denn wieder der "Einheitspresse"?!

Frank 12.09.2013 - 16:52:06

das mit dem Dresscode

Seit 2005 ist Lonsdale in Deutschland Partner der Initiative Laut gegen Nazis. http://www.berliner-zeitung.de/archiv/polizeichef-ueberarbeitet-umstrittene-anweisung-lonsdale-ist-fuer-polizisten-nicht-mehr-verboten,10810590,10629156.html Am 4. November 2008 wurde die MediaTex GmbH an die Al Zarooni Tureva mit Sitz in Dubai verkauft. http://www.morgenpost.de/berlin/article1058671/Arabischer_Investor_kauft_Thor_Steinar.html

Lord of Grinz 12.09.2013 - 16:00:23

Lonsdale..

Sagt mal seit wann ist Lonsdale rechts? Ganz im gegenteil seit 2005 gilt Lonsdale als sympatisant der antifa. Deshalb stellt Lonsdale auch z.B. shirts mit aufdrücken wie: " anifa" oder "lonsdale london against racism and hate" her. Ich bitte darum dies in dem Bericht zu berücksichtigen... oder können sie mir vernünfitige gegenargumente darbieten? LG LoG.

Frank 11.09.2013 - 19:02:08

Ermahnung

was der Nettiquette widerspricht, bitte löschen, da wird wohl nichts von mir zu finden sein. Was soll dan mein Name an erster Stelle? Unter der Gürtellinie in diesem Forum ist wohl mehr die geäußerte plumpe Drohung. Womit? Wollen Sie mir mein Abo kündigen?

d 11.09.2013 - 14:58:21

Frank, Gutmensch und andere

Leider halten Sie sich nicht an die Spielregeln. Diese Seite ist eine der wenigen Medienportale, die im erweiterten Sinne nicht anmeldepflichtig sind. Bitte missbrauchen Sie dieses tolerante Angebot nicht für persönliche Beschimpfungen unter der Gürtellinie. Nehmen Sie die Ermahnung ernst! Die Redaktion

Gott, wirf Hirn herab 11.09.2013 - 14:40:43

Zum Glück folgt noch die Erleuchtung.

"und wenn es "euch" nationalisten nicht gäbe, hätte ich weniger krankenhausaufenthalte hinter mir! oder andere würden noch leben! oder es würde keine kriege mehr geben! . . . was ne schwachsinnige "diskussion"...."

Frank 11.09.2013 - 13:28:26

und nun?

Danke für den Tipp, aber Du weißt sicher besser als ich, dass man da ein halbes Jahr auf einen Termin warten muss.

Frank 11.09.2013 - 12:11:27

Egal

es wird den auf einem Auge erblindeten und wegen durchtrenntem Gesichtsnerv in Sprache und Mimik stark eingeschränkten Berliner Polizisten wenig interessieren, ob die Antifa eine monolithische oder zersplitterte Organisation sind. Sie eignen sich in keinem Fall dazu, als Aufklärer gegen andere, rechte Extremisten aufzutreten und dafür auch noch mit Staatskohle alimentiert zu werden. Die Lehrerschaft ist eh dunkelgrünrot konditioniert, Frau Grünfink-Guthmann braucht Eure Hilfe gar nicht.

gutmensch 11.09.2013 - 12:02:49

@frank

bist du so blöd oder tust du nur so? es gibt nicht DIE antifa, es gibt viele antifaschistische gruppierungen!! und wenn es "euch" nationalisten nicht gäbe, hätte ich weniger krankenhausaufenthalte hinter mir! oder andere würden noch leben! oder es würde keine kriege mehr geben! was ne schwachsinnige "diskussion"....

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