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Berliner Verkehrsbetriebe testen Technik für Sehbehinderte und suchen noch nach Probanden

Verkehr
Wenn die Haltestelle die Tram ansagt

Einer der ersten Probanden: Stephan Heinke testet auf dem Betriebsbahnhof in Lichtenberg eine „sprechende Haltestelle“.  Die neue Technik für blinde und sehbehinderte Menschen wird ab Montag auf der Linie M4 zu finden sein.
Einer der ersten Probanden: Stephan Heinke testet auf dem Betriebsbahnhof in Lichtenberg eine „sprechende Haltestelle“.  Die neue Technik für blinde und sehbehinderte Menschen wird ab Montag auf der Linie M4 zu finden sein. © Foto: MOZ/Maria Neuendorff
Maria Neuendorff / 13.02.2018, 07:00 Uhr
Berlin (MOZ) Sprechende Busse, Haltestellen sowie Apps sollen Blinden und Sehbehinderten künftig das Leben erleichtern. Die Berliner Verkehrsbetriebe testen auf zwei Linien ein Jahr lang neue akustische Lösungen.

Der gelbe Schalter an der Straßenbahnhaltestelle unter dem Fahrplan fällt kaum auf. „Es ist 11.48 Uhr. Die nächste Abfahrt ist in zwei Minuten die M4 Richtung Falkenberg“, ertönt eine Stimme, nachdem man den Knopf gedrückt hat. Noch ist die Ansage recht leise. „Der Lautsprecher sitzt noch etwas tief. Ich habe mein Ohr ja eher selten auf 85 Zentimeter“, sagt Stephan Heinke. Der Mann vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) ist einer der ersten Berliner, die die „sprechende Haltestelle“ testen.

Noch steht sie auf dem Betriebsbahnhof in Lichtenberg. Ab 19. Februar will die BVG auf der Buslinie 186 sowie der Straßenbahnlinie M4 verschiedene Lösungen testen, die blinden und sehbehinderten Menschen Fahrgastinformation in Echtzeit vermitteln. Dafür werden zehn Straßenbahnen, zehn Busse sowie 13 Haltestellen sukzessive bis Ende April 2018 mit akustischen Lösungen ausgestattet. Zudem werden Smartphone-basierte Ideen getestet. „Letztendlich testen wir insgesamt zwölf technische Systeme von sieben unterschiedlichen Herstellern“, erklärt BVG-Sprecher Markus Falkner. Vor allem an Mehrfachhaltestellen seien Ansagen des Echtzeitfahrplans wichtig. „Welcher Bus zuerst kommt und welcher wo zum Einsteigen anhält, entscheidet sich oft innerhalb weniger Momente.“

Zwei Millionen Euro schießt der Senat für das Projekt zu. Schließlich drängt die Zeit. Bis Ende 2021 soll der Öffentliche Nahverkehr in Berlin komplett barrierefrei sein. Dazu gehört neben Aufzügen auch ein vernünftiges Blindenleitsystem. In Dresden, Potsdam und Erfurt gibt es schon länger Außenlautsprecher, die Fahrtziele ansagen. „In Berlin fordern wir solche Lösungen schon seit 25 Jahren“, sagt Heinke. Als Betroffener ist er froh, dass es nun endlich losgeht.

Auf der Tramlinie M4 Richtung S-Bahnhof Hackescher Markt sowie in Richtung Falkenberg werden zehn Bahnen und acht Haltestellen „sprechen“. 17 Fahrzeuge und vier Haltestellen werden zudem mit Technik für die App-Lösungen ausgerüstet. Der Fahrgast erhält dabei auf dem Smartphone über die jeweilige Test-App an der Haltestelle die akustische Information zu den Namen der Haltestellen sowie den nächsten Abfahrten mit Liniennummer, Ziel und voraussichtlichen Abfahrtszeiten. Bei der Einfahrt kündigt die App die Liniennummer sowie das Ziel an. Durch hinterlegte GPS-Koordinaten wird die Haltestelle erkannt. Die App kann auch über planmäßige Veränderungen und Baumaßnahmen informieren. Im Test sind fünf Lösungen.

Manfred Scharbach will nicht erst lange in seiner Jackentasche nach dem Handy nesteln müssen, um an Informationen zu Abfahrtzeiten zu kommen. Der Geschäftsführer des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin (ABSV) will Lösungen, für die die Ohren genügen. Aber auch, dass die sprechende Haltestelle zuerst die Uhrzeit ansagt, findet er unnötig. „Das will ich doch gar nicht wissen“, sagt der 63-Jährige mit dem Blindenstock.

Der sprechende Bus sagt ihm da schon eher zu, der am Montag im Beisein von BVG-Chefin Sigrid Nikutta und Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos) vorgestellt wird. „Ich bin der 186 und fahre zum S-Bahnhof Grunewald“, ertönt es aus dem Lautsprecher, als er in einer Halle auf dem weitläufigen Betriebsgelände die Türen öffnet. „Es ist doch auch viel eher zu finanzieren, 2000 Fahrzeuge umzurüsten als 8000 Haltestellen anzufassen“, glaubt Scharbach. Zumal ein Test mit Haltestellen 2013 in Berlin schon einmal gescheitert sei. Zudem verweist der Verbandsvorsitzende auf die Gefahr von Vandalismus-Schäden, die auf der Straße doch viel größer seien.

Die BVG will sich da aber auf keinen Fall festlegen. Denn auch die sprechenden Fahrzeuge haben ihre Nachteile. Alle Systeme, die hier getestet werden, funktionieren im Prinzip wie die Innenansage recht starr und aktualisieren sich bei einer unvorhergesehenen Änderung des Fahrtziels nicht. So müssten zum Beispiel die Fahrer bei einer Straßensperre über die aktuelle Veränderung informieren.

Eine Gruppe aus blinden, sehbehinderten aber auch sehenden BVG-Kunden soll deshalb die Technik ein Jahr lang ausprobieren und begutachten. Die BVG sucht dafür noch Teilnehmer, die die beiden Linien regelmäßig nutzen und ihre Erfahrungen schildern. Eine Fachfirma wird die Testphase wissenschaftlich begleiten und am Ende auch die Wirtschaftlichkeit prüfen. „Das Ergebnis ist also absolut offen“, betont Sprecher Markus Falkner.

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