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Für Mensch und Tier kein leichter Schritt

Tierisch
Ein Berliner Hausschwein zieht aufs Land

Hausschwein Shade gibt Benjamin Hartmann in seiner Wohnung in Berlin Pfote.
Hausschwein Shade gibt Benjamin Hartmann in seiner Wohnung in Berlin Pfote. © Foto: dpa/Christoph Soeder
dpa / 18.09.2018, 12:51 Uhr - Aktualisiert 18.09.2018, 19:15
Berlin (dpa) Wenn Benjamin Hartmann und sein Freund Marcellino essen gingen, ist ihnen die Aufmerksamkeit der anderen Restaurantgäste eine Zeit lang sicher gewesen.

Damals, als ihr Hausschwein Shade noch klein war und mit am Tisch sitzen konnte. „Wenn sie kam, haben sich immer alle gefreut. Wie bei einem Kind“, sagt der 30-Jährige. Seinem Namen wurde das Tier gerecht – das gefleckte Minnesota-Minischwein folgte seinen Besitzern wie ein Schatten fast überallhin.

Mehrere Medien berichteten, wie seine Besitzer mit ihm im Berliner Tiergarten und im Park am Weißensee spazieren gingen und mit ihm Tram fuhren. Abends durfte es mit ins Bett. Im Wohnzimmer ihrer Erdgeschosswohnung in Berlin-Weißensee fläzte die Sau sich gerne auf ihr eigenes Sofa und ließ sich den runden Bauch kraulen. Zu fressen gab es Obst, Gemüse und Minischweinfutter aus den Niederlanden. Auf der Terrasse mit angeschlossenem Garten konnte sie herumtollen und ihr Geschäft verrichten.

Drei Jahre ist es her, dass Hartmann und sein Partner die damals acht Monate alte Shade beim Züchter abholten. „Wir wollten keinen Hund und haben uns für ein Schwein entschieden, weil sie sehr intelligent sind“, sagt er. „So intelligent, dass man sie nicht alleinlassen kann. Dann werden sie depressiv“, erklärt Hartmann.

Das Mini-Schwein habe den Alltag des Modeunternehmers geprägt, ihn dazu gebracht, seine Arbeitszeiten umzustellen, kein Schweinefleisch mehr zu essen und auch auf andere Dinge zu verzichten. „Selbst in manchen Zigaretten ist Schwein drin“, sagt er. Sein Freund kommt aus Holland, sie sprechen miteinander Englisch, deshalb verstehe auch Shade viele Befehle nur auf Englisch. Bei „High Five!“ beispielsweise gibt sie die Pfote, bei „Sit!“ setzt sie sich hin.

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Trotz allem entschied sich das Paar, vor seinem demnächst geplanten Umzug nach Barcelona Shade abzugeben. Es wurde ihnen klar, dass ihr Haustier in Deutschland besser aufgehoben ist. Artgerechte Haltung, andere Schweine und nette, neue Besitzer – das seien die Kriterien gewesen, nach denen sie im Internet ein neues Zuhause für ihr Mini-Schwein suchten. Und sie wurden fündig.

Der Hof von Anne Paternoga liegt im 215 Kilometer entfernten Ahlsdorf in Sachsen-Anhalt. Sie hat das Grundstück vor fünf Jahren von ihrem Großvater übernommen und nimmt dort seitdem Tiere auf, die keiner mehr will. Dort leben unter anderem Hühner, Pferde, Ziegen und fünf andere Schweine. Um sicherzugehen, dass sein Haustier dort gut aufgehoben ist, ist Hartmann mit dem Roller bis nach Ahlsdorf gefahren und hat sich den Hof angeschaut.

Wenig später fährt Paternoga früh morgens mit einem Kleintransporter nach Berlin, um das Hausschwein abzuholen. „Es ist kein schöner Tag für mich, aber hoffentlich für Shade“, sagt Hartmann. Das 70 Kilo schwere Tier weigert sich stoisch, in das Auto zu steigen und quiekt laut, als es in den mit Decken ausgelegten Transporter gehoben wird. Doch auf der dreistündigen Fahrt bleibt das Mini-Schwein ruhig und lässt sich am Kopf kraulen. „Herzlich willkommen Shade“ steht auf einem Schild, das die neuen Besitzer der Schweine-Dame gemalt haben.

Als der Transporter durch das große rote Eingangstor fährt, will das Shade zunächst nicht aussteigen. „Das war bisher ihre längste Fahrt und wahrscheinlich sehr anstrengend für sie, weil sie die ganze Zeit stehen und ihr Gleichgewicht halten musste“, sagt Benjamin Hartmann. Als sie dann doch den Transporter verlässt, liefert sie sich mit einem Schwein namens Bacon einen Revierkampf. „Hier wird sie vor allem lernen müssen, sich unterzuordnen“, sagt ihre neue Besitzerin.

Das Berliner Hausschwein lebt nun zusammen mit den anderen Tieren in einem Gehege, die Nächte verbringt sie in einem Stall. Wie es ihr gerade geht, erfahren ihre ehemaligen Besitzer über Whatsapp. „Zum Glück hat sie sich eingelebt. Zwischenzeitlich haben wir überlegt, sie wieder zu uns zu holen, weil sie am Anfang den Anschluss nicht gefunden hat und viel alleine war“, sagt Hartmann zweieinhalb Wochen nach Shades Umzug.

Die Anfangszeit sei auch für ihn nicht einfach gewesen, er habe viel geweint. „Sogar auf dem Roller kamen mir die Tränen“, sagt er. Doch es gibt gute Nachrichten aus Ahlsdorf: Mit Bacon habe sich Shade mittlerweile versöhnt. „Er lässt sie von seinem Hafer fressen und in seinem Stall schlafen“, berichtet Hartmann. Noch in diesem Jahr will er seinen ehemaligen Mitbewohner besuchen, auch wenn er dazu dann aus Barcelona anreisen muss.

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