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Energie-Museum
„Drehstrom ist unser Leben“

Silvia Passow / 03.01.2019, 12:38 Uhr
Berlin/Falkensee „Der Fahrstuhl soll in die zweite Etage fahren, jemand steigt ein, drückt den Knopf, fährt ein Stockwerk hinauf. Der Fahrstuhl hält und die Türen öffnen sich.“ Die Türen des Lifts, der als Modell vor Hans Slotkowski auf einem mit technischen Teilen aller Art überfrachteten Arbeitstisch steht, öffnen sich. „Dann soll der Fahrstuhl automatisch wieder ins Erdgeschoss fahren und dort warten“, sagt er und gleichzeitig setzt sich die Fahrstuhl-Miniatur wieder in Bewegung und hält genau dort. Slotkowski sieht zufrieden auf, weist einmal mit dem ausgestreckten Arm durch den Raum. Regale, Tische, Schränke, alles übervoll mit Technik, alte Radios stehen da neben weiteren Modellen aus Fischertechnik. Manche befördern auf Knopfdruck einen Bonbon aus dem Inneren, wie bei einem Snack-Automaten. Andere simulieren Ampelschaltungen. „Alles hier hat etwas mit Steuerungstechnik zu tun“, so der Elektro-Energie-Freund.

Der 79-jährige Slotkowski ist einer von etwa 30 Ehrenamtlichen, die in Berlin im Energie-Museum leidenschaftlich arbeiten. Sie basteln, experimentieren vor den Augen der Besucher oder mit ihnen, erklären und entführen in die Welt der Kabel, Stromnetze und Kraftwerke. In dem dreistöckigen Gebäude in der Teltowkanalstraße 9, um 1910 erbaut, haben sie eine Sammlung historischer Energiegeräte zusammengetragen.

Damit hätten die Energie-Begeisterten kaum einen besseren Platz für ihr Museum wählen können. Ursprünglich stand hier, auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerks Steglitz, die weltweit größte Batteriespeicheranlage. Wie Energie heute funktioniert, verrät der Blick aus dem Fenster. Vattenfall betreibt auf dem Gelände noch immer ein Umspannwerk.

Die Leidenschaft des Havelländers Peter Stenzel (62), ein Diplom-Ingenieur des Maschinenbaus, ist die Physik. Strom, vom Kraftwerk bis zum Toaster, genießt bei ihm besonders hohen Stellenwert. Das Energie-Museum ist ihm Herzenssache geworden, denn sein über die Jahre erworbenes Wissen gibt der Falkenseer gern mit voller Power weiter. Der Rentner übernimmt die Führungen der Besucher. Zudem hat er an anderer Stelle einen Lehrauftrag.

Es ist kein Museum, in dem der Besucher sich selbst überlassen von Vitrine zu Vitrine wandert und sich die Informationen erliest oder ins Ohr säuseln lässt. Hier bekommt jeder seine eigene Führung, ganz individuell dem Grund des Besuchs angepasst. Denn noch ist das 2001 eröffnete Museum ein Geheimtipp unter Fachleuten. So wie die Auszubildenden im zweiten Lehrjahr zum Elektroniker aus der Uckermark, die von Stenzel durch die Sammlung geführt werden. Dabei üben die historischen Transformatoren auf sie nicht weniger Anziehung aus als die Brennstoffzelle einige Räume weiter.

Auch Schulklassen der Grund- und Oberschulen nehmen das zusätzliche Bildungsangebot wahr. Für Stenzel und seine Kollegen, können es gern mehr werden. Auch jeder andere Besucher ist herzlich willkommen. Einzig eine Anmeldung wird erbeten, um die Begleitung durch die Sammlung sicherzustellen. Bisher hat das Museum keine festen Öffnungszeiten.

Jeder ältere Westberliner kennt die BEWAG, den Stromlieferanten, als Berlin noch wie eine Insel mit Strom versorgt wurde. West-Berlin an den östlichen Teil und das Umland anzukoppeln und ein gemeinsames Stromnetz zu schaffen, ist ein wesentlicher Aspekt der Sammlung.

Noch ein Berliner Original findet hier besondere Beachtung: die Litfaßsäule. Ursprünglich zum Plakatieren gedacht, bot sie im Inneren Platz für Transformatoren-Stationen. Eine dieser Säulen ist vor dem Museum zu sehen.

Viele der Geräte sind funktionsfähig, fast alle Gegenstände in der Sammlung können berührt werden. Auch deshalb ist die individuelle Führung sinnvoll. Die Nutzung wird gezeigt und die Geräte in Aktion erlebbar. Nachfragen und ins Gespräch kommen, ist ausdrücklich erwünscht. Vom Kraftwerk über Schaltanlagen, der Kabel- und Funktechnik bis zum Endgerät, findet sich hier alles - und die Sammlung erweitert sich ständig.

Die verschiedenen Themen werden in unterschiedlichen Räumen präsentiert. Ständig sind die Ehrenamtlichen auf der Suche nach neuen Ausstellungsstücken. Mit Sammeln allein ist es nicht getan: Sichten, Sortieren, Einordnen und Präsentieren übernehmen Stenzel und seine Kollegen selbst. Manchmal verleihen sie Stücke, für Filmproduktionen zum Beispiel. Dazwischen schmieden sie Pläne und neue Projekte, denn Sammeln ist das Eine, Wissen und Faszination teilen, das Andere.

In den Räumen der geplanten Literatursammlung warten Fachbücher und Betriebs- und Gebrauchsanleitungen auf ihre Plätze in den bereits aufgestellten Regalen. Hier sollen Interessierte, gern auch Studenten, einen einmaligen Ort zur Recherche bekommen, erzählt Stenzel. Denn viele der Bücher sind Raritäten.

Die Energie liegt hier förmlich in der Luft. „Strom kann man riechen“, sagt Stenzel. Und tatsächlich kitzelt eine Mischung aus Öl mit metallischer Note die Nase. „Es ist das Öl“, klärt der Experte auf. Denn Öl sei früher als Isolier-Medium eingesetzt worden.

Für „sein“ Museum fährt Stenzel gern den Weg von Falkensee nach Berlin-Steglitz. Die Geschichte der elektrischen Energie-Versorgung seiner Stadt und des Umlands begeistert ihn, und diese Begeisterung möchte er gern teilen. „Drehstrom ist unser Leben“, fasst derweil Slotkowski seine Motivation in Worte. Mit „uns“ meint er die 140 Mitglieder des Förderkreises, dessen Mitglieder dieses Museum möglich machen und mit Leben füllen. Der Verein sucht noch energiegeladene Mitglieder.

BESUCHSTERMINE

Mehr Infos zum Energie-Museum gibt es auf www.energie-museum.de. Der Eintritt ist kostenlos, die notwendigen Besuchstermine können unter Tel. 030/70177755 vereinbart werden.

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