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Demos
Klima-Blockaden gehen weiter

Maria Neuendorff / 09.10.2019, 07:00 Uhr
Berlin (MOZ) Emotionale Reden, Deeskalations-Workshops und viel Wärmefolie –wie die Öko-Rebellen ihren zivilen Ungehorsam organisieren.

Kurz bevor die Polizei den Potsdamer Platz am Dienstagvormittag endgültig räumt, wird es noch einmal emotional. "Ich weiß, dass ihr nicht gerne hier seid. Ich bin auch nicht gerne hier", sagt einer aus der Gruppe der Sitzblockierer zu den umstehenden Polizisten. "Aber ich kann einfach nicht anders. Denn ich habe Angst. Angst, um mich und alle anderen Lebewesen dieser Erde", erklärt der Klimaaktivist.

Vielleicht ist es wirklich Angst vor dem Weltuntergang, die diese enorme Energie freisetzt. "Walter" harrt seit 24 Stunden trotz Nässe und Kälte am Potsdamer Platz aus. Nur eine Pelzmütze schützt ihn vor dem Dauerregen. In der einen Hand hält der "Klima-Rebelle" einen Tee, in der anderen eine Karotte. Gemeinsam mit 200 anderen hat er draußen übernachtet. Nun, nachdem die Polizei auch diejenigen weggetragen hat, die sich an eine Badewanne mit Beton gekettet hatten, bewacht er die Taschen und Schlafsäcke der Mitstreiter, die nun zur Siegessäule pilgern, wo die bisher sehr milde agierende Polizei noch bis zum Abend räumt.

Extinction Rebellion hat für die ganze Woche Aktionen angekündigt. Die Umweltschutzbewegung will mit ihren Aktionen des  "zivilen Ungehorsams" in Berlin und anderen Großstädten auf eine drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen. "Aufstand gegen das Aussterben", heißt ihr Name übersetzt.

In einem Einkaufswagen haben Walter und seine Untergruppe "Wilma"  mitgebracht. "Sie ist eine Korkenzieherweide. Weil sie schon im Frühjahr blüht, ist sie wichtig für die Bienen, die aus dem Winterschlaf erwachen und wenig zu essen finden", erklärt der 30-Jährige, der seinen richtigen Namen und Beruf nicht nennen will.  Nur so viel: Er kommt aus der linken Szene. Hat unter anderem schon gegen Nazi-Aufmärsche demonstriert. Nun, im Fridays-for-Future-Zeitalter, gehe es ihm nicht nur um das reine Blockieren des Autoverkehrs, sondern darum, mit den Menschen über die Pflanze ins Gespräch über die Umweltprobleme zu kommen, erklärt der Berliner.

Seine Gruppe ist gut organisiert. Auf dem Potsdamer Platz wurden Öko-Toiletten aufgestellt. Stühle, Zelte und Lebensmittel werden mit einem Lkw zurück ins Klima-Camp vor dem Reichstag gebracht. In der temporären Zeltstadt mitten im Regierungsviertel hat Thomas Herzog das erste Mal mit der Bewegung Kontakt aufgenommen. "Ich bei der großen Fridays for Future und wollte mir das erst einmal nur anschauen", erzählt der 55-jährige Sozialarbeiter aus Schöneberg.  Im Infozelt erfuhrt er, wie er mitmachen kann. "Man muss sich nicht selbst auf die Straße setzen, man kann auch in der Küche helfen oder logistische Aufgaben übernehmen."

Mittwoch auf dem Kudamm

Herzog nahm an einem dreistündigen Deeskalationstraining teil. Nun vermittelt er zwischen Polizei und Demonstranten, wenn beispielsweise die Musikanlage zu laut ist. Oder beschwichtigt einen Passanten, der sauer ist, weil  Busse blockiert sind. Über einen Messenger-Dienst bekommt er spontan die Einsatzorte zugeteilt. Herzog, der an einer Neuköllner Schule arbeitet, hat gerade Urlaub. Obwohl er jetzt schon leicht übernächtigt und erkältet ist, will er die Woche durchhalten. Am Mittwoch soll der Kurfürstendamm lahm gelegt werden. Zur Kritik der Ex-Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth, die die Rebellen als esoterische Sekte bezeichnet, kann er nicht viel sagen. "Natürlich muss man genau hinschauen, und ich bin erst kurz dabei. Aber Leute sind super nett, die Stimmung toll und der Umgang mit der Polizei läuft wirklich fantastisch, das habe ich bei einer Protestaktion so noch nie erlebt."

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