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Grenzbesuche
Mauergedenken, Mauerkitsch, Mauervergessen

André Bochow / 09.11.2019, 08:30 Uhr
Berlin (NBR) Die Versuche, an die Berliner Mauer zu erinnern, sind zahlreich und werden nicht zuletzt von Geschichtslehrern sowie Touristen auch erwartet. Nicht alles ist gelungen, aber wer will, kann mit der Mauer neue Erfahrungen machen. Da, wo die Mauer stand, mischen sich Gedenken, Geschäftemacherei, Verständnis, Unverständnis und Angeberei. Ein Besuch.

Der Wind pfeift kalt von Osten, aber es regnet nicht.Irgendwie das perfekte Wetter für einen "Grenzbesuch" an der Bernauer Straße.Ein sportlich aussehender Mitvierziger erklärt seinem vielleicht 12jährigen Sohn, wie das so war vor 30 Jahren. "Genau hier war die Grenze. Zwei Mauern aus Beton und noch andere Sperren."Dem Jungen ist anzusehen, dass seine Phantasie auf eine harte Probe gestellt wird. "Nachts wurde der Grenzstreifen voll ausgeleuchtet, damit es noch schwerer war, abzuhauen." So war es. Bilder, Tafeln und sprechende Säulen helfen, sich die Mauer vorzustellen. Entlang der Bernauer Straße, aber oft hinter neunen Häusern,zieht sich die Gedenkstätte, die im Grunde ein großes Freiluftmuseum ist. Zwischen Strelitzer Straße und Nordbahnhof steht als Highlight ein echter Mauerrest. Mal löchrig, weil die Touristen sich Stücke herausklauben, mal wieder geflickt. Die Gedenkstätte ist großartig, zeigt Fluchttunnel, Mauerverlauf und Brutalität des Grenzregimes. Die Touristengruppen strömen regelrecht über das Gelände. Ausstellungen, die Kapelle der Versöhnung und der Westblick von einer Aussichtsplattform – das alles hilft beim Verstehen.Andererseits: hilft es wirklich, wenn vor einem die Straße liegt, über die man nun seit fast dreißig Jahren auf die jeweils andere Seite wechseln kann,wie bei jeder anderen Straße auch?

Im Souvenirladen an der Strelitzer Straßegibt es den üblichen Kitsch. Kühlschrankmagnete, Flaschenöffner und Glasbehälter mit künstlichem Schneegestöber. Ganz wichtig aber ist: Auch noch 30 Jahre nach ihrem Fall, kann man Teile der Mauer kaufen. Die Frage ist nur: Sind die meist bunten Mauerbröckchen echt? "Also ja, die sind echt", sagtHanna Werner, dieVerkäuferin."Allerdings wird die Farbe raufgesprüht." Und woher kommen nach 30 Jahren die Originalteilchen? "Mir wurde gesagt, wir bekommen sie von jemandem, der die Mauersegmente damals entsorgen sollte, sie aber behalten hat."Die 21jährigeweiß aber auch, "dass in der Stadt viele unechte Steine im Umlauf sind. Auf dem Alexanderplatz zum Beispiel."

Wer Original-Mauerteile anbietet, muss sie von Volker Pawlowski haben. Der ehemalige Bauarbeiter ist derjenige, der sich nach dem Mauerfall praktisch alle Mauerreste sichern konnte. "Das Großhandelsunternehmen Pawlowski Souvenirs & Postkarten ist seit 1992 der Ansprechpartner für Berliner Souvenir Artikel mit original Berliner Mauerstücken sowie Berlin T-Shirts und Postkarten", heißt es in der Eigenwerbung. Pawlowski ist praktisch Mauer-Monopolist. Seine Stückchen unter Acrylglas kann man im Internet bestellen oder in zahlreichen Souvenirshops erstehen. Vor Jahren hat der Berliner Mineraloge Ralf Milke eine Methode entwickelt, um die Echtheit von Mauerteilen zu ermitteln. Wichtig dabei ist die "Röntgen-Pulverdiffraktion". Mit ihrer Hilfe lässt sich diekristalline Struktur des Betons bestimmen und manerhält so etwas wie einen strukturellen Fingerabdruck.In einem Interview mit Studenten der FU erklärte Milke, die auf Plexiglassockel montierten Mini-Segmente aus dem "Laden von Herrn Pawlowski" sind echt. "Im gleichen Laden kann man aber auch lauter kleinere Teile kaufen, in Plastikdöschen, als Teil von Postkarten oder Lesezeichen. Die sind meistens Fälschungen." Meistens, aber nicht immer. Und überhaupt, es ist üblich, dass sich Reliquien vermehren. Beispielsweise waren schon im 16. Jahrhundert so viele Splitter vom Heiligen Kreuz im Umlauf, dass der Gelehrte Erasmus von Rotterdam ulkte, man könnte damit "ein Lastschiff vollladen". Na und? Damals wie heute kommt es auf den Glauben an.

Wem Freiluftmuseen und Touristenmassen nicht liegen, sollte sich aufs Rad setzen. Der vom Berliner Senat offiziell als "Rad –und Wanderweg" ausgewiesene Rundkurs hat allerdings eine Länge von 160 Kilometern. Es bietet sich das Erschließen von Teilstrecken an. Wer etwa von der Mauergedenkstätte kommend, den Mauerpark durchquert, die Schwedter Straße hinauf bis zur Fußgängerbrücke fährt undsich dann auf deranderen Seite hinunterrollen lässt, wird, vorausgesetzt er rollt zu einer bestimmten Zeit im Frühling, einen atemberaubenden Blick auf blühende japanische Kirschen haben. Und wer nicht zu schnell fährt, der wird neben einem symbolhaft zerbrochenen Stein eine kleine Gedenktafel finden. "Kirschbäume gespendet von japanischen Bürgern aus Freude über die Vereinigung unseres Volkes",ist darauf zu lesen. Das macht so glücklich, wie die Kirschblüte selbst.

Und wo ist nun die Mauer? Immer noch kann man diese Frage von Touristen hören. Die fahren dann zur East-Side-Gallery im Friedrichshain. Die ist aber eigentlich vor allem dafür da, dem Sänger David Haselhoff als Hintergrund für seine immerwiederkehrenden Berlin-Auftritte zu dienen, damit noch mehr Menschen glauben, sein "Looking for Freedom" habe in der Silvesternacht 1989 die Mauer nachträglich, aber dafür endgültig zum Einsturz gebracht. Nein, ein authentisches Grenzerlebnis ist nicht mehr möglich. Oder doch? Da gibt es ja noch den Checkpoint Charlie. Gut, der Point selbst hat eher etwas Operettenhaftes und wird in der Umgebung neuerdings von einem Lokal umrahmt, das "Army Food" anbietet. Die Gäste können auf Munitionskästen und hinter Sandsäcken sitzen, die etwaiges feindliches Feuer aufzufangen imstande sein sollten. Wobei die ebenfalls aufgefahrene Gulaschkanone so aussieht, als könne sie sogar zur aktiven Verteidigung beitragen.Das "Army Food" besteht aus "Bortsch", "Erbsen mit Bockwurst" und Gulasch mit Buchweizen. Erinnert eher an die Feldküche bei einemManöver von NVA und Sowjetarmee. Aber die Adresse ist toll: Mauerstraße 1.

Die richtige Mauer gibt es ein paar Meter weiter zu sehen. Also, fast die richtige.Yadegar Asisi hat hier ein Panorama hingestellt. "Der Berliner Künstler zeigt das Leben an und mit der Mauer an einem fiktiven Herbsttag in den 1980er Jahren im Maßstab 1:1", heißt es im am Eingang gereichten Flyer. Man schautan diesem Herbsttag von Kreuzberg nach Mitte. Sagen wir es so, die Tondokumente, die die Stimmen von Ernst Reuter, Walter Ulbricht oder Erich Honecker präsentieren, sind deutlich eindrucksvoller als das Panorama. Im Gegensatz zum Pergamon-Panorama, das Asisi kürzlich für Berlin gefertigt hat, wirkt das Mauerhalbrundbild blutleer. Immerhin können bei der Besichtigung alle Leugner eines Mauer-Schießbefehls den Satz des damaligen DDR-Verteidigungsministers Heinz Hoffmann hören, der 1966 gesagt hat: "Wer unsere Grenze nicht respektiert, der bekommt die Kugel zu spüren."

Vor dem Panorama studieren Marion Schulze und ihre Tochter Mauer-Erklärtafeln. Sie kommen aus München und sind auf Familienbesuch. Warum nicht gleich noch ein bisschen Geschichte tanken?Den Mauerverlauf zu finden, hält die 46jährige Lebensmittelchemikerin Chemie "für schwierig".Und tatsächlich: Mal sieht manzum BeispielPflastersteine, die den Verlauf markieren, mal nicht. Am BahnhofWollankstraße im Wedding verschwinden sie auf einer Baustelle und hier am Checkpoint Charlie tauchen sie an einer Stelle wie aus dem Nichts auf. Die Tochter sagt, sie habe in der Schule noch nie etwas über die Mauer gehört. "Mein Mann ist aus dem Osten und ich aus dem Westen", sagt Marion Schulze. "Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, hätte es die Kinder gar nicht gegeben." Insofern ist der Verlauf egal. Entscheidend ist: Die Mauer musste weg.

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