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Wellenreiten
Berliner Surfer kommen im Wellenwerk auf ihre Kosten

Wellenreiten im Herzen der Stadt: Volontärin Jacqueline Westermann surft sonst im Salzwasser. In Berlin hat sie nun im Selbstversuch die künstlichen Welle getestet.
Wellenreiten im Herzen der Stadt: Volontärin Jacqueline Westermann surft sonst im Salzwasser. In Berlin hat sie nun im Selbstversuch die künstlichen Welle getestet. © Foto: Soeren Stache/dpa
Jacqueline Westermann / 11.01.2020, 09:30 Uhr - Aktualisiert 11.01.2020, 10:23
Berlin (MOZ) Es ist Donnerstagnachmittag, ich stehe im Neoprenanzug und mit Surfbrett unterm Arm am Beckenrand. Der Surflehrer im Wellenwerk Berlin hält stabilisierend die Hand und erklärt Schritt für Schritt: erst am Rand sitzen, dann langsam aufstehen. Ganz anders als im Meer.

München hat den Eisbach, Sylt den Brandenburger Strand – und Berlin? Ist nicht unbedingt als Surf-Hotspot bekannt. Dabei gibt es genug Wellenfans in der Hauptstadt. Laut Statistik 25 000 aktive Surfer. "Das bezweifle ich. Als aktiv gilt, wer einmal im Jahr surft. Sollten diese 25 000 regelmäßig surfen und bei uns vorbeikommen, wären wir ruckzuck für das ganze Jahr ausgebucht", klärt Julius Niehus auf. Er ist Mitgründer und Pressesprecher des Wellenwerk Berlin, das Ende November die erste künstliche Surfwelle der Region eröffnete.

Niehus und seinen Mitstreitern kam im Januar 2017 die Idee, acht Monate später unterschrieben sie den Mietvertrag an der Landsberger Allee. Die jungen Unternehmer arbeiteten unkonventionell, waren Architekt, Entwickler und Bauherr in Einem. Finanziert wurde das Projekt über öffentliche Fördergelder, Bankenkredite und Eigenkapital. Baubeginn war Anfang 2019. Niehus erklärt stolz: "Wir haben alles selber gemacht." Die Wellenproduktion übernimmt aber die Maschine. Zehn Pumpen, Schwerkraft und eine hydraulische Rampe lassen fließendes auf stehendes Wasser treffen und kreieren die Welle. "Man spricht auch vom physikalischen Jump(Sprung-)effekt", erklärt Niehus. Man merkt sofort, dass der 29-Jährige das Prinzip öfter erklärt. Ich hingegen musste mir noch nie Gedanken um Wellenproduktion machen. Im Ozean, meinem normalen Surfhabitat, macht das die Natur.

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Wie gut surft es sich in Berlin?

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Surfer werden oft zurecht kritisiert: Viele fliegen für die perfekte Welle um die Welt. Das Wellenwerk hingegen ist mit dem Fahrrad oder der Tram erreichbar. Doch wie grün ist das Surfen hier wirklich? Angenehme 28 Grad in der Halle und 25 Grad im Wasser klingen nach hohen Heiz- und Stromkosten. Das Wellenwerk versucht jedoch möglichst umweltfreundlich zu agieren. "Wir nutzen 100 Prozent Ökostrom. Das Wasser wird durch die Abwärme der Pumpen erwärmt. Separate Wärmepumpen entziehen dem Wasser Wärme, sobald es sich auf über 25 Grad erhitzt. Mit der entzogenen Wärme beheizen wir Räumlichkeiten, Brauchwasser und leiten sie als Nahwärme an unsere Nachbarn."

Eine Stammklientel hat sich schon etabliert. Vor allem in den Profi-Stunden kommen fast immer die gleichen Wellenbegeisterten. Doch auch in den anderen Surf-Einheiten sieht man vermehrt vertraute Gesichter. Wie Klaudia Statnik. Seit 2017 surft sie, musste bisher dafür immer ans Meer reisen. "Der Start des Wellenwerks verzögerte sich ja etwas, umso schneller stand ich nach der Neueröffnung für meine erste Session auf der Matte", sagt die 29-Jährige. Nach einer Anfängerstunde besucht sie nun regelmäßig die Fortgeschrittenen-Variante. "Es ist unglaublich – ich stehe mitten in Berlin und surfe! Die stehende Welle erlaubt es mir, an Technik, Haltung und Co zu arbeiten. Gleichzeitig ist die mentale Erfahrung sehr ähnlich zum Meeressurfen. Man ist sehr bei sich, in diesem typischen Zustand der Konzentration und des Flows." Nur ins Geld gehe der ungewohnte Sport schon.

In der Tat, billig ist das Surfen im Wellenwerk nicht. Pro Stunde 39,90 Euro, zuzüglich zwei Euro Ökostromzulage. Aber wer das Wellenreiten schon immer ausprobieren wollte, aber keine Mittel oder Lust zum Reisen hat, kann diese Erfahrung nun mitten in Berlin machen.

Die Anfängerstunde startet mit einer Haltestange. Meine neun Mitsurfenden und ich dürfen die Hilfestellung eine Runde ausprobieren. Alle haben Surferfahrung und so wird es schnell ernst. Ohne Stange, aber weiter mit helfender Hand.

Das Wellenwerk hat im November 2019 die erste künstliche Surfwelle der Hauptstadt eröffnet. Wir haben für euch spektakuläre Bilder.
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Surfen im Wellenwerk Berlin

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Anfangs sollte auf der stehenden Welle auf einer Höhe gesurft werden, ohne nach vorne oder auf den Wellenkamm zurück zu surfen. Leichter gesagt, als getan. Mehrmals fange ich diese Pendelbewegung aus Gewohnheit an und schüttle innerlich den Kopf über mich selbst. Nach jeder Runde gibt es Feedback. Ich merke schnell Fortschritte; das auf mich zuschießende Wasser bleibt aber ein ungewohnter Anblick!

Die Unfallgefahr ist zwar gering, ganz auszuschließen jedoch nicht. Vor jeder Einheit gibt es eine Sicherheitseinführung. Bei Kindern bis 16 Jahre besteht Helmpflicht. "Wenn ihr fallt – und das werdet ihr alle – immer Arme vors Gesicht und den Kopf schützen! Lieber einen blauen Fleck am Arm, als das Brett gegen die Nase", hatte Surflehrer Jens während der Einführung ermahnt. Recht behielt er. Irgendwann schmeißt es alle vom Board, am Ende des Beckens spuckt der Sog uns aus. Doch alles ist heil geblieben, eine gesunde Portion Respekt vor der Welle sollte man sich beibehalten.

Die Eröffnung ist keine zwei Monate her, aber für 2020 ist viel geplant. "Restaurant, Cocktailbar, Biergarten, Surfshop und im Nebengebäude Surfboard-, Motorrad- und Oldtimerwerkstätten", zählt Niehus auf. "Das Team wird von 19 auf 50 wachsen. Langfristig wollen wir eine Art ‚RAW-Gelände zum Sportmachen‘ etablieren, auf dem die ganze Familie Spaß haben kann." Klaudia Statnik freut sich schon auf die Erweiterungen: "Ich bin mir sicher, dass das Wellenwerk zu einem zentralen und sympathischen Treffpunkt der Berliner Surfcommunity werden kann."

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Interview: Wie entsteht die erste künstliche Welle Berlins?

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