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Barrierefreiheit
Gehörlose fühlen sich in der Corona-Krise oft nicht gut informiert

Gebärdensprachdolmetscherin Gudrun Hillert übersetzt die Worte von Brandenburgs Ministerpräsident  Woidke und Berlins Bürgermeister Müller während der Corona-Krise.
Gebärdensprachdolmetscherin Gudrun Hillert übersetzt die Worte von Brandenburgs Ministerpräsident  Woidke und Berlins Bürgermeister Müller während der Corona-Krise. © Foto: Soeren Stache/dpa
Michael Heider / 20.03.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 20.03.2020, 09:04
Berlin (MOZ) Mit Informationen zu Corona sei es ein wenig wie mit der sprichwörtlichen Karotte, die einem vor die Nase gehalten wird und die man nie wirklich erwischt, sagt Clara Belz. Die 24-jährige Studentin gehört zu den knapp 83.000 Menschen in Deutschland, die taub sind.

Für das Gespräch ist eine Dolmetscherin für deutsche Laut- und Gebärdensprache per Video zugeschaltet, um Fragen und Antworten simultan ins Telefon zu übersetzen. Es gebe nur eine kleine Zahl solcher Dolmetscher, weshalb nicht immer jemand zur Verfügung stehe. Auch ein Notfalldienst existiere nicht. "Wenn ich mir vorstelle, ich würde mich mit dem Coronavirus anstecken, dann wüsste ich nicht, wie das funktionieren soll", sagt Clara.

Corona-Informationen zweiter Klasse

Bereits der Zugang zu Informationen gestalte sich schwer. Egal, ob Pressekonferenzen oder Internetauftritte von Behörden undInstituten. Übersetzungen inGebärdensprache, sagt sie, suche man derzeit oft vergeblich. Hinzu kommt, dass für viele gehörlose Menschen, die von Geburt an mit Gebärdensprache aufgewachsen sind, auch schriftliche Informationen nur begrenzt von Nutzen sind. "Es wäre dringend notwendig, dass entsprechendeInformationen in Gebärdensprache auch im Fernsehen zu sehen sind", meint Clara daher.

Dieser Meinung ist auch Norbert Gillmeister vom Brandenburger Landesverband des Deutschen Schwerhörigenbundes. "Schwerhörige und Ertaubte fühlen sich in den Medien nicht wohl vertreten", sagt er. Auch würden ihn häufig Klagen von hörgeschädigten Menschen erreichen, die auf Nachfragen keine ausreichenden Antworten bekommen.

Dabei seien die Voraussetzungen hierfür auf dem Papier bereits vorhanden, meint Thomas Geißler. Er ist Mitarbeiter der Abteilung Gebärdensprachdolmetschen/Deaf Studies an der Humboldt-Universität in Berlin und kam selbst taub zur Welt.  Die UN-Behindertenrechtskonvention etwa,  sie schreibe einen barrierefreien Informationszugang vor und sei von Deutschlandbereits ratifiziert worden. Lediglich an der Umsetzung hake es.

Ein weiteres Problem sei, dass Medien eingeblendete Dolmetscher als ästhetisches Problembetrachten. Wenn überhaupt, werden Übersetzung oft nur zeitverzögert im Internet angeboten. "Das bedeutet, das ist Information zweiter, dritter Klasse", findet Geißler. Hierbei habe man nicht das Gefühl, gleichbehandelt zu werden.

Doch es gebe gute Signale. Das Robert-Koch-Institut setzt mittlerweile Dolmetscher für Gebärdensprache für seinen Lagebericht ein. "Deutschland ist spät dran", sagt Geißler. "Aber im Moment passiert etwas."

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