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Existenz-Hilfe
Berliner Verein verlost in Corona-Krise bedingungslose Grundeinkommen

Existenzangst durch Sicherheit ersetzen: Der von Michael Bohmeyer gegründete Verein "Mein Grundeinkommen" verlost in der Corona-Krise 30 bedingungslose Grundeinkommen im Gesamtwert von 240.000 Euro.
Existenzangst durch Sicherheit ersetzen: Der von Michael Bohmeyer gegründete Verein "Mein Grundeinkommen" verlost in der Corona-Krise 30 bedingungslose Grundeinkommen im Gesamtwert von 240.000 Euro. © Foto: Christian Stollwerk für MeinBGE
Michael Heider / 26.03.2020, 04:15 Uhr - Aktualisiert 26.03.2020, 08:45
Berlin (MOZ) Es scheint eine starke Idee zu sein", sagt Michael Bohmeyer über das bedingungslose Grundeinkommen. "Niemand von uns weiß, wie es wirklich wirkt." Aus diesem Grund habe er sich vor sechs Jahren daran gemacht, es einfach auszuprobieren. "Um die Debatte zu bereichern", wie er sagt.

Mit seinem Verein "Mein Grundeinkommen" sammelt der gebürtige Rüdersdorfer seit 2014 Spenden und verlost einjährige bedingungslose Grundeinkommen von 1000 Euro pro Monat. Um das Geld an sich gehe es dabei nicht, betont er. Das Schöne sei vielmehr die Planungssicherheit – zu wissen, was kommt. "Das ist gerade in Krisenzeiten etwas, was hoch im Kurs steht."

Dass Bohmeyer mit seiner Haltung zum Grundeinkommen nicht allein ist, wird nicht zuletzt in der Corona-Krise  deutlich. Um der weiteren Ausbreitung des Virus vorzubeugen, mussten die meisten Läden und Betriebe schließen. Branchenübergreifend sehen sich Beschäftigte und Selbstständige mit Verdienstausfällen und Auftragseinbrüchen konfrontiert. Tausende bangen um ihre Existenz.

Gesamtwert der Verlosung: 240.000 Euro

Zwar beschließen Bund und Länder Hilfspakete historischen Ausmaßes – in Berlin bringt der Senat Soforthilfen in Höhe von bis zu 600 Millionen Euro auf den Weg. Dennoch werden Stimmen laut, die nach unbürokratischen Alternativen rufen. Der Generalsekretär des Deutschen Musikrats, Christian Höppner, sprach sich etwa für ein auf sechs Monate befristetes Grundeinkommen in Höhe von 1000 Euro für alle freiberuflichen Kreativschaffenden aus.

Und knapp 400.000 Unterzeichner finden sich unter einer von der Berliner Tonia Merz initiierten Online-Petition, die ebenfalls ein bedingungsloses Grundeinkommen für die Zeit der Corona-Krise zum Ziel hat.

Die Modedesignerin betreibt ein Bekleidungsgeschäft. In ihrem Aufruf schreibt sie, dass es ihr trotz überdurchschnittlich viel Arbeit nicht gelungen sei, ausreichend Rücklagen zu bilden. Sich selbst und ihr Team von fünf Angestellten bringe sie so nicht durch die Krise. "Unzähligen Selbstständigen, Kreativen, Musikern, Künstlern, Veranstaltern und Überlebenskünstlern", heißt es weiter, gehe es genauso. Für alle Betroffenen fordert sie daher 800 bis 1200 Euro pro Person für die Dauer von sechs Monaten.

"Wir halten das für einen ganz spannenden Impuls", sagt Michael Bohmeyer. Auf die Petition wolle "Mein Grundeinkommen" daher mit einer vorgezogenen Verlosung unter angepassten Vorzeichen reagieren. Unter dem Motto "Zusammen sind wir weniger allein" sollen 30 bedingungslose Grundeinkommen  im Gesamtwert von 240.000 Euro verschenkt werden. Für die Dauer von einem halben Jahrerhalten die Gewinner jeweils 1000 Euro pro Monat. "Indem wir die Laufzeit halbieren, können wir doppelt so viele Grundeinkommen verlosen", erklärt Bohmeyer. Stattfinden soll die Verlosung am 1. April.

Von den positiven Effekten eines bedingungslosen Grundeinkommens zeigt sich der Vereinsgründer überzeugt. Bestätigt sieht er sich nicht zuletzt in den Erfahrungsberichten bisheriger Gewinner. Auf über 500 ist deren Zahl in den vergangenen sechs Jahren bereits angewachsen. Der  Bezug von etwas Bedingungslosem, schilderten viele, werfe zunächst einmal viele Fragen auf. Lebensentwürfe würden überdacht, ebenso der Stellenwert von Arbeit und Beziehung.

Umsetzung des BGE nicht in Krisenzeit

"Und ja, einige denken auch darüber nach, ihren Job zu kündigen, aber dann merken sie, dass sie jetzt die Freiheit haben zu gehen und entscheiden sich letztlich dagegen", sagt Bohmeyer. Ein Phänomen, das nicht zuletzt bei jenen zu beobachten sei, die sich selbst der Mittelschicht zurechnen und behaupten, abgesichert zu sein. "Die Existenzängste, die sie subtil mit sich herumtragen, werden plötzlich sichtbar und dann überwunden."

Die Einführung eines dauerhaften Grundeinkommens sollte dennoch wohl überlegt sein und eher nicht in einer Krisenzeit umgesetzt werden, meint Bohmeyer. "Was wir jetzt aber mit dem vorübergehenden Notfall-Grundeinkommen als Gesellschaft in der Krise herausfinden können, ist, ob wir Privatpersonen ebenso zutrauen können, mit dem Geld sinnvoll umzugehen, wie wir es bei Rettungspaketen für Banken und Firmen tun."

Verlosung und Petition

Die Verlosung unter dem Motto "Zusammen sind wir weniger allein” startet am 1. April um 19 Uhr und kann via Live-Stream auf der Verlosungsseite von "Mein Grundeinkommen" mitverfolgt werden. Teilnahmeberechtigt sind alle Menschen, die sich auf der Internetseite www.mein-grundeinkommen.de registrieren. Die Registrierung ist kostenlos. Die Teilnahme ist an keine Bedingungen geknüpft. Benötigt wird eine E-Mail-Adresse, die zur Kontaktaufnahme im Gewinnfall dient. Die Online-Petition von Tonia Merz trägt den Titel "Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen durch die Coronakrise" und kann auf der Online-Plattform www.change.org aufgerufen werden. Unterstützer können dort unterschreiben.

Alle Informationen rund um das Coronavirus in Berlin und Brandenburg erfahren Sie in unserem Blog.

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