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Geschichte
Broschüre über Marzahn-Hellersdorf - Luftschiffe über Biesdorf

Von Maria Neuendorff / 01.08.2020, 04:15 Uhr
Berlin (NBR) Marzahn-Hellersdorf hat sich in den vergangenen Jahren zu einem dynamischen und innovativen Wirtschafts- und Gesundheitsstandort entwickelt. Inzwischen haben sich in den Gewerbegebieten am nordöstlichen Stadtrand mit Autobahnanschluss viele Unternehmen angesiedelt.

Weniger bekannt ist allerdings die Tatsache, dass im Territorium des heutigen Bezirks schon seit rund 200 Jahren wissenschaftliche und technische Meisterleistungen vollbracht wurden. "Erdacht & gemacht in Marzahn-Hellersdorf" heißt eine neue Bezirksbroschüre, die von den klugen Köpfen erzählt, die den Standort in der Vergangenheit voranbrachten und prägten. Auf insgesamt 136 Seiten mit rund 130 historischen Fotos wird unter anderem die Geschichte von Georg Wilhelm von Siemens (1855 -1919) erzählt, der in Biesdorf-Süd unter anderem bis 1909 eine Halle für Luftschiffe errichten ließ.

Technische Meisterleistung

Ihr Bau galt damals als weltweit einmalige technische Meisterleistung. Die gesamte Konstruktion der 135 Meter langen, 25 Meter hohen und breiten sowie 1200 Tonnen schweren Luftschiffhalle ruhte auf einem kreisrunden Gleisbett, das je nach Windrichtung mit Motorkraft in verschiedene Stellungen gebracht werden konnte.

Siemens war es auch, der bei sich auf dem Gut Biesdorf regelmäßig die politische und geistige Elite Preußens sowie der Stadt Berlin zusammenbrachte. Inge-nieure, Erfinder und Kreative trafen sich bei ihm ab 1890 zum Tee, zum Diner oder zur Jagd, aber auch zum  regen Austausch über Ideen, Pläne und Zukunftsvisionen. "Alles, was in Berlin Rang und Namen hatte, kam in Biesdorf zusammen. Nobelpreisträger gingen ein und aus", sagt Oleg Peters, Autor der Broschüre.

Gemeinsam mit zwei Kollegen hat der Historiker unter anderem die Tagebuch-Eintragungen sowie Briefe von Siemens ausgewertet. "Gestern war Regierungsrat Schubert  bei mir in Biesdorf. Wir sprachen auch über die projektierte elektrische Bahn für Berlin...", schrieb Siemens zum Beispiel am 27. Juli 1889 an seinen Vater.

So dokumentiert die neue Publikation unter anderem, wie untrennbar die Region mit dem Aufstieg des Siemensschen Unternehmens und seinem Einfluss auf die umwälzenden Entwicklungen jener Zeit verbunden war. Zu damaligen Meilensteinen zählten die ersten Metallfaden-Glühlampen, Schnellbahnversuche sowie die Konstruktion des ersten Schnelltelegrafen. Auch Biesdorf selbst, damals noch vor den Toren der Stadt gelegen, veränderte sich. Siemens gab große Teile seiner Ländereien für neue Straßen, den Bau der "Epileptischen Heilanstalt Wuhlheide" und für die Eisenbahnlinie Kaulsdorf-Rummelsburg an die Stadt Berlin ab. "Hinter diesen Veräußerungen standen oft soziale Aspekte...", schreibt Peters.

Der Leiter der Forschungsstelle Baugeschichte Berlin ist seit 1995 auch als Publizist tätig. Als er für das Standortmarketing des Bezirks für eine Broschüre zum Gut Biesdorf recherchierte, stieß er auf viele bekannte Namen, vom Physiker Helmholtz bis zum Bremsen-Tüftler Knorr.

Man kann ja auch mal zurückschauen, dachte sich der 60-Jährige. "Das Klischee von Marzahn-Hellersdorf als Trabantenstadt, wo nur geschlafen werde, hält sich teilweise bis heute", weiß Peters, der selbst in Biesdorf geboren ist. Inzwischen werde der Stadtrandbezirk mit 25 Prozent Grünfläche zwar von immer mehr Berlinern als lebenswert wahrgenommen.  "Ich dachte mir, man kann doch mal schauen, was noch so los ist".

In Marzahn-Hellersdorf waren laut Statistik der Wirtschaftsförderung vom vergangenen Jahr  insgesamt rund 21 000 Unternehmen angesiedelt. Mehrere sind inzwischen auch global tätig, wie zum Beispiel die Berlin.Industrial.Group, die sich 2002 als Ein-Mann-Betrieb ansiedelte und heute als Weltmarktführer im Bereich der Lasertechnologie und des 3D-Metalldrucks gilt.

Andere wie zum Beispiel der Spirituosen-Hersteller Schilkin blicken auf eine lange Tradition zurück. In der Publikation, die auch elf Porträts enthält, wird unter anderem die Geschichte des Gründers Sergej Schilkin (1915 – 2007) erzählt. Der Sohn eines bekannten Schnapsbrenners und Zarenhof-Lieferanten aus Sankt Petersburg emigrierte als Kind mit seiner Familie aus politischen Gründen nach Deutschland. 1932 nahm die Familie die Spirituosen-Fabrikation in Kaulsdorf auf. Die Brennerei wurde im Krieg zerstört. Schilkin, der zu DDR-Zeiten Leiter des Instituts für Schweißtechnik war, baute sie erneut auf.

Auf zwei bebilderten Doppelseiten wird berichtet, wie es der ostdeutschen Unternehmerlegende gelang, trotz Enteignung in der DDR in den 1970er-Jahren auf dem Chefposten zu bleiben und den Namen "Schilkin" weiterzuführen. Heute werden  seine Schnäpse bis nach Dubai, China und in die USA exportiert. Aktueller Verkaufsschlager ist der Pfefferminzlikör "Berliner Luft."

Schöpfer der Weltzeituhr

Ein anderes Kapitel widmet sich auch dem Industriegestalter und Biesdorfer Erich John, der nicht nur Zubehörteile für DDR-"Wartburg"-Autos, die Erika-Schreibmaschine und Eisbecher entwarf, sondern auch die berühmte Weltzeituhr vom Alexanderplatz erschuf.

"Kommen Sie mit auf eine spannende Spurensuche: von den ehemaligen Gütern Marzahn, Kaulsdorf und Biesdorf über den Gewerbepark ,Georg Knorr’, den Krankenhauspark ,Wuhlgarten’ mit den backsteinernen Klinikbauten bis zum Schloss Biesdorf!", lädt auch Wirtschaftsstadträtin Nadja Zivkovic die Leser ein. Sie hofft, dass es im zweiten, für 2021 geplanten Heft von "erdacht & gemacht" dann vielleicht gelingt zu dokumentieren, wie das Miteinander von damals im Heute seine Fortsetzung findet.

Ab sofort erhältlich

Die Bezirksbroschüre "Erdacht & gemacht in Marzahn-Hellersdorf" mit einer Auflage von 2000 Exemplaren und 136 Seiten ist ab sofort gegen eine Schutzgebühr von acht Euro unter anderem in der Tourismusinformation Marzahn-Hellersdorf, dem Bezirksmuseum Marzahn Hellersdorf, mehreren Buchhandlungen des Bezirks sowie im Onlineshop der aperçu Verlagsgesellschaft mbH erhältlich. Herausgeber ist das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf.

Die Idee stammt von Oleg Peters, der auch die Realisierung des Projektes mit der aperçu Verlagsgesellschaft mbH übernahm.⇥neu

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