Als im vergangenen Herbst in Berlin die Ballon-Grenze errichtet wurde, um sich am 9. November am Abendhimmel aufzulösen, da sah man überall begeisterte Kinder mit ihren Eltern durch die Stadt laufen. Wo stand die Mauer? Wer durfte rüber? Was ist denn ein Geisterbahnhof?, fragten sie ihre Mütter, Väter und Großeltern angesichts des poetischen Spektakels Löcher in den Bauch. Doch für diese ist es gar nicht so einfach, die einst geteilte Stadt zu erklären. "Die Geisterlinien zum Beispiel, die sind schon für manchen Erwachsenen schwer nachzuvollziehen", sagt Monica Geyler-von Bernus vom Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Birgit Kahl hat sie die Ausstellung "Komm doch mal rüber!?" im Besucherzentrum Bernauer Straße speziell für Kinder konzipiert. Auf dem Gang des Besucherzentrums stehen seit Donnerstag sogenannte Erlebnisboxen bereit. Mithilfe von Seilen können junge Besucher die Geisterlinien U6 und U8 sowie die S-Bahn im Nord-Südtunnel nun selbst durch die Tunnel unter der DDR hindurch ziehen. Auch Straßenbahnen kann man mithilfe von Magnetstiften in dem dreidimensionalen Glaskasten durch das Ost-Berliner Zentrum bewegen. Begleithefte an der Wand zeigen unter anderem historische Aufnahmen vom zugemauerten U-Bahnhof Chausseestraße. Die kurzen Erklärungen hat Monica Geyler-von Bernus von Kindern im Freundeskreis gegenchecken lassen. "Wenn es hieß, das verstehe ich nicht, musste ich es eben noch einmal umschreiben", berichtet die Texterin. Von ihrem zehnjährigen Helfer Anton kam dann auch die Anregung, zum besseren Verständnis die Anmerkungen mit Pfeilen direkt in die Bilder zu schreiben.
Die kleine, aber feine Schau, die die deutsch-deutsche Teilung anhand des streng bewachten innerstädtischen Grenzüberganges Chausseestraße verdeutlicht, startet mit einer Tür in der Mauer. Was brauchten Kinder, um von Ost nach West oder umgekehrt reisen zu können?, lauten die Quizfragen. Für Ost-Berliner waren unter anderem Verwandte, die Geburtstag feierten, und die Zustimmung der Arbeitgeber der Eltern zwei Voraussetzungen. Wer die richtigen Hebel drückt, kann die Tür zum anderen Teil Deutschlands öffnen. Doch beim Zoll entscheidet sich schnell, was man auf die Reise mitnehmen darf und was nicht. Dass neben Ost-Geld sogar die Ausfuhr von Zwiebeln bis 1989 verboten war, hat selbst Kuratorin Birgit Kahl überrascht. "In den 70er-Jahren gab es mal einen kurzen Mangel, danach hat man wohl vergessen, sie wieder von der Liste zu streichen", erklärt die gebürtige Dresdnerin.
Wer das erlangte Visum für eine Flucht nutzen will, der muss ein Labyrinth aus beweglichen Würfeln bewältigen. Eindringlich wird an dieser Spielstation klar, dass damals Verschwiegenheit das oberste Gebot war. Felder wie "Dein Nachbar beobachtet dich" oder "Dein Briefkasten wurde aufgebrochen" führen in die Sackgasse. Der Fluchtplaner muss auch entscheiden, ob er sich vielleicht verdächtig macht, wenn er einfach so seine Gitarre verschenkt. Der Rat der Eltern sei an den Stationen ausdrücklich erwünscht, betonen die Kuratorinnen. Nur an der letzten brauchen auch die Jüngsten keine Hilfe. Dort kann die Mauer mit vielen kleinen Menschenfiguren zum Einsturz gebracht werden.
Die Gedenkstätte an der Bernauer Straße am S-Bahnhof Nordbahnhof zeigt neben einem Stück erhaltener Mauer eine kostenlose Open-Air-Ausstellung. Die Kinderausstellung ist bis 30. August im ersten Stock des Besucherzentrums zu sehen und ist ebenfalls kostenlos. Geöffnet ist Di bis So von 10 bis 18 Uhr. Internet: www.berliner-mauer-gedenkstaette.de