In Berlin gibt es derzeit zehn Container-Dörfer für Flüchtlinge. Jede Unterkunft wird in den kommenden anderthalb Jahren zeitweise um ein Modul erweitert werden. Noch steht der zum Wohnatelier ausgebaute Bauwagen mitten in Berlin auf dem Washingtonplatz zwischen Hauptbahnhof und Spree. Wenn es an der Flüchtlingsunterkunft am Lindauer Weg in Pankow andockt und Albrecht Ferch einzieht, will er nicht viel mehr mitnehmen als ein paar Kleider. "Auch die meisten Flüchtlinge lassen fast alles in ihrer Heimat zurück und kommen in der Fremde mit nichts an", sagt der Künstler.
Er ist einer von insgesamt zehn Gewinnern eines ungewöhnlichen Aufenthaltsstipendiums. Die Künstler sollen vier Wochen lang Teil der Heime werden. Dort wie die Bewohner die Sanitäranlagen  benutzen, in der Gemeinschaftsküche kochen, beim Rein- und Rausgegen ihren Ausweis vorzeigen und sich an die Nachtruhe halten. "Es besteht Residenzpflicht", sagt Kati Gausmann von der Künstlerinnengruppe msk7, die die Stipendiaten im Auftrag der Senatskultur- sowie der Senatsstadtentwicklungsverwaltung aus 205 Bewerbern ausgesucht hat.
Die Künstler kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. So plant die  Musikerin Simone Bailey aus San Francisco, mit Flüchtlingen neue Kompositionen zu entwickeln und aufzuführen. Comiczeichnerin Andreea Chirica aus Bukarest will persönliche Geschichten der Heimbewohner in ihre Graphic Novels einfließen lassen. Sebastian Acker aus Berlin will mit Foto- und Videoarbeiten untersuchen, wie globale Phänomene auf lokale Orte wirken. "Flüchtlingsunterkünfte interessieren mich vor allem als Zwischenstation zwischen den verlassenen Orten der Vergangenheit und den imaginären Orten der Zukunft. (...) Ein Ort, an dem eigentlich jeder auf einen anderen Ort wartet", erklärt er in seiner Projektbeschreibung.
Die Sehnsucht nach einem besseren Leben woanders macht auch Manaf Halbouni zum Ausgangspunkt seiner Arbeit. Der deutsch-syrische Bildhauer, der in Dresden lebt, hat schon mit einer Skulptur aus ausgebrannten Bussen aus Aleppo vor der Frauenkirche für Aufsehen gesorgt.
Wenn Halbouni Ende April in das Container-Dorf in Marzahn-Hellersdorf zieht, will er ein großes Flugzeug aus Müll bauen. Auch wenn es niemals abhebt, soll es die Träume symbolisieren, die einem niemand nehmen kann.
Ob er dabei Hilfe von Heimbewohnern bekommen wird, ist kein Auswahlkriterium. Das eigentliche Ziel ist, dass sich die Künstler von den Geflüchteten und der Atmosphäre in den Unterkünften inspirieren lassen. "Obwohl die Stipendiaten sich mit konkreten Projektvorschlägen beworben haben, soll der künstlerische Prozess, der dabei in Gang gesetzt wird, offen sein", erklärt Ricarda Mieth von der Künstlerinnengruppe msk7.
Albrecht Fersch aus Berlin sieht gerade in diesem offenen Ausgang eine große Chance. "Oft hat man als Künstler Auftragsarbeiten und wenig Zeit und Raum, um die eigene Kreativität richtig entfalten zu können", sagt der 48-Jährige.
Seine Arbeitsbereiche reichen von Malerei, über Installationen, Performances, Fotografie bis hin zur Lyrik. Mit seinem Motto, sich mit einem großen "Nichts" zu bewerben, hat die Jury zwar provoziert, aber auch überzeugt.
"Flucht ergreifen bedeutet, ins Unbekannte zu starten, nicht zurückzublicken", erklärt Fersch. Eine Künstlerresidenz in einem Flüchtlingsheim kann sich der gebürtige Schweinfurther nur vorstellen, wenn er selbst mit nichts dort ankommt. Trotzdem freute sich der Künstler am Donnerstag über die Stühle mit Klapptisch, die er im Bauwagen vorfand. "Wenn ich die im Sommer vor die Tür in die Sonne stelle, dann lässt Besuch nicht lange auf sich warten."

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