Im Schneckentempo dringt eine überdimensionierte Bohrmaschine in das Erdreich unter der Neuköllner Lahnstraße vor – Schritt für Schritt entsteht dort eine 133 Meter lange Betonröhre. Was wie ein neuer U-Bahn-Schacht anmutet, dient künftig als zeitweiliger Speicher für 700 Kubikmeter Schmutzwasser. Schon im Herbst soll das Bauwerk in Betrieb genommen werden.
„Wir wollen einen Puffer für unsere Klärwerke schaffen“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe (BWB). Denn diese können bei Starkregen, der in den vergangenen Jahren immer häufiger auftrat, die Reinigung der zusätzlichen Wassermengen nicht mehr bewältigen. „Die Klärwerke kann man sich wie einen Topf mit Biosuppe vorstellen. Wenn der überläuft, funktionieren die Prozesse darin nicht mehr“, erklärt Natz. Um Zeit für die Anlagen zu gewinnen, brauche man Stauraum.
Bislang wurde das mit Regen verdünnte Schmutzwasser öfter umgeleitet – in Neukölln floss es unter anderem in den Schifffahrtskanal. Die Überläufe haben dort bereits große Fischsterben ausgelöst. Denn die trübe Brühe enthält neben Verunreinigungen auch viele Nährstoffe, die für eine Explosion der Mikroorganismen im Kanal sorgen. Letztlich entziehen die Kleinstlebewesen dem Wasser den Sauerstoff. In den vergangenen Jahren hatten Tausende bäuchlings nach oben treibende Fische für Aufruhr bei Anwohnern gesorgt.
Diese innerstädtischen Gewässer hätten im Sommer ohnehin die Grenzen der Belastbarkeit erreicht, heißt es im Berliner Fischereiamt. Die stark wachsenden Algen binden viel Sauerstoff. Für die reichlich vorhandenen Fische – allein im Schifffahrtskanal wurden 17 Arten gezählt – wird es dann eng. Sie finden kaum noch Atemluft und verenden. „Die Auswirkungen sehen für den Laien tatsächlich dramatisch aus“, sagt Natz. In großen Fließgewässern wie Spree und Havel seien Fischsterben allerdings eher selten.
Um die schädlichen Schmutzwasser-Überläufe zu vermeiden, haben die Wasserbetriebe an vielen Orten ähnliche Stauraumkanäle errichtet – insgesamt 213 000 Kubikmeter. Weitere 100 000 Kubikmeter müssen bis 2020 gebaut werden. Das sieht ein Programm des Senats vor, mit dem die Qualität der Berliner Gewässer gemäß einer EU-Richtlinie deutlich verbessert werden soll. Allein in der Lahnstraße werden 4,5 Millionen Euro investiert. Insgesamt stehen für das Programm 90 Millionen Euro zur Verfügung – die Summe teilen sich das Land und die Wasserbetriebe.
Geplant werden bereits weitere Tanks – etwa unter dem Mauerpark, in Charlottenburg oder am Osthafen in Friedrichshain. Dort sollen ab Sommer riesige Kunststoffröhren in direkter Nähe zur Spree im Boden versenkt werden. Dadurch würde der Fluss bei Wolkenbrüchen vom Schmutzwasser verschont. Auch in der Nähe der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes soll im kommenden Jahr gegraben werden – für einen Stauraum mit 17 000 Kubikmetern.
„Es wird allerdings immer schwerer, den geeigneten Platz zu finden. Berlin ist auch im Untergrund an vielen Stellen schon verbaut“, sagt Kay Joswig, der bei den BWB für das Konzept der Speichersysteme verantwortlich ist. Immerhin haben die Röhren einen Durchmesser von 2,70 bis fünf Meter.
Vollständig wird sich das Umleiten des Schmutzwassers in die Gewässer auch künftig nicht vermeiden lassen, wie Joswig betont. „So viele Tanks können wir nicht bauen, das würde volkswirtschaftliche Grenzen überschreiten.“ Allerdings könnte die Zahl der Überläufe begrenzt werden.
Umweltschützer fordern indes, dass das Regenwasser komplett gereinigt wird. „Das wird auch von der EU gefordert“, sagt der Fluss-Experte des BUND, Winfried Lücking. „Der Senat wird die Vorgaben nicht einhalten können.“ Er habe weiterhin die Vision, dass man künftig in der Spree schwimmen kann. Derzeit sei das Gewässer jedoch zu sehr belastet.