In Zeiten zunehmender Privatisierung gelten Bibliotheken mancherorts als letzte Bastion öffentlicher Begegnung. Am Sonnabend und Sonntag feiern die Berliner Büchereien ihren 20-jährigen Zusammenschluss mit Lesungen, mobilem Kino, Comic- und Schreib-Workshops und einer Literatur-Schnitzeljagd.
Auf der Wiese vor der Amerika Gedenkbibliothek wird an diesem Mittwochmittag fleißig gehämmert und gesägt. Arbeiter bringen in den noch halbfertigen Holzpavillons erste Bücherregale, Leinwände und Bildschirme an. In dem mobilen Dorf aus futuristischen Holzhütten unter alten Ahornbäumen am Halleschen Ufer in Kreuzberg werden schon am Abend die ersten Konferenzteilnehmer erwartet. 400 Menschen aus 38 Ländern wollen auf der „Next Library Conference“ bis Sonnabend über die Bibliothek der Zukunft diskutieren.
Die Werkstattkonferenz, die seit 2009 im dänischen Aarhus mit seiner weltberühmten Bibliothek stattfindet, ist zum ersten Mal in Berlin zu Gast. Die Stadt ist stolz. „Doch wir hatten keinen Raum“, erklärt Volker Heller von der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB). Drinnen, in der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) drängen sich schon mittags die Besucher in den Lese- und Arbeitsbereichen.
Und so wird der eigens errichtete Konferenz-Campus am Wochenende auch gleich als Festival-Zentrum genutzt.  Die öffentlichen Berliner Bibliotheken wollen mit einem zweitägigen Fest das 20-jährige Bestehen ihres Verbundes feiern. Der Zusammenschluss bedeutet, dass Besucher mit einer Mitgliedskarte für zehn Euro im Jahr (Kinder zahlen gar nichts) nicht nur die Zentral- und Landesbibliothek, sondern  auch die zwölf Bezirksbibliotheken und alle ihre Sonderveranstaltungen kostenlos nutzen können.
Dabei hat jede Bücherei ihre eigenen Stärken und Arbeitsschwerpunkte. In Pankow sind das zum Beispiel technische und interkulturelle Angebote. So können Besucher im Pankow-Pavillon Roboter programmieren oder mit Schneideplotter und Transfairpresse eigene Bibliothekstaschen gestalten. Außerdem wird die Zusammenarbeit mit Migranten-Organisationen vorgestellt und erklärt, wie sie das mehrsprachige Angebot im Norden Berlins bereichern.
„Bibliotheken sind zentrale Orte der Demokratie und Begegnung“, sagt auch  Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke). Er erhoffe sich von Konferenz und Festival auch wichtige Impulse für die seit langem geplante neue Landesbibliothek am Blücherplatz. In den zwei Gebäuden der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) wird es immer enger. Deshalb gibt es schon lange Pläne, die AGB im Westen und die Berliner Stadtbibliothek im Osten unter einem Dach zusammenzuführen. „Bibliotheken sind heute nicht mehr das kleine Schmökerstübchen. Das Zauberwort heißt Platz“, betont auch Jutta Kaddatz, Bezirksstadträtin Tempelhof-Schöneberg (CDU) und Vorsitzende der Verbundkonferenz der Öffentlichen Berliner Bibliotheken. In Zeiten der wachsenden Stadt und der Privatisierung braucht es nicht nur Räume für Bücher, sondern auch für Arbeitsgruppen und soziale Institutionen, die diesen Platz nicht mehr woanders finden.
Und so wird bei dem Festival mit DJ-Musik und Gebärdensprache-Puppentheater auch der Bücherbus „Henry“ vorgestellt, der in Treptow-Köpenick Schulen und Kitas mit Lektüre versorgt. Mit Gewerkschaftsmitgliedern wird diskutiert, warum es schwer ist, die Sonntagsöffnungszeiten, die die AGB vor kurzem eingeführt hat, flächendeckend anzubieten. Und in einem Workshops mit dem Namen „Haben wir verlernt, aus dem Fenster zu sehen“ kann erforscht werden, wie es sich anfühlt, mal wieder eine Zeit lang ohne Handy zu sein.
Berliner Bibliotheksfestival, Sonnabend, 13 bis 22 Uhr, Sonntag.11 bis 17 Uhr vor der Amerika Gedenkbibliothek, Blücherplatz 1 in Kreuzberg, voebb-festival.de