Herr Minister, die Landwirte beklagen einen dramatischen Einbruch ihrer Gewinne um ein Drittel. Droht vielen kleineren Bauern das Aus?
Christian Schmidt: Die Situation ist wirklich nicht gut. Die Einbrüche im Jahr 2015 sind gravierend. Für dieses Jahr sind die Aussichten auch eher durchwachsen. Wir brauchen dringend eine Beruhigung des Marktes.
Können Sie den Landwirten helfen?
Das versuche ich. Mit einem Bündel von Maßnahmen. Wir sorgen für schnelle Liquiditätshilfen. Da haben wir ein entsprechendes Programm in Brüssel initiiert. Außerdem haben wir den Bundeszuschuss für die landwirtschaftliche Unfallversicherung erhöht. Und wir denken darüber nach, wie wir verhindern, dass die Landwirte das alleinige Preisrisiko tragen. Außerdem setze ich mich dafür ein, dass endlich faire Wettbewerbsbedingungen auf dem Weltmarkt gelten. Wir haben unsere Exportsubventionen abgeschafft. Wir hätten gern, dass sich alle so verhalten. Immerhin ist es gelungen, in der WTO-Ministerrunde im Dezember in Nairobi entsprechende Beschlüsse durchzusetzen. Nun müssen sich nur noch alle daran halten.
Die Bauern leiden auch unter dem Importstopp Russlands für Lebensmittel aus der EU.
Ja, beim Milch-und Fleischexport gibt es erhebliche Einbußen. Aber der aktuelle russische Importstopp ist dafür nicht allein verantwortlich. Russland hat schon zuvor eine restriktive Einfuhrpolitik betrieben. Darüber streitet die EU übrigens vor der Welthandelsorganisation WTO mit Russland.
Russland nimmt erstmals nicht an der Grünen Woche teil. Wie bewerten Sie das?
Das bedauere ich wirklich sehr. Noch im vergangenen Jahr hat sich die russische Landwirtschaft in Berlin trotz des Embargos eindrucksvoll präsentiert. Aber die Absage bedeutet keineswegs, dass es keinen Kontakt mehr gibt. Im Gegenteil. Wir führen weiterhin Gespräche. Ich selbst werde in einigen Monaten nach Moskau reisen. Und russische Agrarprodukte sind nicht von den EU-Sanktionen betroffen.
Sie haben sich kürzlich mit den Veganern im Land angelegt, weil vegane Lebensweise für Kinder schädlich sei. Es geht dabei vorwiegend um das Vitamin B12, das im Fleisch enthalten ist. Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?
Ich bin dafür, dass jeder essen kann, was er für richtig hält. Da hat sich der Staat nicht einzumischen. Aber wenn es um akute Gesundheitsgefährdung geht, dann muss ich mich schon dazu äußern. Vor allem, wenn es um Kinder geht. Und der Mangel an dem Vitamin B12 kann zu erheblichen gesundheitlichen Problemen bei Heranwachsenden führen.
Sie machen sich überhaupt für den Fleischkonsum stark. Als die WHO Fleisch mit Krebsrisiko in Verbindung brachte, waren Sie nicht amüsiert. Oder?
Und zwar im Einklang mit der Weltgesundheitsorganisation selbst, die ziemlich schnell ihre missverständliche Erklärung wieder eingesammelt hat. Die WHO hatte zunächst den Eindruck vermittelt, als ob jedweder Fleischkonsum zu Krebs führen kann. In Wahrheit gilt auch hier das, was Paracelsus gesagt hat: Es kommt auf die Dosis an.
Sie sind jetzt seit zwei Jahren Landwirtschaftsminister und haben in dieser Zeit viele Ställe gesehen. Können Sie noch problemlos ein Schnitzel oder ein Hähnchen essen?
Ich esse Schnitzel nach wie vor gern, und insbesondere unsere deutschen Produkte. Landwirtschaftliche Produktion kenne ich schon aus der Kinderzeit. Daher weiß ich, dass Tierhaltung heute anders aussieht als vor 50 Jahren. Ich wünschte mir, dass wir bei der Grünen Woche mal Einst und Jetzt darstellen. Da würde mancher sehen: Im Vergleich ist die Haltung heute sehr viel tiergerechter.
In Brandenburg läuft heute die Frist für ein Volksbegehren gegen Massentierhaltung aus. Der Ausgang ist offen, aber viele zehntausend Menschen haben sich beteiligt. Sie fragen stets, was Massentierhaltung sei. Wissen die Brandenburger nicht, worüber sie reden?
Massentierhaltung ist kein definierter Begriff. Ich halte es da mit Experten, die sagen: Es kommt nicht auf die Zahl der Tiere an, sondern wie sie gehalten werden. Bei Megaanlagen, die nicht mehr zu organisieren sind, stößt man sicher an Grenzen. Ich habe auch in Brandenburg Großbetriebe besucht, aber nicht den Eindruck gewonnen: Das ist Massentierhaltung, die verboten werden muss.
Die Zahl der Teilnehmer an dem Volksbegehren zeigt, dass es ein großes Unbehagen gibt. Kennen die Menschen die Fakten nicht, oder sind sie ideologisch verblendet?
Das Volksbegehren beantwortet für mich nicht die Frage, wo Massentierhaltung anfängt und wie die Qualitätskriterien aussehen. Ich habe gerade die Umfragen aus dem Ernährungsreport 2016 vorgestellt. Danach legen die Verbraucher sehr großen Wert auf Tierwohl. Sie sind auch bereit, mehr dafür zu bezahlen. Die zentrale Frage ist: Wie steht die Erwartung an die Tierhaltung in Relation zu dem, was man bereit ist auszugeben? Da gibt es Diskussionsbedarf. Ich will Lebensmittel nicht verteuern. Aber sie sollten uns ihren Preis wert sein. Manchmal sind sie nur billig, und das ist etwas anderes. Wenn Tierproduktion nicht mehr in Deutschland möglich ist, werden die Menschen nicht alle zu Vegetariern. Dann beziehen sie ihr Fleisch aus Ländern, in denen wir keinen Einfluss auf das Tierwohl haben. Es gibt Verbesserungsbedarf. Ich bin gerade dabei, Regeln für die Stallhaltung aufzustellen.
Dies ist Ihre zweite Grüne Woche als Landwirtschaftsminister. Was haben Sie bei der ersten gelernt? Bei den Rundgängen dürfte schwer zu verdauen sein, was man da alles gereicht bekommt.
Da halte ich mich an den Satz von Franz-Josef Strauß: Man muss selektiv genießen. Ich nehme nicht alles an, was mir angeboten wird. Insbesondere bei Getränken bin ich sehr zurückhaltend. Offen gesagt bin ich während der Grünen Woche aber nur beschränkt ein Vorbild für ausgewogene Ernährung.
Müssen Sie anschließend fasten?
Ja. Es trifft sich gut, dass die Fastenzeit kurz danach beginnt. Da lasse ich allen Alkohol weg und versuche weniger zu essen.
Christian Schmidt, geboren am 26. August 1957 in Obernzenn (Mittelfranken), verheiratet, zwei Kinder, evangelisch-lutherisch. Von Beruf ist er Rechtsanwalt. Seit 1976 ist er Mitglied der CSU und seit 2011 Vize-Vorsitzender der Partei. Von 2005 bis 2013 war er Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung. Seit Februar 2014 ist Schmidt Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft.