Ein Cappuccino nach dem Termin ist aber unverzichtbar, um den Tag durchzustehen. Obwohl Greta Thunbergs empörtes Gesicht vor dem geistigen Auge erscheint, greift man auf Koffein-Entzug dann doch wieder zum Papp-Plastik-Becher.
Ein Euro Pfand
Um diese Umweltsünden zu vermeiden, will der Berliner Senat nun ein Pfandbechersystem testen, wie man es bisher nur aus dem Fußballstadion kennt. Ein Euro Pfand kosten die mintgrünen und hellblauen Gefäße, die es demnächst in Geschäften an der U-Bahnlinie 2 und der S-Bahnlinie 7 zwischen Ost- und Westkreuz geben soll. Anders als beim "Better World Cup", bei dem Cafébesitzer und Ketten Kunden einen Rabatt geben, wenn diese ihren eigenen To-go-Becher mitbringen, kann man die "Recups" bei der nächsten teilnehmenden Bäckerei ein paar Stationen weiter wieder abgeben, so jedenfalls die Idee.
Neu ist dabei der Aufbau einer Spüllogistik. Das heißt, die gebrauchten Becher werden in den Cafés und Bahnhofshops  abgeholt, extern gespült und saubere Becher wieder ausgeliefert, alles natürlich umweltschonend per Lastenfahrrad. "So können auch kleine Verkaufsstellen wie Kioske ohne eigene Spülmöglichkeiten an dem Mehrwegbecherpfandsystem teilnehmen", erklärte Florian Pachaly von Recup.
Sein Startup kann im Pilotgebiet entlang der beiden Bahnlinien bereits auf 50 Kunden aufbauen, die den Coffee to go im Pfandbecher von Recup anbieten. "Ziel ist, während der zweijährigen Erprobungsphase möglichst viele zusätzliche Verkaufsstellen zu gewinnen", erklärt Pachaly. Denn die fehlenden Spülmöglichkeiten seien der Hauptgrund, weshalb kleinere Verkaufsstellen bisher keine Mehrwegbecher anbieten.
Gefördert wird die zweijährige Testphase mit 160 000 Euro vom Senat. Denn alleine in der Hauptstadt werden pro Jahr rund 170 Millionen Einwegbecher verbraucht. Rund 9000 Geschäfte bieten laut der Senatsumweltverwaltung  in Berlin Coffee to go an. "Es ist enorm wichtig, die Einwegbecherflut einzudämmen", sagt Berlins Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne).
Dass die Bereitschaft groß sei, der Umwelt zuliebe den Kaffee unterwegs aus dem Pfandbecher zu trinken, habe eine Online-Befragung unter 500 Berlinern ergeben, die im Rahmen einer Machbarkeitsstudie durchgeführt wurde. Doch erst praktikable Alternativen zum Einweggeschirr führten letztendlich zum Erfolg. "Es muss uncool sein, mit einem Einwegbecher herumzulaufen", wünscht sich Günther.
Das Spülsystem soll im März kommenden Jahres starten. Die Becher haben, anders als die meisten anderen Mehrweg-Becher, keinen Deckel, weil dieser schwer zu säubern ist. "Das ist noch nicht der Weisheit letzter Schluss", findet Stephan Sauer. Der Besitzer des Café Sauers in Mitte macht trotzdem bei dem Pfandsystem mit. "Mir war sofort klar, dass es eine gute Sache ist. Aber mir war nicht klar,  wie die Kunden reagieren", gesteht der 51-Jährige. Das sei vor allem von der Gegend abhängig. In seinem zweiten Café, nur wenige hundert Meter weiter an der Linienstraße, sei es Alltag, dass die Leute aus den umliegenden Startups ihre eigenen Gefäße mitbringen.
Kunden reagierten ablehnend
Im Sauers am U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz hätten Kunden auf die Pfandbecher erst einmal ablehnend reagiert, berichtet der Gastronom. Andere, bei denen sich die Recups zu Hause stapelten, weil sie nicht dazu kamen, sie wieder abzugeben, hätten irgendwann wieder Pappbecher geordert.
"Das Bewusstsein der Gäste ist noch nicht ganz ausgereift, aber es fehlt auch nicht mehr viel", meint Sauer. Deswegen bietet er nur noch Pfandbecher an. "Wenn man den Menschen keine Alternative mehr gibt, werden sie schon reinwachsen", glaubt er. "Am schönsten wäre es, wenn sich die Menschen wieder eine kleine Pause gönnen und den Kaffee wie früher im Café aus der Tasse trinken."

Noch mehr Initiativen

Das Pilotprojekt für die Nutzung von Mehrwegpfandbechern ergänzt die Initiative Better World Cup, die schon im Sommer 2017 von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und der Berliner Stadtreinigung (BSR) gemeinsam mit Berliner Wirtschafts- und Umweltverbänden ins Leben gerufen wurde. Mittlerweile bieten dabei 1100 Verkaufsstellen ihren Kunden Rabatte auf Heißgetränke, die ihren eigenen Mehrwegbecher mitbringen. Alle Teilnehmer Better World Cup sowie vom neuen reCup-Pfandprojekt sind im Internet aufgelistet unter: betterworldcup.de/die-karte/ neu