Zumindest steht das Leben noch nicht still. Als Sebastians Englisch-Stunde beginnt, haben erste Bundesländer gerade Schulschließungen beschlossen. Kurz bevor der Unterricht vorbei ist, steht fest: Für Sebastian und seine Mitschüler war das die letzte Schulstunde. "Verdammt, ich hab da die ganzen Leute aus meiner Schule vielleicht zum letzten Mal gesehen", sagt der Gymnasiast aus Cottbus heute. "Ich hätte mich da gern drauf vorbereitet!"
Ähnlich sieht es Valentin Ruf, 18, der in einem Gymnasium nahe Heidelberg sein Abitur machen will: "Wir hängen in der Luft und wissen nicht, wie es weitergeht." Beide Schüler müssen erfahren: Blicke in die Zukunft sind in Zeiten der Corona-Krise schwierig, vorbereitet sein kaum möglich. Das bekommen im Moment die mehr als 400 000 Absolventen aller Schulformen zu spüren. Eigentlich wollten sie in diesem Sommer in einen neuen Lebensabschnitt starten. Sie ­hatten Partys geplant, Sommerjobs organisiert, Reisen nach Italien und Schweden, nach Frankreich und Großbritannien. Sie wollten Hochschulinformationstage besuchen, eigene Wohnungen in fremden Städten beziehen und neue Freunde ­finden.

Das Abi-Motto? "Goldene Zwanziger"

Sicher, manches davon könnte noch klappen. Aber: Niemand ist heute in der Lage zu sagen, wie lange diese Krise dauern wird. Die Schulminister versprechen beharrlich, dass kein Schüler Nachteile wegen der Pandemie haben soll. Ständig aber passiert etwas, auf das sich niemand vorbereiten konnte, weil es noch vor Kurzem undenkbar war. Wochenlange Schulschließungen etwa oder Gedankenspiele über ein Abitur ohne Prüfungen. Zugleich verlieren viele andere Vorbereitungen ihren Sinn. Welchen Nutzen haben die Eintrittsbändchen für den Abiball noch, wenn nicht klar ist, ob das große Fest überhaupt stattfindet?
Nicht nur um die Eintrittsbändchen hat sich der Jahrgang von Josephine Pittermann, 17, schon gekümmert. Auch der DJ ist engagiert, die Deko für den Ballsaal gekauft, alle Lehrer ihres Gymnasiums in der Lausitz haben ihre Einladungen bekommen. Josephine fehlt nur noch das Kleid für den Ball. "Natürlich ist das blöd, wenn jetzt alles abgesagt wird", schimpft sie, und als sie erzählt, dass sich ihr Jahrgang "Die Goldenen Zwanziger" als Abi-Motto ausgesucht hat, muss sie fast schon bitter lachen. Denn golden sind diese letzten Wochen vor dem ­Abitur so gar nicht. Der Abi-Streich am letzten Schultag wurde abgesagt, die Motto-Woche, in der sich die Schüler jeden Tag anders verkleiden wollten, auch. "Da freut man sich zwölf Jahre drauf, und dann fällt das einfach aus. Es ist richtig traurig", sagt sie.
Statt Partys in Parks bleiben den Jugendlichen die Videochats auf ihren Smartphones und Laptops. In manchen Schulen organisieren sie so auch ihre letzten Unterrichtsstunden. ­Joanna Meme, 17, will in diesem Jahr die Realschule abschließen. Im Moment lebt sie bei ihren Eltern in Karlsruhe, besucht aber normalerweise eine Schule in Schwäbisch Hall, bei der die Digitalisierung gut funktioniert. Schon mehrfach wurde die Mathestunde in den Videokonferenz-Raum verlegt. "Das ist natürlich anders als im richtigen Unterricht", sagt Joanna. "Aber es ist auch cool: Die Freude, die anderen im Videochat zu sehen, war eine ganz besondere." Gleichzeitig wachse von Tag zu Tag die Vorfreude, alle in echt wiederzusehen.
So ändern sich die Prioritäten in diesem außergewöhnlichen Schul-Halbjahr: Noch vor wenigen Wochen richtete sich Joannas Vorfreude auf Venedig. Ihre Abschlussfahrt sollte nach Bibione in Norditalien gehen. Ein Tagesausflug in die Lagunenstadt stand fest auf dem Programm. Die Reise ist abgesagt, natürlich. Joanna verbringt jetzt viel Zeit auf dem Balkon, manchmal grillt sie mit ihrer Familie. Sie ist froh, dass sie schon weiß: Sie will bis zum Abitur weitermachen. "Diese Unsicherheit bei den anderen – ich kann’s mir kaum vorstellen", sagt sie.

Schüler in Corona-Krise unsicher

Tatsächlich ist Unsicherheit das größte Problem vieler Jugendlicher, und die Bildungspolitiker haben nicht gerade dazu beigetragen, sie zu verringern. ­Beispiel Schulschließungen: Noch am ­12. März nannte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) das vage "eine Option". Die Länder sollten das entscheiden. Das ließ sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nicht zweimal sagen – und kündigte am nächsten Morgen Schließungen an. Der Druck auf die anderen Länder wuchs, sodass binnen weniger Stunden alle nachzogen. Auch beim Abitur gelang den Ländern zunächst kein abgestimmtes Vorgehen: Am 24. März beschloss Karin Prien (CDU), dass in ihrem Bundesland Schleswig-Holstein keine Abiturprüfungen stattfinden sollen. Am 25. März stimmten die Minister aus den anderen Ländern sie wieder um. Stefanie Hubig (SPD), Präsidentin der Kultusministerkonferenz, war erst einmal erleichtert: "Wir haben klare Vorgaben für unsere Schülerinnen und Schüler." Zwei Tage später entschuldigte sich Prien sogar bei den Abiturienten für das "Wechselbad der Gefühle", zu dem auch ihr Vorschlag beigetragen hatte. Doch war das schon das letzte Wort?
Bei den Schülern ist das nicht so angekommen. Anruf bei Milan Sengling, 18, Abiturient aus Hamburg. Sein größtes Problem? Die Ungewissheit. "Wir wissen nicht, wann wir die Abiturklausuren schreiben", sagt er. "Wir wissen nicht, ob wir sie überhaupt schreiben. Wir fühlen uns nicht genügend vorbereitet." Eines von Milans Prüfungsfächern ist Sport, und das macht es besonders kompliziert. Denn selbst wenn der Theorieteil geprüft werden kann – die praktische Prüfung dürfte mit den Abstandsregeln nicht zu vereinbaren sein.
Die Folge: tagelanges Hin und Her. Nur einen Tag nach dem Telefonat schreibt Milan per Whatsapp: "Die Situation wird immer absurder." Die Hamburger Schulbehörde habe alle Sport-Abiturienten aufgefordert, auf den letzten Metern noch das Abiturfach zu wechseln. "Ich bin ziemlich enttäuscht und auch verunsichert", sagt er. Doch selbst diese Entscheidung hält nur kurz. Nach Beginn der Osterferien nimmt der Senat den Beschluss zurück. Unklar bleibt, wie die Sportarten – bei Milan ist das Fußball – geprüft werden sollen.
Valentin Ruf aus Heidelberg wiederum gehört zu den Schülern, die es eigentlich noch am besten wissen müssten: Er engagiert sich im Landesschülerbeirat und hat deswegen einen kurzen Draht ins Stuttgarter Kultusministerium von Susanne Eisenmann (CDU). "Wir werden von der Ministerin informiert", sagt er – und beklagt trotzdem, dass es ständig andere Informationen gebe. "Die Ungewissheit bleibt", sagt Valentin und findet, es wäre besser, wenn alles einheitlicher geregelt würde. Da hat er die Bundesbildungsministerin auf seiner Seite. "Die Grundvoraussetzungen für das Abitur müssen einfach einheitlich sein", findet auch Anja Karliczek (CDU). Mehr als verlangen, bitten und appellieren kann sie allerdings nicht. Bildung ist Ländersache. Karliczek sagt aber: "Ich hoffe nur, dass die Prüfungen nun überall, wo sie noch anstehen, auch stattfinden können." Gewissheit gibt es nicht – auch für Politiker nicht.
Das Problem: Die Prüfungen lassen sich nicht endlos verschieben. Irgendwann beginnen die Sommerferien, irgendwann enden die Bewerbungsfristen für Studien- und Ausbildungsplätze. Und just in dieser Woche schloss NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) eine Absage der Prüfungen dann doch nicht mehr aus. "Sollte ein Schulstart nach den Osterferien nicht möglich sein, müssen wir neu nachdenken", sagte sie.
Den Abiturienten wäre das gar nicht recht. Sie fürchten, dass ihr Abschluss ohne Prüfungen weniger wert ist, manche wollen auch nicht umsonst gelernt haben. "Ein Notabitur hätte nicht den gleichen Wert wie ein normales", sagt Milan. "Streichen ist keine Option", meint Valentin. "Ich fände es unfair, wenn wir das Abitur quasi geschenkt bekämen", sagt auch Josephine. Sollten die Prüfungen tatsächlich gestrichen werden, wäre nicht nur der Start ins neue Leben vermurxt, sondern auch der Abschied aus dem alten.