Update, 31. März: Die Bundesregierung hat entschieden, dass Menschen unter 60 den Impfstoff von Astrazeneca nur noch auf freiwilliger Basis erhalten. Was heißt das für die Impftermine und die Impfstrategie in Brandenburg? Antworten gibt es hier.
Stand vom 30. März:
Bei den Corona-Impfungen in Deutschland kommt eine neue vorsorgliche Altersbeschränkung für das Mittel von Astrazeneca. Das Präparat solle ab diesem Mittwoch in der Regel nur noch für Menschen ab 60 Jahren eingesetzt werden, beschlossen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am Dienstagabend. Unter 60-Jährige sollen sich „nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung“ weiterhin damit impfen lassen können, wie es in dem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Beschluss heißt.

Impfpause von Astrazeneca erst Mitte März

Hintergrund sind Fälle von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen. Erst Mitte März waren Astrazeneca-Impfungen nach einer einige Tage langen Impfpause und neuen Überprüfungen wieder angelaufen.
Die Länder sollen nun auch schon 60- bis 69-Jährige für das Mittel von Astrazeneca mit in ihre Impfkampagnen einbeziehen können, wie die Gesundheitsminister beschlossen. „Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden 3. Welle nun schneller zu impfen.“ Derzeit laufen generell Impfungen in den ersten beiden Prioritätsgruppen, zu denen - bezogen auf das Lebensalter - Menschen ab 70 Jahre gehören.

StiKo hat eine Empfehlung abgegeben

Zuvor hatte die Ständige Impfkommission (Stiko) eine entsprechende Altersbeschränkung für Astrazeneca empfohlen. Grundlage seien derzeit verfügbare Daten zum Auftreten „seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen“. Diese seien 4 bis 16 Tage nach der Impfung ganz überwiegend bei Personen im Alter unter 60 Jahren aufgetreten, teilte das beim Robert Koch-Institut (RKI) angesiedelte Gremium mit. Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und einige Kommunen hatten Astrazeneca-Impfungen bereits für unter 60-Jährige ausgesetzt. In Deutschland sind bisher 31 Fälle solcher Blutgerinnsel nach Impfungen mit Astrazeneca bekannt, wie das Paul-Ehrlich-Institut am Dienstag berichtete.

Was ist mit den Zweitimpfungen?

Jüngere Menschen unter 60, die schon die erste Dosis Astrazeneca erhalten haben, haben laut dem Beschluss zwei Möglichkeiten: Sie können auch die Zweitimpfung von Astrazeneca bekommen, nach Rücksprache mit dem Arzt, „sorgfältiger Aufklärung“ und „individueller Risikoanalyse“. Zweite Option: Die Betroffenen warten auf eine Stiko-Empfehlung zur Zweitimpfung, die voraussichtlich bis Ende April vorlegen soll.
Die ersten Zweitimpfungen mit Astrazeneca sind laut Stiko nach der empfohlenen Wartezeit von zwölf Wochen und dem Impfstart des Vakzins im Februar für Anfang Mai vorgesehen. Laut Gesundheitsministerkonferenz prüft die Kommission, ob eine weitere Impfung mit einem anderen Impfstoff eine mögliche Option ist. In jedem Fall werde sichergestellt, dass alle Zugang „zu einem Impfschema mit in der EU zugelassenen Impfstoffen haben werden, um eine volle Schutzwirkung zu erreichen“.
Wenn Menschen unter 60 sich gemeinsam mit einem impfenden Mediziner für Astrazeneca entscheiden, sollen diese Impfungen grundsätzlich in den Praxen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte erfolgen, heißt es im Beschluss der Gesundheitsminister weiter.

Brandenburg und Berlin stoppen Astrazeneca-Impfung für U-60-Jährige

Brandenburg hatte zuvor beschlossen, die Corona-Impfungen mit dem Impfstoff von Astrazeneca für Menschen unter 60 Jahren vorerst auszusetzen. Der Stopp gelte ab Dienstag, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums mit. Die Entscheidung sei mit dem Impflogistik-Stab abgestimmt worden.
Wie das Brandenburger Kabinett berichtet, soll der Astrazeneca-Stopp zunächst bis heute 0 Uhr gelten.
Zuvor hat Berlin die Corona-Impfungen mit dem Vakzin des Herstellers Astrazeneca für Menschen unter 60 Jahren vorsorglich ausgesetzt. Das gab Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Dienstag bekannt und verwies auf neue Daten über Nebenwirkungen. Sie bezeichnete dies als „Vorsichtsmaßnahme“. Entsprechende Termine in Impfzentren werden Kalayci zufolge erst einmal abgesagt.
„Wir haben in Berlin noch keinen schweren Fall von Nebenwirkungen, Gott sei Dank“, betonte die Gesundheitssenatorin. Das Präparat biete einen sehr guten Impfschutz. „Dieser Impfstoff sichert, dass man keine schweren Krankheitsverläufe hat“, betonte sie. Trotzdem müsse man vorsichtig sein und die Beratungen auf Bundesebene abwarten.
Auch die Kliniken Charité und Vivantes in der Hauptstadt stoppten bis auf Weiteres die Impfungen mit Verweis auf Fälle von Hirnvenenthrombosen in Deutschland. Die beiden Klinken ziehen nach dem Beschluss des Landes nach und lassen bis auf Weiteres alle Impfungen bei unter 60-Jährigen mit dem Vakzin des Herstellers Astrazeneca stoppen. „Wir werden uns der Ankündigung von Frau Kalayci anschließen“, teilte Charité-Sprecherin Manuela Zingl am Dienstag mit.
Zunächst hatten Charité und Vivantes die Impfungen nur für Frauen unter 55 gestoppt.

Mediziner: Einschränken der Impfung richtiger Schritt

Der Pandemiebeauftragte des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München, Christoph Spinner, sieht das vorläufige Aussetzen der Astrazeneca-Impfungen für unter 60-Jährige als nachvollziehbaren Schritt. „Wenn man auf ganz sicher gehen will - und das wollen wir in Deutschland - dann ist das jetzt die richtige Entscheidung“, sagte Spinner am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Allerdings plädierte der Oberarzt am Universitätsklinikum dafür, jüngeren Menschen die Entscheidungshoheit zu geben, ob sie den Impfstoff wollen oder nicht.
Es gehe um eine Risiko-Nutzen-Abwägung: Das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, sei gegenüberzustellen dem Risiko einer Hirnvenenthrombose, die bei jüngeren Frauen nach der Impfung statistisch leicht erhöht gegenüber dem normalen Wert aufgetreten war. Mit höherem Alter steige aber wiederum das Risiko schwerer Corona-Erkrankungen erheblich. Die Zahl der von der Hirnvenenthrombose Betroffenen sei noch immer sehr gering.

Grünen-Experte moniert Krisenkommunikation

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen hat einzeln verkündete vorläufige Impfstopps mit dem Corona-Präparat von Astrazeneca kritisiert. Es sei richtig, Hinweisen zu Nebenwirkungen mit aller Sorgfalt und gegebenenfalls weiteren Untersuchungen nachzugehen, sagte der Bundestagsabgeordnete und Arzt am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Entscheidungen einzelner Kliniken oder Impfzentren, einen Impfstoff anders als bisher empfohlen einzusetzen, sollten aber nicht auf eigene Faust vor Ort erfolgen. „Das Auseinanderlaufen der Krisenkommunikation beschädigt nicht nur einen Impfstoff, sondern vor allem auch die Glaubwürdigkeit der zuständigen Behörden und das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Regierung.“
Deartige Entscheidungen müssten in Abstimmung mit der Ständigen Impfkommission, dem Paul-Ehrlich-Institut und insbesondere der für die Zulassung zuständigen Europäischen Arzneimittelbehörde EMA erfolgen. Ihn als Notfallmediziner besorge, dass sich immer mehr „Auflösungserscheinungen“ in einem geordneten Krisenmanagement der Bundesregierung zeigten, sagte Dahmen.

Risiko vor weiteren Todesfällen auch für Kliniken in NRW zu groß

In Nordrhein-Westfalen sprachen sich die Leiter von fünf der sechs Uni-Kliniken für einen vorläufigen Stopp von Impfungen jüngerer Frauen mit dem Wirkstoff von Astrazeneca aus. Das Risiko von weiteren Todesfällen sei zu hoch, heißt es in einem gemeinsamen Brief an den Bundes- und den Landesgesundheitsminister, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.
Die Charité-Sprecherin Zingl betonte, dass in der Charité keine Komplikationen nach Impfungen mit Astrazeneca aufgetreten seien. Diese wolle jedoch vorsorglich agieren und abschließende Bewertungen abwarten. Die Charité habe in der Pandemie bisher rund 16 000 Erst- und Zweitimpfungen an ihr Personal verabreicht. „Davon entfiel der größte Teil auf Astrazeneca“, sagte Zingl.

EMA bekräftigte im März die Sicherheit von Astrazeneca

Deutschland - und zahlreiche andere Staaten - hatten die Impfung mit dem Astrazeneca-Stoff im März vorübergehend ausgesetzt, weil mehrere Fälle mit Thrombosen (Blutgerinnseln) in den Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zur Impfung gemeldet wurden. Mittlerweile wird der Impfstoff wieder verabreicht. Die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema hatte die Sicherheit des Vakzins bekräftigt, auch die Ständige Impfkommission in Deutschland hatte sich für eine weiteren Einsatz den Mittels ausgesprochen.
Der Kreis Euskirchen in Nordrhein-Westfalen hatte bereits am Montag die Corona-Schutzimpfung von Frauen unter 55 mit dem Wirkstoff von Astrazeneca vorläufig gestoppt. Nachdem eine geimpfte Frau (47) vergangene Woche gestorben war, sei dem Kreis nun der Verdacht auf „eine schwerwiegende Erkrankung“ einer 28-Jährigen nach der Impfung mit Astrazeneca gemeldet worden, hieß es. Beide hatten laut Kreis eine Sinusvenenthrombose erlitten.

Neun Todesopfer nach Sinusvenenthrombose in Deutschland

In Deutschland sind bislang 31 Fälle einer Sinusvenenthrombose nach Impfung mit dem Impfstoff von Astrazeneca bekannt, wie das Paul-Ehrlich-Institut am Dienstag berichtete. Bis Montagmittag (29. März) waren dem Institut 31 Fälle gemeldet worden, in 19 Fällen wurde zusätzlich eine Thrombozytopenie gemeldet. In neun Fällen war der Ausgang tödlich, wie das für die Sicherheit von Impfstoffen zuständige Institut in Langen berichtete.
Mit Ausnahme von zwei Fällen betrafen laut PEI alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Die beiden Männer waren 36 und 57 Jahre alt. Laut Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instuituts wurden bis einschließlich Montag 2,7 Millionen Erstdosen und 767 Zweitdosen von Astrazeneca verimpft.
Mehr zu Corona und den Folgen in Brandenburg und Berlin gibt es auf unserer Themenseite.