In der Corona-Pandemie suchen Berliner Polizisten angesichts psychischer Belastungen verstärkt Rat und Hilfe. Es gebe deutlich mehr Demonstrationen und Einsätze, „das macht auf Dauer mürbe“, sagte der Leiter des Psychosozialen Dienstes der Berliner Polizei, Jan Hülsenbeck, der Deutschen Presse-Agentur. Wenn dann Einsatzkräfte noch bespuckt, bepöbelt, angehustet oder angegriffen werden, steckten das zwar viele für den Moment weg. „Gerade in der Gruppe, da lächelt man, aber die Fülle der Einsätze nagt dann doch am Gemüt“, sagte der Psychologe und Polizeihauptkommissar. Auch bei Polizisten gebe es Verunsicherung und Angst.

Interne Krisenhotline

Seit März 2020 könnten Betroffene bei einer internen Krisenhotline ihre Sorgen aussprechen. „Reden hilft“, sagte Hülsenbeck. Mehr als 170 Einsatzkräfte haben sich demnach bislang telefonisch beraten lassen. Viele kämen mit Angriffen aber besser zurecht, als man von außen denken würde. Die Resilienz, also die Kraft, mit schwierigen Situationen fertig zu werden, sei in vielen Fällen stark, betonte der 44-Jährige.
Nach Angaben des Psychologen, der früher selbst einer Einsatzhundertschaft angehörte, kümmern sich derzeit 20 Mitarbeiter, zumeist Sozialarbeiter, um Betroffene. Die interne Beratungsstelle werde ausgebaut, 3 weitere Fachkräfte sollen hinzukommen. Er kenne die Belastungen der Kollegen aus eigenem Erleben, betonte Hülsenbeck.

Welche Probleme häufig angesprochen werden

Am häufigsten meldeten sich Polizisten wegen privater Probleme - etwa bei Trennungen, bei Sorgerechtsstreitigkeiten oder in der Pandemie auch wegen schwieriger Kinderbetreuung oder des Schichtdienstes.
Auch Alkohol sei ein wiederkehrender Anlass, sich an die Sozialberatung zu wenden, so Hülsenbeck. Alkohol helfe manchmal nur kurz, um Belastungen auszugleichen und runterzukommen, „langfristig ist das aber ein großer Risikofaktor für Alkoholmissbrauch“.
2020 wandten sich demnach 412 Betroffene an die Sozialberatung der Polizei, die auch Feuerwehrleuten und dem Landesamt für Gesundheit und Soziales offen steht. In den Jahren davor waren stets um die 350 Erstgespräche registriert worden. „Kollegen, die bei uns ankommen, sind verunsichert, wie es weitergeht“, sagte Hülsenbeck. „Wir unterliegen der Schweigepflicht, die Informationen, die bei uns laden, bleiben auch bei uns.“

Begleitung nach schwierigen Einsätzen

Daneben bietet die Polizei auch eine psychosoziale Notfallversorgung für Beamte nach schwierigen Einsätzen. „Begleitung kann gut tun, wenn Bilder extremer Gewalt nicht aus dem Kopf gehen - so bei getöteten Kindern“, berichtete der Polizeipsychologe. Psychische Belastungen der Kollegen würden von der Behördenleitung sehr ernst genommen. Manche Polizisten brauchten Unterstützung bis zu einem halben Jahr. „Wir behandeln nicht, wir beraten, begleiten und bei schweren psychischen Erkrankungen vermitteln wir in Kliniken.“

Hilfsangebote werden immer besser angenommen

Noch vor 20 Jahren sei es selten vorgekommen, dass Polizisten psychische Probleme offenbarten sich Hilfe holten, „das war nicht salonfähig“, sagte Hülsenbeck. Es sei ein Wertewandel in diesem Bereich zu beobachten. „Es wird immer akzeptierter und sogar von der Behördenleitung gefördert, dass man sich an uns wendet und sich helfen lässt“, betonte der Leiter des Psychosozialen Dienstes.
Wer allein zu Hause bleibe und vielleicht seinen Tagesrhythmus verliere, riskiere, dass die Probleme chronisch werden und der Weg zurück in den Dienst immer schwieriger. Die, die den ersten Schritt schaffen und Rat suchen, „die wollen etwas verändern, und wir kriegen es meist gut hin, dass sie zurück in den Dienst können“.
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