Ab wann wussten Sie,dass die Lage schwierig wird?
Am Samstagmorgen hat uns ein marokkanischer Freund erzählt, in den Nachrichten werde gesagt, dass die Grenzen schließen. Unser Lufthansa-Rückflug von Marrakesch nach Deutschland war für Sonntag vorgesehen - und der Status lautete immer "on time". Da haben wir uns erstmal nicht so viele Sorgen gemacht.
Und wann hat sich das geändert?
Als wir dann rund zwölf Stunden vor Abflug einchecken wollten, hieß es plötzlich: "Flug gestrichen". Das war dann ein bisschen beunruhigend. Ich hatte mich aber sicherheitshalber schon in die Elefand-Liste, die Liste für Deutsche im Ausland, eingetragen, das kannte ich schon von früher. Ansonsten haben wir keinerlei Informationen bekommen. Auf der Website der deutschen Botschaft war so ein roter Kasten mit weißer Schrift. Da stand: "Die Ausreise aus Marokko ist derzeit so gut wie unmöglich."
Was haben Sie dann gemacht?
Wir waren zu der Zeit in einer kleinen Unterkunft am Meer ungefähr drei Stunden Fahrtzeit vom Flughafen entfernt, so ein Art Eco-Lodge mit Solarstrom und Leuten aus dem Dorf, die dort gekocht haben. Alle waren sehr nett. Wir haben uns gedacht, so lange wir hier sind, sind wir sicher; wir haben zu essen, uns kann nichts passieren. Deswegen sind wir auch nicht zum Flughafen gefahren, weil wir in den Fernsehnachrichten Bilder von dort gesehen haben: Es sah superchaotisch aus, und es kursierten Gerüchte, dass man ohne gültiges Ticket gar nicht mehr reingelassen wird.
Sie haben dann einfach auf einen neuen Flug gehofft?
Genau. Zu der Zeit gab es für uns die Info, dass es keine Evakuierungsflüge geben wird und wir versuchen sollten, irgendeinen Flug nach Europa zu buchen. Aber das hat natürlich überhaupt nicht funktioniert, online ging gar nichts mehr, auf den Websites hieß es wiederum, man solle zum Flughafen fahren.
Dann haben Sie sich vermutlich wirklich Sorgen gemacht.
Ja, vor allem, weil man merkte, wie die Stimmung in Marokko kippte. Das Gesundheitssystem dort ist sehr schwach - und die Menschen haben richtig Angst vor Corona bekommen. Ich selbst hatte außerdem mit einer Art Lebensmittelvergiftung zu kämpfen, nachdem ich Fisch gegessen hatte, mir ging es ziemlich schlecht. Und dann kam Montagabend die Polizei und hat gesagt, alle Hotels müssten schließen - und wir müssten am nächsten Morgen raus. Gleichzeitig galt weiter ein Ausreisestopp.
Hat sich denn die Botschaft gemeldet?
Ja, aber erst nach vier Tagen, am Dienstag. "Wir arbeiten an einer Lösung", hieß es, das kam über Twitter. Das Problem für uns war, dass das Wifi in der Unterkunft abgeschaltet wurde, und wir nur über Telefonkarten kommunizieren konnten und nicht wussten, wie lange die halten und wie lange es die noch gibt. Wir sind dann Dienstag nach Marrakesch zum Flughafen gefahren, aber wir haben nichts erreicht. Übernachtet haben wir in einer Wohnung von einem sehr netten Vermieter, wie überhaupt alle in Marokko wahnsinnig nett und hilfsbereit waren. Nachts hörten wir dann ab und zu Flugzeuge, das war beruhigend. Und am nächsten Morgen kam der Anruf der Botschaft: "Sie können fliegen, wenn Sie in drei Stunden am Flughafen sein können." Das war super.
Am Flughafen war dann die Hölle los?
Es gab natürlich lange Schlangen, aber es war halbwegs ruhig. Das Personal trug Masken und Handschuhe. Da wurden handgemalte Schilder mit "DE" drauf hochgehalten für die Flüge nach Deutschland.
Im Flugzeug war die allgemeine Erleichterung dann bestimmt groß?
Ja, der Pilot hat eine nette Durchsage gemacht und gesagt, er freue sich, uns alle nach Hause bringen zu können. Zu Essen gab es nichts an Bord, das sollte man sich selbst mitbringen, Getränke gab es. Nach der Landung in Frankfurt wurde dann gejubelt und geklatscht und dann nochmal, als wir endgültig angehalten haben. Das war ein wirklich schönes Gefühl.
Wurdet Ihr untersucht vor der Einreise?
Nein, Marokko galt nicht als Risikogebiet. Im Flugzeug mussten wir aber alle ganz sorgfältig die Formulare mit den Kontaktdaten ausfüllen. In Deutschland wurden dann bei der Einreise natürlich die Pässe kontrolliert. Da wurde es nochmal kurz kritisch, weil mein Partner nicht die deutsche, sondern die irisch-kanadische Staatsbürgerschaft hat. Er wurde dann aber durchgewunken.
Bekommt Ihr jetzt eine Rechnung?
Ja, man musste einen Zettel unterschreiben, dass wir uns bereit erklären, einen Anteil zu übernehmen. Ich weiß aber nicht, wieviel das sein wird.
Wie geht es Ihnen jetzt?
Ich bin sehr froh, wieder hier zu sein. Bekannte aus Marokko schicken mir grade Nachrichten, dass es jetzt wirklich sehr dramatisch wird am Flughafen in Marokko: Es wird hart ausgewählt, erstmal dürfen nur Kranke, Alte und Familien mit Kindern an Bord.
Wie geht es für Sie jetzt in Deutschland weiter?
Ich bin heute erstmal bei meiner Familie. Und ich freue mich, dass ich hier demnächst mithelfen kann, die Lage zu bewältigen: Am 1. April fange ich als Assistenzärztin in einer Berliner Klinik an.