Die Aprilsonne steht hoch am Himmel, als Max Reymann mit dem schweren Lastenfahrrad vor einer Kirche in Tempelhof parkt. Normalerweise öffnet die Evangelische Gemeinde immer dienstags um 14 Uhr die Ausgabestelle von "Laib und Seele".
Bei dem Hilfsprojekt der Berliner Tafel können Menschen mit nachweislich geringem Einkommen und für einen Beitrag von einem Euro einen Einkauf machen. Doch seit der Corona-Krise sind die 42 Berliner Ausgabestellen von "Laib und Seele" geschlossen. Max Reymann gleicht mit einer Gemeinde-Mitarbeiterin Adressen ab, die bedürftige Familien und ältere Menschen hinterlassen haben, damit die Helfer ihnen nun Lebensmittel-Tüten nach Hause bringen können.
Dazu, in seine mitgebrachten Stullen zu beißen, kommt Reymann nicht. Am Vormittag hat er die acht Routen ausgearbeitet, auf der er und seine sieben Mitstreiter heute 865 Kilo Lebensmittel in 108 Tüten zu den Menschen nach Hause bringen. Immer wieder klingelt sein Handy. Helfer sind dran und erfragen noch mal den genauen Treffpunkt. Die meisten stammen von den Rebel Riders Berlin, einer Unterorganisation der Extinction Rebellion.
Eigentlich wollten die Umweltaktivisten über Ostern eine große Demo zum BER organisieren. "Am Flughafen sollen ja irgendwann einmal 20.000 Menschen arbeiten. Viele wollen vielleicht mit dem Rad zur Arbeit fahren, aber dafür gibt es keinerlei Infrastruktur", erklärt der Student.

Ein Anruf genügte

Das Netzwerk und das logistische Know-how, das sich die Umweltaktivisten in Zeiten der "Fridays of Future"-Bewegung aufgebaut haben, können sie nun auch für den Tafellieferdienst gut nutzen. "Auch bei den Straßenblockaden im Oktober mussten wir ja Lebensmittel und Leute per Fahrrad zu den Demonstrationsorten bringen", erklärt Reymann. In Sachen Infektionsschutz reichte ein Anruf bei der "Kunst-AG" der Rebellen. "Einen Tag später hatte ich 70 selbstgenähte Schutzmasken."
Ein paar davon sowie Einweg-Handschuhe verteilt Reymann nun an seine sieben Mitstreiter, die alle mit unterschiedlich großen Lastenrädern kommen, die man über die Plattform "die Flotte" auch schon vor Corona kostenlos ausleihen konnte. Die jungen Helfer, die zum  ersten Mal dabei sind, weist Reymann erst einmal ein. Abstand halten. Am besten mit der einen Hand klingeln und mit der anderen die Lebensmittel-Tüten nehmen.
Kein Geld annehmen, lauten die Regeln. Wenn keiner aufmacht, beim Nachbarn Bescheid geben und einfach nur sagen: Hier ist der Lieferdienst. "Nicht jeder will, dass die Nachbarn wissen, dass er seine Lebensmittel von der Berliner Tafel bezieht", erklärt Reymann, bevor er noch mal die Kiste seines Lastenrades mit Desinfektionsmittel aussprüht.

Tafel-Kunden ernähren sich gesünder

Auch zum Beladen geht es einzeln. Der große weiße Lieferwagen der Berliner Tafel bringt heute neben frischem Obst, Gemüse, Brot und Schokoladen auch Tofu und laktosefreie Milch. "Wir haben viele Bio-Produkte und letztens sogar japanische Pilze dabei", freut sich Reymann. Viele Tafel-"Kunden" ernährten sich durch das Angebot viel gesünder, als wenn sie aufgrund ihrer Geldnot nur die billigen Fertigprodukte kaufen. "Durch die frischen Zutaten kochen sie mehr und probieren zu Hause auch mal neue Rezepte aus", erklärt der Berliner, warum er das Konzept von "Laib und Seele" so gut findet.
Die Produkte wurden von Supermärkten und Bioläden gespendet. Überwiegend junge Ehrenamtliche, die nicht zur Corona-Risikogruppe gehören, verpacken sie derzeit in einer Halle am Berliner Großmarkt in Moabit in weiße Papiertüten. Der Inhalt soll für drei Tage reichen.  Vorrangig werden ältere oder kranke Menschen sowie Alleinerziehende mit mehreren Kindern beliefert. "Die Menschen sind darüber sehr happy", erzählt Reymann.
Der 24-Jährige aus Wilmersdorf studiert gerade im letzten Semester "European Studies" an der Viadrina in Frankfurt (Oder). Normalerweise würde er jetzt ein Praktikum in der Bundesgeschäftsstelle der Europa-Union machen. "Doch im Homeoffice ist das schlecht." Dass er die freie Zeit anders nutzen kann, tue ihm selbst gut, sagt Reymann. "So kommt man wenigstens raus und gibt sich zu Hause nicht seinen Ängsten hin." Und gleichzeitig kann er zeigen, wie sinnvoll das Fahrrad auch als Transportmittel ist. "Durch die Krise können wir nicht nur das Schlechte anprangern, sondern können auch eine gerechte und solidarische Welt vorleben."

Von der Ausgabe zum Lieferdienst

Rund 50.000 bedürftige Menschen werden jeden Monat in den 45 Berliner "LAIB und SEELE"-Ausgabestellen versorgt. 42 Ausgabestellen mussten bereits zum Schutz ihrer überwiegend älteren Ehrenamtlichen schließen. Die Helfer mussten in der Krise völlig umdenken und stellten innerhalb weniger Tage auf einen Lieferdienst um.
Firmen und Autovermietungen helfen mit Fahrzeugen oder Fahrern zum Einsammeln und Sortieren der Lebensmittel. Auch das THW unterstützt mit zwei Fahrzeugen und Fahrern die Tafel. Wenn auch Sie helfen wollen, unter www.berliner-tafel.de sieht man, wer oder was aktuell gebraucht wird.