Rund anderthalb Wochen nach dem Beginn des Teil-Lockdowns in Deutschland rechnet der Pandemiebeauftragte einer Berliner Klinik noch mit einer weiteren Zunahme der Krankenhausfälle.
„Der Gipfel in den Krankenhäusern ist noch nicht erreicht. Wir haben das Schlimmste vermutlich noch nicht gesehen“, sagte der Oberarzt am Krankenhaus Bethel Berlin in Lichterfelde der Deutschen Presse-Agentur. Zwar flache die Kurve der Neuinfektionszahlen in der Hauptstadt derzeit etwas ab, sagte Hans Weigeldt. Die Entwicklung schlage sich in den Kliniken aber verzögert nieder: Die Menschen, die jetzt mit Covid-19 auf eine Intensivstation kommen, hätten sich bereits vor zwei bis drei Wochen angesteckt.

Über 21 Prozent der Intensivbetten in Berlin mit Corona-Patienten belegt

In Berlin sind aktuell 21,7 Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt. 25 Prozent gelten als Grenze, dann springt die Corona-Ampel in diesem Segment auf Rot, auch wenn es darüber hinaus noch Kapazitäten gibt.
In der Charité, die vor allem schwere Fälle versorgt, habe noch kein „Notstand“ ausgerufen werden müssen, sagte ver.di-Gewerkschaftssekretär Marco Pavlik der Deutschen Presse-Agentur. Aber das könne mit Blick auf die Zunahme der Neuinfektionen schnell passieren. Denn die reine Zahl der Intensivbetten sage noch nichts über die Zahl des verfügbaren Pflegepersonals aus. „Das ist seit Jahren zu knapp kalkuliert, auch ohne Corona“, ergänzte Pavlik. „Die massive Überlastung ist ein Dauerzustand.“
Würden nun auf Bundesebene erneut Personaluntergrenzen aufgehoben, nehme der Verschleiß weiter zu, sagte Pavlik. Prämien lösten diesen Teufelskreis nicht auf. „Das einzige, was wirklich helfen würde, ist mehr qualifiziertes Personal.“ Dabei sei auch der Bund gefordert, denn Kliniken müssten diese zusätzlichen Personalkosten refinanzieren können. Ihm sei nicht bekannt, dass die Charité seit der ersten Pandemiewelle im Frühjahr in nennenswerten Größenordnungen zusätzliches Pflegepersonal eingestellt habe. Die Personaldecke sei wegen Quarantäne und winterlichem Krankenstand sehr eng.
Beim großen Berliner Klinikkonzern Vivantes heißt es, durch Anstrengungen der vergangenen Wochen sei es gelungen, mehr Mitarbeiter zu gewinnen. Allerdings habe es auch aufgrund des bestehenden Fachkräftemangels und der natürlichen Fluktuation wie Renteneintritt, Schwangerschaften und Erkrankungen keinen signifikanten Aufbau zusätzlichen Personals geben können.
Planbare Operationen seien bei Vivantes deshalb erneut reduziert worden. Lebensbedrohliche Erkrankungen, dringende Eingriffe wie Tumor-Operationen und Notfälle würden aber grundsätzlich weiterhin ohne Einschränkung behandelt, sagte eine Sprecherin.

Unter Vivantes-Mitarbeitern ist Quarantäne-Anzahl hoch

Unter den mehr als 17.000 Vivantes-Mitarbeitern sei die Anzahl in Quarantäne jedoch hoch und steige trotz umfangreicher Schutzmaßnahmen weiter. Dabei sei aber nicht immer eine Covid-19-Infektion die Ursache. Es könne zum Beispiel auch um Risikokontakte oder die Rückkehr aus einem Risikogebiet gehen.
Mit Zuständen wie im italienischen Bergamo im Frühjahr, wo Ärzte vor der Entscheidung standen, wen sie noch behandeln können, rechnet Mediziner Weigeldt am Krankenhaus Bethel hierzulande nicht. „Mein Gefühl ist: Wir schaffen das. Der Teil-Lockdown wird auch Wirkung zeigen. Aber der Organisationsaufwand beim Drumherum in Kliniken wird in den nächsten Wochen noch anhalten“, sagte Weigeldt. Dabei gehe es um das Verschieben planbarer Eingriffe, die Erkältungs- und Grippesaison sowie Engpässe beim Pflegepersonal mit Fachkräften in Quarantäne.
Die Covid-19-Station seiner Klinik verfügt über 36 Betten, verteilt auf 16 Zimmer, wie Weigeldt berichtet. Momentan sei sie voll ausgelastet mit Covid-19-Patienten beziehungsweise Verdachtsfällen, bei denen das Testergebnis ausstehe. Mehr Betten und Beatmungsgeräte gebe es, schildert Weigeldt, nicht aber mehr Pflegepersonal.
Das Krankenhaus Bethel Berlin ist eines von 38 Notfallkrankenhäusern in der Stadt, die Covid-19-Fälle versorgen. Eingeteilt sind diese Häuser in einem Plan des Senats in verschiedene Stufen. Die Charité-Standorte versorgen demnach die schwersten Covid-19 Fälle als sogenannte Level-1-Häuser, weitere Kliniken folgen als Stufen 2 und 3.
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