"Ja, es sieht so aus wie früher", stimmt Eveline Wagner zu. Der historische Farbton sei gut getroffen. Nun sehen die Fassaden rund um den Alboinplatz wieder aus wie vor dem Krieg. Seit 82 Jahren lebt die Seniorin in derselben Wohnung in Tempelhof. Nur einmal musste sie ausziehen - für sechs Wochen. In dieser Zeit haben Bauarbeiter ihre Wände für neue Leitungen aufgeschlitzt, mit schwerem Gerät die alten Kacheln aufgestemmt, Türen geschliffen, Fenster erneuert.
Die Sanierung der denkmalgeschützten viergeschossigen Wohnanlage sei eine große Herausforderung gewesen, berichtet Frank Bielka, Vorstandsmitglied der degewo am Freitag bei der feierlichen Übergabe. Das Wohnungsunternehmen hat in den vergangenen sechs Jahren mehr als 40 Millionen Euro investiert, um insbesondere Küchen und Bäder sowie die Elektro-, Sanitär- und Heizungsanlagen der insgesamt 870 Wohnungen rund um ein Gartendenkmal zu modernisieren. Jede zweite stand unter Denkmalschutz. Bei ihnen mussten die Kastendoppelfenster aus Holz erhalten bleiben. Tischler arbeiteten die kaputten Stellen auf und bauten Wärmeschutzverglasungen ein. Die Ausschreibung musste viermal wiederholt werden. "Wir fanden am Anfang einfach keine Betriebe, die das konnten", berichtet Bielka.
Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Die neuen alten Fenster werden immer noch mit goldfarbenen, ovalen Griffen geöffnet. Auch die Gitter der Badfenster in den Erdgeschossen blieben erhalten. Manche Wohnungen haben bis heute Speisekammern. "Es wurde behutsam saniert", freute sich auch Angelika Schöttler (SPD), Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg. In Berlin werde derzeit immer nur über Neubau gesprochen. "Doch es muss vor allem auch in den Bestand investiert werden, damit die Mieten nicht weiter steigen", erklärt die Politikerin.
Der durchschnittliche Mietpreis pro Quadratmeter habe sich laut degewo in dem einst von den Architekten Erich Glas und Hans Jessen entworfenen Quartier nur leicht auf 6,62 Euro pro Quadratmeter erhöht und entspreche vergleichbaren Mieten in dem ruhigen Viertel in der Nähe des Bahnhofs Südkreuz.
Die Sanierung der Wohnsiedlung aus der Zeit der Berliner Moderne war auch logistisch schwierig. Innerhalb von zwei Jahren mussten mehr als 375 Mieter für jeweils sechs Wochen in möblierte Apartments bis nach Lankwitz ausquartiert werden. "Wir hatten 750 Schlüsselübergaben", berichtet Elke Benkenstein vom degewo-Kundenzentrum. In den verkehrsberuhigten Höfen stauten sich die Umzugslaster, Möbel der Mieter mussten eingelagert werden.
Das gefiel nicht jedem. Aber man habe auch eine große Verbundenheit zu dem Kiez gespürt. "Bei Familien haben wir darauf geachtet, dass sie in der Nähe bleiben konnten", berichtet Benkenstein. Die Älteren konnte man damit locken, dass sie gleich in eine sanierte Wohnung in die unteren Etagen wechseln durften. Denn es gibt keine Fahrstühle in der von 1929 bis 1931 erbauten Anlage mit hohen Tordurchfahrten und großzügigen Ziegelsteinbalkonen.
Eveline Wagner konnte in den sechs Wochen zu einer Freundin um die Ecke ziehen. Mitgenommen hat sie nur zwei Koffer mit Kleidung. "Es war eine ganz nette Zeit, aber ich war auch froh, als ich endlich wieder nach Hause durfte", sagt die Dame mit dem lila Hütchen. Vier Jahre war sie alt, als sie 1931 mit ihren Eltern und zwei Geschwistern in die damals nagelneue Siedlung in der Nähe des Tempelhofer Damms einzog. 145 Reichsmark habe die Miete für die dreieinhalb Zimmer betragen, erinnert sich die ehemalige Bäckerin, die heute 600 Euro zahlt. "Ich schlief in der Küche. Denn gekocht wurde unten im Laden". In den Räumen der einstigen Konditorei ihrer Eltern befindet sich heute die Kneipe "Blanke Helle". So wird im Volksmund der eiszeitliche Teich in der Mitte des Alboinplatzes genannt, an dem Eveline Wagner seit 82 Jahren spazieren geht.