Mit einer Mischung aus Trauer und Aufregung steht William Ikor vor dem Check-In-Schalter im Terminal C. Freunde wedeln mit Papieren vor seiner Nase und geben Tipps für die Reise, ein anderer packt die Tasche noch einmal um. Für sentimentale Momente bleibt keine Zeit. Der 37-Jährige wird Deutschland gleich verlassen. Knapp elf Jahre lebte er dort.
Drei Koffer stehen neben dem Mann, der über Marokko die Heimreise nach Kamerun antritt. In einer Tüte haben die Bekannten etwas Proviant gepackt. "Mein Kopf ist leer", sagt Ikor, der bis zum Schluss gehofft hatte, in Rathenow bleiben zu dürfen. Dort hatte er Freunde, engagierte sich für andere Flüchtlinge, betrieb ehrenamtlich ein Internet-Café.
"Sehr traurig" sei er über den Abschied. Gleichzeitig hat er Angst vor dem Leben in Kamerun. Ikor gehörte zu einer Oppositionsbewegung, deren Mitglieder in dem afrikanischen Staat verfolgt werden. Mit seiner freiwilligen Ausreise entgeht er einer Abschiebung. Dann hätten ihn Polizisten empfangen, er wäre vermutlich gleich ins Gefängnis gekommen.
Spät bringt ein Mitarbeiter der Kreis-Ausländerbehörde einen vorläufigen Pass vorbei. Pfarrer Wolf Schöne schüttelt den Kopf. "Sie wollen sicher gehen, dass er die Heimreise antritt." Die Behörde habe ihm Steine in den Weg gelegt. Er fühlt sich hilflos, "aber vielleicht will Gott, dass es so kommt", sagt der Rathenower resigniert.
Seit Januar hielt sich Ikor versteckt, damit er nicht abgeschoben wird. Schöne und die Kirchengemeinde gewährten Unterschlupf. Sein Asylantrag wurde nach einem zehnjährigen Verfahren abgelehnt, die Härtefallkommission des Landes hatte ein Bleiberecht abgelehnt. "Er begann hier ein neues Leben, das ist jetzt eine Katastrophe", sagt sein Freund Geoffrey.
Der bürokratische Umgang mit dem Fall lässt viele ratlos und wütend zurück. Der Flüchtlingsrat Brandenburg wirft der Kreisverwaltung "Rechtsmissbräuche" vor. Diese habe mit der Fahndung die Abschiebung vorangetrieben, sagt Kay Wendel von der Initiative. "Die erfolgreiche Integration wurde gar nicht gesehen."
Die Linksfraktion im Landtag spricht von einer "fatalen Entscheidung". Der Fall sei absolut unglücklich gelaufen, so die Expertin für Integrationspolitik, Bettina Fortunato. Aus ihrer Sicht sei es notwendig, über eine "Evaluation der Härtefallkommission" nachzudenken.
Fraktionskollege Christian Görke übt ebenfalls Kritik an der Kreisbehörde. Diese hätte ihren Ermessensspielraum nutzen und die Duldung anordnen können, sagt der Abgeordnete aus Rathenow. Ikor habe zuletzt eine berufliche Perspektive besessen.
"Nur wenige Fälle von Kirchenasyl sind so tragisch ausgegangen", sagt der Ausländerbeauftragte der Evangelischen Landeskirche, Hanns Thomä. Auch er ist zum Flughafen gekommen. Die Gemeinde könne den Kameruner aber nicht unbegrenzte Zeit verstecken. "Der Staat muss entscheiden."
Es gebe rechtlich keine anderen Möglichkeiten, sagt Florian Engels, Sprecher des Sozialministeriums. Die Kreisverwaltung weist die Vorwürfe entschieden zurück. "William Ikor ist untergetaucht, also wurde nach ihm gefahndet", sagt Sprecher Erik Nagel. Den Asylantrag des Kameruners habe der Bund abgelehnt. "Uns sind die Hände gebunden."
Margarete Steger hat William Ikor vier Wochen aufgenommen. Zusammen mit anderen Bürgern schrieb sie Briefe an die Landesregierung, hoffte von dort auf ein positives Zeichen. "Ich dachte, wir leben in einem ausländerfreundlichen Staat. Diese Haltung hat mich als ehemalige DDR-Bürgerin so enttäuscht" Dann nimmt sie Ikor in den Arm.