Eisenbahnen, aber vor allem Straßen-, S- und U-Bahnen sind die Welt von Dieter Krenz. Wenn er in den Keller seiner Stahnsdorfer Neubauwohnung steigt, ist er ganz in seinem Metier. Eine riesige elektrische Modelleisenbahn hat er sich dort aufgebaut. An den Wänden allerdings hängen Fotos mit verschiedenen alten Straßenbahnen. „Hier ist sie“, zeigt er gleich beim Eintritt in seinen Hobby-Keller auf ein altes eingerahmtes Schwarz-Weiß-Foto, „die Linie 96“. Besonders diese Straßenbahnlinie, die schon seit 40 Jahren nicht mehr existiert, hat es ihm angetan. Einst führte sie von der Machnower Schleuse – nur wenige Fußschritte von seiner Wohnung entfernt – bis nach Berlin-Mitte in die Behrenstraße. Eine solche über 80-jährige Straßenbahn steht nun an eben dieser Machnower Schleuse zwischen Kleinmachnow und Stahnsdorf als kleines technisches Museum. Hier erklärt auch Dieter Krenz den Besuchern, was es mit der Linie 96 auf sich hat.
Das Bahnfahren hat der 71-Jährige schon seit seinen Kindertagen geliebt, und es war Balsam auf seine schmerzende Seele. Mit vier Jahren, noch während des Krieges, kam er in ein Waisenhaus und nach Kriegsende zu seinen Großeltern nach Stahnsdorf. Da fast alle Verwandten im Westteil der Stadt wohnten, fuhr er oft mit den Bahnen dorthin, seit dem 24. Januar 1946 auch mit der Linie 96, die ihren Betrieb wieder aufgenommen hatte. „Doch ich musste in Tempelhof umsteigen, da die Bahn nicht mehr nach Mitte fuhr, so wie noch in den dreißiger Jahren. Ich war fasziniert vom Bahnfahren“, blickt er zurück.
Als er vierzehn Jahre alt war, musste er regelmäßig für eine Tante, die nahe Gesundbrunnen wohnte, einkaufen gehen. Aber auch sonst, an den Wochenenden und in den Ferien, fuhr er ständig die einzelnen Linien ab. Er kannte all die Bahnhöfe und Haltestellen bald auswendig. Schon als Zehnjähriger begann er, die Fahrplanhefte zu sammeln und war für die Berliner Verwandtschaft das wandelnde Kursbuch. Ständig wurde er nach den Verbindungen und den Zeiten befragt, obwohl er gar nicht in der Stadt wohnte. Später, nach dem Mauerbau, ließ er sich von einer West-Cousine in die Pakete Fahrplanbücher stecken – eine ungewöhnliche Art, sich auf die Westpakete zu freuen. Heute besitzt er sämtliche Fahrpläne und Kursbücher der BVG Ost und West ab 1950 und die Liniennetze ab 1928. Sie alle fanden Platz in einem Schrank in seiner Veranda.
Der Mauerbau 1961 war in doppelter Hinsicht ein Einschnitt in sein Leben. Zum einen konnte er seine Verwandtschaft nicht mehr besuchen, und zum anderen fuhr auch seine geliebte Linie 96 nicht mehr. Sie hatte ihre Aufgabe, das Umland mit Berlin zu verbinden, verloren.
Begonnen hatte die Geschichte dieser Linie vor mehr als hundert Jahren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Region um Teltow so stark entwickelt, dass eine Verkehrsanbindung mit Berlin immer wichtiger wurde. So kam es 1887 zum Bau der ersten Straßenbahnlinie von Groß-Lichterfelde (heute Lichterfelde-Ost) nach Teltow, einer Privatbahn. Die Jungfernfahrt endetet allerdings mit einem Desaster, denn die eiligst herbeigeholte Ersatzbahn, die nicht für die engen Kurven ausgelegt war, entgleiste. Erst sechs Wochen später, am 1. Juli 1889, erfolgte die Eröffnung der 5,2 Kilometer langen Strecke mit der richtigen Dampfstraßenbahn vom Bahnhof Groß-Lichterfelde nach Teltow. Etwa 30 Minuten benötigte die Bahn dafür. Später wurde die Strecke nach Stahnsdorf und nach Kleinmachnow verlängert. Durch die Verknüpfung mit einer anderen Linie entstand 1930 die legendäre Linie 96, die bis in die Berliner City nahe dem Gendarmenmarkt führte und bis zum April 1944 in Betrieb war.
Nach Kriegsende erlangte die Strecke, die nun bis Tempelhof verkürzt wurde, in zweifacher Hinsicht eine Bedeutung. Sie verband nicht nur die sowjetische Besatzungszone mit dem amerikanischen Sektor, sondern war auch während der Zeit der Blockade der Berliner Westsektoren durch die Sowjetunion vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 eine der wenigen Verbindungen dies- und jenseits der Zonengrenze. Anderthalb Jahre gab es dann eine absurde Situation: „Obwohl an der Grenze Schaffner und Währungen wechselten, stieg für den Abschnitt Seehof – Teltow – Schleuse Kleinmachnow ein West-Berliner BVGer auf, der jedoch nur eine Wechselgeldtasche mit Ostgeld bei sich führte. Der BVG Ost war es zu umständlich, extra bis an die Stadtgrenze einen eigenen Schaffner einzuteilen“, erzählt Dieter Krenz. „Doch dann gab es einen Zwischenfall: Dem West-Schaffner wurden Flugblätter zugesteckt. Er ärgerte sich darüber und stieß sie mit dem Fuß aus der Bahn – die Blätter flatterten davon. Er wurde dafür als Saboteur verhaftet. Die West-BVG ließ deshalb ab Oktober 1950 ihre Schaffner nicht mehr in die Ost-Zone fahren.“ Für den Ost-Abschnitt der Strecke begann nun ein Inselbetrieb, und die Reisenden mussten an der Grenze die Straßenbahn wechseln. Nach dem Mauerbau sanken die Fahrgastzahlen drastisch, so dass am 31. Oktober 1961 die letzte Bahn fuhr.
Heute steht eine „96“, die 1929 gebaut, 1996 restauriert und 2009 von Teltow an den heutigen Standort umgesetzt wurde, als kleines Museum an der Machnower Schleuse. Und manchmal führt auch Dieter Krenz die Besucher durch seine Lieblingsbahn, die einst Teil seines Lebens war.
(Museum: Machnower Schleuse, Stahnsdorfer Damm, 14532 Kleinmachnow; Besichtigung nach Vereinbarung: 03328/314855, 03328/473429 od. 03329/613492; April-Okt. Sa/So 13-18 Uhr)