Richtige Mammuttouren seien das gewesen – an einem Tag vom Waldfriedhof Heerstraße neben dem Olympiastadion durch den Grunewald bis zu den Friedhöfen in Zehlendorf. Das ist den beiden Pensionierten nun etwas viel. "Ich habe dann ein bisschen abgebremst, ich wollte das nicht mehr", erzählt Verlage im Eingangsbereich des Waldfriedhofs unweit der Sportstätte. Seit 2015 bieten sie deswegen Stadtführungen ganz privat an Wochenenden an. "Wir haben die einzelnen Touren ausgegliedert und machen die jetzt zu Fuß", fügt Thom hinzu. "Statt fünf Friedhöfe an einem Tag haben wir jetzt fünf verschiedene Touren", ergänzt Verlage. An diesem Tag wollen sie einen Eindruck des Waldfriedhofs Heerstraße vermitteln.

Fokus auf Prominente gelegt

Ulrich Thom zeigt auf den Lageplan; heutiger Fokus sei der südliche Teil des Friedhofs. Dort fänden sich die meisten Prominenten. Aber: "Es gibt drei Katego­rien: Normalbürger, die Promi-nenten ohne Ehrengrabstein und welche mit", erklärt der passionierte Stadtführer.
Seine Frau berichtet ihr Wissen unterstützt durch einen Ordner, der zahlreiches Zusatzmaterial, Bilder und Grafiken hält. Er erzählt seine Anekdoten aus dem Kopf. Dennoch ergänzen die beiden ihre Sätze, fügen immer noch etwas zur Erzählung des anderen hinzu – hier werkelt ein eingespieltes Team. "Wir sind nicht nekrophil oder so. Aber es gibt ungeheuer spannende Dinge auf Friedhöfen zu entdecken", erzählt Thom. Er lese sehr viel in der Freizeit, vor allem Biographien von bekannten Menschen, über die oft nur der Geburts- und Sterbeort bekannt seien, aber nicht die Bestattungsstätte.
Der Waldfriedhof Heerstraße hat eine lange Geschichte: "Das ganze Gebiet war bis 1900 Wald – der ganze Grunewald zog sich bis hierher. Dann kamen Militär­anlagen am Olympiastadion, dann das Villenviertel jenseits der Heerstraße hinzu. "Für die war der Friedhof gedacht", erklärt Thom. So sei der Name entstanden. Hildegard Verlage berichtet zum Bau: 1921 bis 1924 sei der Friedhof angelegt worden, rund und terrassenförmig um den Sausulensee herum, der heute eine natürliche Trennung zwischen dem neuen und alten Teil bilde.
Die Nationalsozialisten störten sich an dem Friedhof, vor allem dass auf der konfessionslosen Ruhestätte auch jüdische Bürger begraben waren. Trotz Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges sei der Friedhof immer betrieben und auch erweitert worden. Heute fasse er 139 000 Quadratmeter, so Verlage.
Einige Teilnehmende der Führung kommen aus Hamburg und zeigen sich erstaunt über die hügelige Anordnung. Der eiszeitliche See sei dafür verantwortlich, erklären die Stadtführer – und stimmen zu, dass der Friedhof nicht behindertengerecht abzulaufen ist. Eine weitere Teilnehmerin ist an diesem Tag dabei, da sie für ihre Mutter eine Grabstelle auf dem Waldfriedhof ausgewählt habe. So wolle sie sich umschauen und mehr über die Stätte erfahren.

Roter Backstein für Ehrengräber

Die Gruppe schlendert an zahlreichen Gräbern vorbei, viele in der Tat von normalen Bürgerinnen und Bürgern. Doch hin und wieder zeigt ein roter Backstein am Rande der Grabstelle an, dass es sich um ein Ehrengrab des Landes Berlin handelt (siehe Infokasten). Vom ersten Halt am Grab von Schauspieler Horst Buchholz geht es zur nächsten Ebene. Zahlreiche Badeenten sitzen in Reih und Glied auf einem Grabstein. Hier liegt Bernhard-Viktor von Bülow, besser bekannt als Loriot, begraben. Auch bei ihm ein roter Stein. In der letzten Runde der Veröffentlichungen zu neu-ernannten Ehrengräbern, die im Mai bekanntgegeben wurden, war er dabei. "Jetzt ist er da", sagt Thom. Sie hätten sich immer wieder gefragt, wann es denn soweit sei. Weiter geht es vorbei am Ehrengrabmal für NS-Widerstandskämpferinnen und -kämpfer wie Klara Bloch und die Eheleute Groscurth.

Eine Liste zum Nachlesen

670 Ehrengräber gebe es in ganz Berlin, davon seien allerdings nur ungefähr zehn Prozent Frauen, erklärt Verlage. An ausgewählten Ehrengrabstätten informiert sie detailreich über die Verstorbenen, liest aus einem Gedicht, zeigt, wie die Person früher aussah. Am Ende des Rundgangs gibt es eine Liste mit einer Auswahl der Gräber, die bei der Tour aufgesucht wurden und anderen Prominentengrabstätten, falls die Besucher noch einmal in Ruhe nachlesen möchten.
Info: Übersicht der Termine und Führungen unter www.berlinsicht.de

Ehrengrab

Ehrengräber sollen Verstorbene ehren, die sich um das Land Berlin verdient gemacht und zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zur Stadt erbracht haben. Der Wunsch dieser Auszeichnung muss aus der Bürgerschaft entstehen und bei der Senatskanzlei begründet beantragt werden. Frühstens fünf Jahre nach dem Tod kann ein Ehrengrab zunächst für 20 Jahre durch Senatsbeschluss anerkannt werden. jw