Die Leute auf dem Bahnsteig am Gleis 21 sind in Gespräche vertieft, als plötzlich Schüsse ertönen. Auf der Treppe erscheinen drei Männer mit Motorradhelmen und Kalaschnikows und schießen wahllos in die Menge. Die Menschen laufen schreiend auseinander, versuchen sich in den wartenden Regionalzug zu retten oder lassen sich in Panik ins Gleisbett fallen. Während einige schwer verletzt hinter Mülleimern kauern, stürmen die maskierten Terroristen den Zug. Frauen kreischen, Verletzte rufen nach Hilfe, bis auch sie nach erneuten Schüsse verstummen.
Der islamistische Anschlag am Montagabend auf dem Bahnhof Lichtenberg ist zum Glück nur simuliert. Bundespolizisten haben zuvor einen etwas abseits gelegenen Bahnsteig abgesperrt und informieren die Fahrgäste, die nur ein paar Meter weiter auf die S-Bahn warten. Sie können nur die Knallgeräusche hören. Ein alter Personenzug wurde als Sichtschutz zwischen dem normalen Verkehr und dem Übungs-Bahnsteig geparkt.
Denn das, was man dahinter zu sehen bekommt, ist grausam. Die insgesamt 150 Komparsen, größtenteils Polizeischüler, legen sich ziemlich ins Zeug, alles so real wie möglich aussehen zu lassen. Vielen hat man schlimmste Verletzungen geschminkt. Mit blutüberströmten Köpfen, abgeschossenen Gliedmaßen und Metallsplittern im Körper robben sie durch den Gleisschotter oder röcheln auf dem Bahnsteig oder im Zug um Hilfe.
Doch die kommt erst nach einer gefühlten Ewigkeit. Fast zehn Minuten können die Terroristen wüten und regelrechte Exekutionen vornehmen. Dann stürmen plötzlich vermummte Elite-Polizisten der Sondereinsatztruppe GSG9 über eine Rollstuhlrampe auf den Bahnhof. Das Drehbuch sieht vor, dass die Anti-Terror-Einheit wegen eines Treffens der Innenminister ohnehin gerade in Berlin bereitsteht. In der Realität könnte es sogar noch länger dauern, wenn Sondereinheiten unter anderem aus Blumberg (Barnim)angefordert werden müssen. Im Schlepptau hat die GSG9 auch Spezialkräfte der "Beweis- und Festnahmehundertschaft Plus", (BFE+). Seit 2016 werden auch diese besonders für Terror-Einsätze geschult. Dass sie nun mit der GSG9 zusammen auf einem öffentlichen Bahnhof den Ernstfall trainieren, sei bisher einmalig, erklärt Bundespolizei-Sprecher Jens Schobranski.
Aber auch ganz normale Bundespolizisten sind mit im Boot. "In der aktuellen Sicherheitslage sind wir sowie die Kollegen von der Landespolizei mehr denn je gefordert", sagt Schobranski. In der Übung mit insgesamt drei Durchgängen gehe es vor allem darum, die Zusammenarbeit beziehungsweise die Aufgabenteilung zu proben und die eigenen Konzepte auf den Prüfstand zu stellen.
Während die normalen Streifenpolizisten den Bahnhof-Tunnel absichern und damit ein Eindringen der Angreifer auf die belebte Empfangshalle verhindern, stürmen die GSG9-Kräfte in den olivfarbenen Kampfanzügen Bahnsteig und Zug und strecken die Angreifer nieder. Doch auch die Opfer werden von ihren Kollegen in blau-grauer Montur in Schach gehalten. "Auf den Boden", rufen die Beamten der BFE+ immer wieder. "Die Gefahr, dass sich ein Attentäter unter die Opfer mischt, muss erst ausgeräumt werden", erklärt Schobranski.
So werden auch Fahrgäste mit erhobenen Händen aus dem Zug geholt und auf dem Bahnsteig aufgereiht. Ein junger Mann, der minutenlang zuckend am Boden liegt, wird von einem GSG9-Beamten notversorgt. In seinem Rucksack hat der speziell ausgebildete Elite-Polizist neben schwerer Munition auch Mullbinden und Tragetuch dabei.
Es ist besonders bedrückend, dass sonst keine medizinische Hilfe auf den Bahnhof mit Schwerverletzten kommt. "Sanitäter und Ärzte gelten als Zivilpersonen und dürfen erst an den Tatort, wenn die Situation bereinigt ist", erklärt Schobranski. So schleppen einige Zivilisten die Verletzten in den abgesicherten Bahnhofstunnel. Andere bleiben regungslos liegen. Auch ein Attentäter liegt tot mit Sprengstoffgürtel auf der Treppe. Die anderen wurden im Zug "neutralisiert", wie es im Polizei-Deutsch heißt.
Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Die Toten können sich vom kalten Bahnsteig erheben. Die Beamten bekommen Applaus. Die Auswertung werde später erfolgen und in die wöchentlichen Schulungen mit einfließen, erklärt Übungsleiter Sven Jahn. Der Polizeidirektor aus Lübeck hat bisher solche Übungen zu "komplexen lebensbedrohlichen Einsatzlagen" nur in Inspektionen organisiert. "Natürlich gibt es auch hier eine gewissen Übungskünstlichkeit", gesteht er. In der Realität wären die Beamten sicher noch viel mehr mit den eigenen Ängsten sowie mit der völlig unkalkulierbaren Massen-Panik konfrontiert.