Die heutigen Jugendlichen empfinde sie als sehr locker, erzählt Milena Meyer. "Ich glaube, nicht jeder hat ein Kondom in der Tasche." Im Gegensatz zu den 1990er-Jahren werde heute wenig über Aids und HIV berichtet. "Es gibt genug andere Themen, über die gesprochen wird", sagt die Berlinerin, die sich vor zehn Jahren mit dem Immunschwäche-Virus infiziert hat. Texte von ihr und sechs anderen Frauen einer Schreibgruppe der Berliner Aids-Hilfe sind nun in dem Band "Bittersüße Geschichten" erschienen. Darin erzählen die Teilnehmerinnen von Sehnsüchten, Fantasien und ihrem Alltag mit HIV. In der Gruppe, die von den Schreibcoaches Jutta Michaud und Susanne Diehm geleitet wird, hat die Lehrerin Frauen kennengelernt, die ihr Schicksal teilen - und doch sehr verschieden sind. "Es ist erstaunlich, dass das alle Bevölkerungsschichten angeht", sagt Milena Meyer.
Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts lebten 2014 83400 Menschen mit HIV oder Aids in Deutschland, mehr als 16600 davon in Berlin. Immer noch wird die Infektionskrankheit häufig als Problem homosexueller Männer und Drogenabhängiger bezeichnet. Diese These greift jedoch zu kurz. Milena Meyer hat sich bei ihrem ehemaligen Lebensgefährten angesteckt. Sie wusste von seiner Krankheit. Aber er täuschte vor, dass er in Behandlung ist. Denn inzwischen lässt sich die Vermehrung von HI-Viren im Körper durch Medikamente blockieren. Nach einiger Zeit sind im Blut keine Viren mehr nachweisbar. Dann können Infizierte niemanden mehr anstecken - selbst ihre ungeborenen Kinder nicht. So hat auch Milena Meyer mit ihrem Ex-Partner ein gesundes Kind bekommen - bevor er seine Medikamente absetzte.
Laut Robert-Koch-Institut ist in den vergangenen zehn Jahren der Anteil der Infizierten, die kaum infektiös sind, gestiegen. Trotzdem blieb die Zahl der Neuinfektionen konstant. 2014 infizierten sich allein in Berlin 400 Männer und 40 Frauen.
Für Milena Meyer war die Diagnose ein Schock. "Ich habe lange gebraucht, um das zu akzeptieren", sagt die Sprach-Lehrerin, die nach der Nachricht tagelang weinte. Von der Infektion erzählte sie nur ihrer besten Freundin, die ebenfalls HIV-positiv ist.
Die dunkelhaarige, kleine, aber kraftvoll wirkende Frau Ende 40 hat es geschafft, ein neues Leben zu beginnen - mit HIV, aber ohne ihren Partner. Sie entschied sich dafür, aus einem kleinen Ort nach Berlin zu ziehen, wo das Netz an Beratungsmöglichkeiten viel dichter ist. Doch auch in der großen Stadt hat sie negative Erfahrungen gemacht. Bei einem Zahnarzt etwa behandelten sie die Mitarbeiterinnen sehr abfällig. "Ich gehe jetzt nur noch zu Ärzten, die sich mit dem Thema beschäftigen", sagt Milena Meyer.
Immer noch werde HIV als "Schmuddelkrankheit" angesehen. Sie empfinde das als scheinheilig. "Jeder prahlt mit seinen Sexabenteuern." Aber wenn sich jemand infiziert, sei er plötzlich selbst daran schuld. Im Alltag schränkt Milena Meyer die Krankheit kaum ein. Aber manches - wie etwa Beziehungen - ist heute nicht mehr so selbstverständlich. "Ich wurde mal deswegen zurückgewiesen. Das hat mir sehr wehgetan."
In den Schreibkursen von Susanne Diehm und Jutta Michaud werden auch solche Erfahrungen thematisiert. In kurzen Übungen bringen die Kursteilnehmer alles spontan aufs Papier: Liebe, Verluste, Sexualität. Es geht dabei nicht darum, brillante Texte zu verfassen, sondern sich selbst näherzukommen. "Mit dem Schreiben findet man einen anderen Zugang zu sich selbst", betont Jutta Michaud. Die Technik des gesundheitsfördernden, kreativen Schreibens könne bei unterschiedlichen Problemen, Symptomen und Krankheitsbildern helfen. Stress abzubauen wirke sich positiv auf das Wohlbefinden aus, bestätigt Milena Meyer. Der Kurs habe sie ermutigt, sich zu öffnen. (*Name von der Redaktion geändert)
Das Buch "Bittersüße Geschichten" kann für 12,90 Euro bei der Berliner Aids-Hilfe oder über den Buchhandel erworben werden. ISBN 978-3-7418-0788-6
Stressabbau durchs Texten: Die beiden Schreibtherapeutinnen Susanne Diehm (links) und Jutta Michaud unterstützen HIV-positive Frauen wie Milena Meyer*, die sich nicht fotografieren lassen wollte, im Umgang mit der Diagnose und negativen Reaktionen..Foto: Inga Dreyer
Zwei Berliner Schreibtherapeuten helfen HIV-infizierten Frauen, durch die Krankheit bedingte Situationen besser zu meistern