Am 30. September 1959 sorgte der 18 Jahre alte Halblinke Jürgen Nöldner des damaligen ASK Vorwärts Berlin für eine kleine Sensation. Vor 65.000 Zuschauer im damaligen Berliner „Walter-Ulbricht-Stadion“ traf er im Fußball-Europapokal der Landesmeister gegen die Walvorhampton Wanderers zum 1:1-Ausgleich. Am Ende gewann die Berliner 2:1. Heute begeht „Kuppe“ Nöldner den 80. Geburtstag. „Auf einmal ist man 80“, sagt er und hält es wie die Queen. „Ich verschiebe die Feier in den Sommer an die Ostsee“, pendelt der einstige Starstürmer die Corona-Krise aus. „Kuppe“, warum „Kuppe“? Ehefrau Heidi schlagfertig: „Einfach weil er immer auf der Kuppe , also Spitze war.“
In stillen Momenten hört der einstige Stürmer im Unterbewusstsein heute noch die Jubelschreie der Fans bei einem von ihm erzielten Treffer in den damals oft überfüllten Stadien. Wenn der 30-malige DDR-Nationalspieler, fünfmalige DDR-Meister und Olympia-Medaillengewinner durch den Supermarkt wandelt, fällt es einem nicht schwer, den einst so begnadeten Techniker in ein Schwätzchen um den Fußball zu verwickeln.
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Youtube Länderspieltore von Jürgen Nöldner 1965-1966

Spitzname war „Puskas der DDR“

Ruft einer „Hallo Puskas“, dreht sich Nöldner immer noch unwillkürlich um. Puskas war ein begnadeter ungarischer Fußballspieler, der für Honved Budapest und später für Real Madrid spielte. Fans und Journalisten hatten Nöldner wegen seiner technischen Fertigkeiten den Spitznamen „Puskas der DDR“ verliehen. „An jedem ersten Freitag im Dezember eines Jahres treffen sich alle Überlebenden der einstigen Vorwärts-Mannschaft. Wegen Corona musste unser Treffen vergangenes Jahr ausfallen“, schaut der Ex-Fußballer etwas traurig zurück.
Natürlich verfolgt der Altstar die aktuelle Fußballszene. „Ich freue mich, wenn die Berliner Mannschaften Hertha oder Union gewinnen, aber ich sehe die Spiele mit den Augen eines ehemaligen Journalisten nicht als Fan“, sagt der Jubilar. Nur eine alte Liebe grub sich bei Jürgen tief in das Herz ein: „Die Spiele von Sparta Lichtenberg, wo ich einst vor 74 Jahren angefangen habe, verfolge ich immer noch“, gesteht der einstige Torjäger seine nostalgischen Anwandlungen. Immerhin stehen die Spartaner auf Platz 2 der Berlin-Liga und warten darauf, dass auch der kleine Fußball bald wieder rollt.

FC Vorwärts wurde nach Frankfurt (Oder) delegiert

Eine Stippvisite gab Nöldner Anfang der 1970er-Jahre auch an der Oder. Der stolze FC Vorwärts Berlin war nach Frankfurt (Oder) umgezogen und verlor dort aber sichtlich an Glanz, büßte Zuschauer ein und konnte nur noch selten mit seinem durchaus sehenswerten Spiel begeistern. Der Auftakt als FC Vorwärts Frankfurt am 28. August 1971 ging mit einer 0:2-Niederlage bei Lok Leipzig gleich in die Hose. Bei Vorwärts lief dann im Vergleich zu Berlin in Frankfurt leider vieles rückwärts. Oft kämpften der Oder-Kicker gegen den Abstieg und mussten sogar dreimal in die DDR-Liga absteigen. Im Friedrich-Ludwig-Jahnsportpark füllten einst bei den Spielen des FCV um die 7000 Fans die Ränge, während den Stadtrivalen BFC Dynamo nur gute 5000 Zuschauer sehen wollten.
Um das zu ändern, soll Stasi-Minister Erich Mielke darauf gedrungen haben, den FC Vorwärts an die Oder zu verlegen. „Ich kennen das Gerücht, glauben aber mehr, dass Erich Mückenberger, damaliger SED-Chef des Bezirkes Frankfurt, Druck machte, um eine Oberligamannschaft zu bekommen.“, erinnert sich Rekordspieler Jürgen Nöldner, mit 285 Oberliga- Spielen und 90 Toren im Vorwärtstrikot.

Mit ASK Vorwärts in Strausberg trainiert

Die Erklärung erscheint irgendwie logisch, denn der ASK Vorwärts trainierte lange Zeit in der NVA-Sportschule Strausberg. Nach Frankfurt zog es aber nicht alle der Meister-Kicker. „Ich habe im Winter 1972/73 aufgehört und am 1. September 1973 beim ‚Deutschen Sportecho‘ angefangen“, berichtet Nöldner. Der Berliner konzentrierte sich an der Karl-Marx-Uni in Leipzig auf sein Journalistik-Studium. Er führte später lange Zeit als Chefredakteur die DDR-Fußball-Woche „FuWo“ und nach der Wende bis zum Rentenalter 2006 als verantwortlicher Leiter die „Kicker“-Regionalausgabe Nordost/Berlin.

Nach Vater Erwin ist der Nöldner-Platz benannt

Jürgen Nöldner lebt mit seiner Frau Heidi wie sein ganzes Leben weiter in Berlin-Lichtenberg. Seit einigen Jahren.in der „Platte“, die so schlecht nicht ist, wie sie dargestellt wird. Die Wohnung befindet sich allerdings nicht, am „ Nöldner Platz“, wie man vermuten könnte. „Ich wohne im Saefkow-Viertel“, sagt er. Der Nöldner Platz und die S-Bahn-Station trägt seit 1947 den Namen seines Vaters Erwin, der als antifaschistischer Widerstandskämpfer und Kommunist, im November 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet wurde.

Einmal im Jahr zur DFB-Nationalmannschaft

Den Fußball genießt Nöldner, wie gesagt, meist nur vor dem Fernseher. „Nur einmal im Jahr bin ich live dabei, denn ich gehöre zum Kreis der Ex-Nationalspieler, die zu einem Länderspiel vom DFB eingeladen werden“, verrät der einstige Edelstürmer, den der früherer ungarische DDR-Nationaltrainer Karoly Soos wegen Jürgens beachtlichen Hutgröße nur „Großkopf“ nannte. Soos könnte damit aber bei Nöldner auch jenes Wissen gemeint haben, das unter dem Hut steckt.