Doch wo die Gäste in dem 70 Quadratmeter großen verwinkelten Innenraum mit rotgepolsterten Sitznischen gerne auf Tuchfühlung gingen,  können nun maximal zwölf Gäste an vier Tischen sitzen. Da bleiben die meisten lieber gleich draußen und prosten sich im Stehen zu. Die Betreiber müssen darauf achten, dass es drinnen wie draußen nicht zu eng wird. "Wir schicken die Leute schon auf die andere Straßenseite", sagt "Hafen"-Betreiber Ulrich Simontowitz.

Stehbier auf dem Bürgersteig

Obwohl seine Stammgäste ihm mehr oder weniger die Treue halten, müssen der 57-Jährige und sein Partner derzeit von Erspartem leben. "Für die Überwachung der Corona-Regeln braucht man mehr Personal bei weniger Umsatz. Auch mit der Aufhebung der Sperrstunde können wir die Kosten nicht decken", sagt der Wirt, der  das Kultlokal schon seit 30 Jahren betreibt.
Dass Lokale nun auch wieder in der Nacht ausschenken können, werde in der Branche durchwachsen aufgenommen. Denn drinnen können nach wie vor zu wenige Gäste bewirtet werden. Und viele Kneipen haben sowieso schon Ärger mit Anwohnern. So wie das "Heckmeck" gleich um die Ecke. Die drei Biertische an der Häuserfront mussten auch vor Corona schon um 22 Uhr zusammengeklappt werden, da sich Anwohner im Haus immer wieder über Ruhestörung beklagen. Zu Hertha- und Union-Spielen war die Alt-Berliner Kneipe häufig bis auf den letzten Hocker gefüllt, so dass die Bedienungen kaum mit dem Zapfen hinterherkamen.
Nun sei die Stimmung in der Kneipe ähnlich wie derzeit im Stadion, wo der Jubel einfach fehle, findet ein Stammgast. "Ich habe während Corona dreieinhalb Kilo zugenommen", sagt der Barmann, er sei erst einmal froh, überhaupt wieder arbeiten zu können. Sein Trinkgeld ist mit den Gästen um mehr als die Hälfte geschrumpft.
Laut einer Umfrage des Gastro-Branchenverbandes geben 78 Prozent der befragten Berliner Gastronomen  an, dass sie Umsatzeinbußen zwischen 25 und 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahr haben. Gerade die Bars und Eckkneipen hatten auch schon vor der Corona-Pandemie Probleme. Viele Anwohner und Touristen zog es in den vergangenen Jahren zunehmend in die billigen Spätis und nicht zum gepflegten Bier in die Kneipe. Dazu kamen steigende Gewerbemieten.
Auch die Öffnung kam mit dem 2. Juni für die reinen Schankwirtschaften viel später als für andere Betriebe. Gegen die Corona-Sperrstunde von 23 Uhr hatte der Betreiber des Fine-Dining-Restaurant "Il Calice" in Charlottenburg geklagt, in dem gerne Anwälte und Unternehmer zu später Stunde speisen und bis in die Nacht erlesene Weine genießen.
Im "Hafen" sitzen an diesem Dienstag nach der Senatsentscheidung schon am Nachmittag ein paar Gäste. Es sind Bar- und Kneipen-Besitzer. Simontowitz hat vor kurzem die Initiative "Bars of Berlin" gegründet, die derzeit 57 Mitglieder hat.
Gemeinsam wollen sie sich nun Gehör in der Politik verschaffen und Vorschläge ausarbeiten, wie das einzigartige Berliner Nachtleben trotz Hygiene- und Abstandsvorschriften über die Corona-Zeit gerettet werden kann. "Ein paar Parkflächen vor den Läden für die Ausweitung  des Schankbereiches frei machen. Die Senkung der Mehrwertsteuer auch für Getränke auf sieben Prozent und Mietentlastungen für die Bars, die unter den derzeitigen Umständen gar nicht öffnen können", nennt Simontowitz ein paar Forderungen. "Vor allem aber brauchen die Betreiber endlich mal Klarheit und Verlässlichkeit."

Nicht mehr bis 23 Uhr beschränkt


Der Senat hat in seiner Sitzung am Dienstag auf Vorlage der Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Dilek Kalayci (SPD) die Aufhebung der Corona-Sperrstunde für Lokale beschlossen. Damit wird die Begrenzung der Öffnungszeit für Gaststätten, Spielhallen und ähnliche Gewerbebetriebe auf 23 Uhr aufgehoben.

Laut Senat sei man damit einer Vorgabe des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg gefolgt. In einem Verfahren, das in zweiter Instanz vom Betreiber einer Gaststätte gegen das Land Berlin geführt wird, habe das Oberverwaltungsgericht gegenüber der Senatsgesundheitsverwaltung erhebliche Zweifel an der bestehenden "Sperrstunde" von 23 Uhr angemeldet. neu