Es ist ein grauer Februartag, als Ingo Zergiebel auf dem Soldatenfriedhof Sailly-sur-la-Lys eine blauweiße Schleife um ein Kreuz bindet. Das Grab 112 in Block 5 gehört Georg Löwenthal. Der Hertha-Spieler fiel am 19. August 1918 kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs. Weil er erst 19 war, gibt es keine Nachfahren. Sein Name war lange vergessen.
Ingo Zergiebel will ihn wieder in Erinnerung rufen. Neun Friedhöfe in Frankreich und Belgien hat das Hertha-Vorstandsmitglied in den vergangenen Monaten besucht. Mit Hilfe des Volksbundes hat er allein dort zwölf Gräber von insgesamt 36 Herthanern ausfindig gemacht, die in dem Krieg gefallen sind.
Ihre Namen standen einst auf einem 1937 eingeweihten Denkmal am alten Hertha-Stadion "Plumpe" im Wedding. Zur Einweihung lass der Nationalspieler Hanne Sobek im Beisein der Nazis jeden einzelnen vor. Die Plumpe ist längst abgerissen. Den Gedenkstein gibt es noch. "Aber viele Namen kann man nicht mehr lesen", sagt Ingo Zergiebel.
Er ist selbst Hauptmann in der Weddinger Julius-Leber-Kaserne. Die Idee, sich auf die Suche nach den gefallenen Soldaten zu machen, kam ihm im Sommer 2016 im französischen Fricourt. Mit jungen Spielern der Hertha-Akademie sowie vom FC Liverpool nahm er an der Gedenkveranstaltung "100 Jahre Schlacht an der Somme" teil. "Mit 17-Jährigen einen Friedhof zu besuchen, ist die eine Sache", sagt Zergiebel. "Aber wenn ich ihnen sagen kann, da liegt ein 19-jähriger Hertha-Spieler, der im Krieg gefallen ist, dann bekommen sie einen ganz anderen Zugang zu dem Thema."
Die Lebenden über die Gräber mit den Folgen von Krieg und Gewalt konfrontieren - das ist eines der Hauptanliegen des Volksbundes. Unter dem Motto "Versöhnung über den Gräbern - Arbeit für den Frieden" führt die Organisation seit 1953 Jugendbegegnungen durch. Daneben beantworten die Mitarbeiter des Gräberdienstes immer noch jährlich rund 30 000 Anfragen zum Verbleib von Toten beider Weltkriege.
Die Schicksale der 36 Herthaner zu klären, war aufwändig. Nach langen Recherchen fanden Mitarbeiter des Volksbundes in der Bibliothek der Sporthochschule Köln den entscheidenden Hinweis. In einer Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Verbands Brandenburgischer Ballspielvereine von 1922 sind die Kriegsgefallenen mehrerer Klubs aufgelistet.
Sechs der 36 Schicksale sind immer noch ungeklärt. Erst vor ein paar Tagen wurde der Name Richard Voigt im Archiv des Bundesligisten entdeckt. Der einst beliebte Mittelfeldspieler wurde dort unter seinem Spitznamen "Rieke" Voigt geführt. Er fiel im Sommer 1915. Überliefert ist ein Hinweis auf ein Wohltätigkeitsspiel zu Gunsten seiner Hinterbliebenen am 15. August. In strömendem Regen gewann Hertha gegen Weißensee 5:1.
"Es ist ein bewegendes Gefühl, wenn man endlich ein Schicksal geklärt hat", sagt Zergiebel. Zum 125-jährigen Vereinsjubiläum will er die Namen nicht nur kurzzeitig dem Vergessen entreißen, sondern die Schicksale in einer Chronik für die Ewigkeit festhalten.
Am 2. Juni wird das Präsidium eine Gedenkveranstaltung auf der Kriegsgräberstätte Noyers-Pont-Maugis abhalten. Zu den 27 000 Soldaten, die dort liegen, gehört der Herthaner Max Swensen. Auf der Rundreise will die blauweiße Delegation noch einmal bei Georg Löwenthal vorbei schauen. "Recherchen ergaben, dass er jüdischen Glaubens war", sagt Zergiebel. Im Februar hat er deshalb einen kleinen Davidstern aus Holz in den Rasen neben sein Kreuz gesteckt. Beim nächsten Besuch wird Zergiebel es durch eine jüdische Grabstele mit einem hebräischen Spruch austauschen.