Über 50 Jahre lang hat Arthur Langerman rund 9000 antisemitische Postkarten, Skizzen und Gemälde gesammelt. Am Mittwoch übergab der Holocaust-Überlebende aus Brüssel sein weltweit einzigartiges Archiv an die Antisemitismus-Forscher der Technischen Universität (TU).
Arthur Langerman ist anderthalb Jahre  alt, als die Gestapo seine Familie im Nazi-besetzten Antwerpen abholt und nach Auschwitz deportiert. Er selbst wird in ein Kinderheim gebracht. Nach Kriegsende kehrt die Mutter als einzige Überlebende von rund 30 Familienmitgliedern zurück. Über die Zeit im KZ verliert sie nie ein Wort. Erst als 1961 der Eichmann-Prozess beginnt, fängt der 19-Jährige an, sich mit den Nazi-Gräueln und seiner eigenen Herkunft auseinanderzusetzen.
"Ich wollte wissen, was die Juden so Schlimmes getan haben, dass sie so grausam behandelt wurden", sagt Langerman. Das erste Hassplakat, auf das er bei seinen Recherchen damals stößt, ist eine alte Werbung für die Nazi-Propaganda-Zeitung "Der Stürmer" (1923 bis 1945). Auf der Karikatur sind grinsende Juden abgebildet, die augenscheinlich geistig Behinderte sein sollen. "Judenlachen" ist die Karikatur unterschrieben. "Mir war sofort klar, dass diese Bilder eine zentrale Erklärung in der Shoa einnehmen", erklärt der Belgier am Mittwoch im Lichthof der TU, wo im Beisein des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) die Übergabe der einzigartigen Sammlung begangen wird.
Sein weltweit größtes Archiv mit  5000 Postkarten, tausend handgezeichnete Skizzen, mehreren Hundert Plakaten und Gemälden aus 15 Ländern gehört nun dem Zentrum für Antisemitismus-Forschung der der TU Berlin. Sie zeigen vermeintliche Juden als zwielichtige und raffgierige Gestalten. Die Gesichter prägen übergroße Nasen, wulstige Lippen und wuchtige Unterkiefer. "Witzpostkarten" zeigen bucklige, übergewichtige Männer und Frauen bei der Körperpflege. Unter der Überschrift "Grüße aus dem Moorbad" sieht man jüdische Kurtouristen vor einem Holzklo warten. Sie krümmen sich, als könnten sie den Stuhlgang nicht halten.
Anfangs kaufte der belgische Unternehmer die antisemitischen Abbildungen aus der Zeit zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts bis 1946 auf Flomärkten. Später nutzt Langerman das Internet und reiste um die halbe Welt, um die Karikaturen in Europa, Nordamerika und der arabischen Welt über Mittelsmänner zu besorgen.  "Es war für mich Passion und Therapie zugleich", sagt der heute 73-Jährige.
Der Wert seiner Sammlung, die er nun gratis der TU überlässt, wird inzwischen auf mehrere Millionen Euro geschätzt. Dabei sind sogar ganze Nachlässe wie vom Wiener Karikaturisten Emil Hübl oder dem "Stürmer"-Zeichner Philipp Rupprecht. "Anhand ihrer Skizzen kann man teilweise sehen, wie sie lange trainiert haben, um Juden immer zugespitzter darzustellen und eine Art negativen Ideal-Typus zu kreieren", erklärt Uffa Jensen. Der stellvertretende Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung will mit Hilfe der weltweit größten Sammlung nun verstärkt die Macht der Bilder ergründen. "Seit jeher argumentiert man gegen Juden mit Zeichnungen", sagt der Historiker, der sich mit auch mit Emotionsforschung beschäftigt.
Anhand des Langerman-Archivs wollen Jensen und seine Kollegen erklären, wie verzerrte und herabwürdigende Visualisierungen gezielt negative Gefühlen wie Hass, Ekel, Furcht und Neid gegenüber Minderheiten schüren. "Wir müssen lernen, die Bilder zu verstehen, um ihnen nicht mehr auf den Leim zu gehen."
Dazu gehöre vor allem auch, verantwortlich damit umzugehen und das Propaganda-Material nicht einfach auszustellen. Und wenn doch, dann nur in einem verantwortungsbewussten wissenschaftlichen Kontext.
"Ich hatte eigentlich nie die Absicht, die Sammlung öffentlich zu machen", sagt Langerman. Doch in den vergangenen Jahren habe sich die Welt verändert. Antisemitische Hetze und Übergriffe hätten zugenommen. Die Sammlung soll dazu dienen, junge Menschen aufzuklären", erklärt der Sammler, der auch Anfragen aus Tel Aviv und New York hatte.
Die Sammlung nun ausgerechnet nach Berlin zu geben, dem Ort des Ursprung des Übels, sei war für ihn eine logische Wahl gewesen. "Deutschland ist das einzige europäische Land, das sich der Vergangenheit gestellt und seine Lehre daraus gezogen hat."