In einem der großen hellen Räume im Schloss Biesdorf steht ein Gravitationstrichter, wie man ihn sonst nur aus Freizeiteinrichtungen kennt. Sobald eine Münze nach ein paar spiralförmigen Drehungen im dunklen Loch in der Mitte verschwunden ist, ertönt die Werbeansage einer Wohnungsbaugesellschaft: „Elsterwerder Platz in Biesdorf. Alles ist fußläufig gut zu erreichen“, heißt es da.
Der zum Sprachrohr verwandelte Spendentrichter des Künstlers Daniele Tognozzi ist Teil der neuen Ausstellung „City (un)limited – der Traum vom eigenen Haus“ und eher ironisch gemeint. Biesdorf in Marzahn-Hellersdorf gilt als die größte zusammenhängende Einzelhaussiedlung Deutschlands. Die Einwohnerdichte ist sehr gering. Die Straßen oft menschenleer. Dort wird fast ausschließlich „gewohnt“. Gastronomie, Nahversorgung, Gewerbe, eine lebendige Nutzungsmischung fehlen.

Neun Sekunden Ampelphase

Und wer zu Fuß ist, hat eher Nachteile. Die Projektgruppe „Reinigungsgesellschaft“ zeigt in der Ausstellung im ersten Stock des Gutshauses ein Video, in dem sie eine performative Zeitmessung von Ampelphasen an der Kreuzung Bundesstraße1/Blumberger Damm vornimmt, die das alte Zentrum Biesdorfs durchschneidet und zwei Ortsteile voneinander isoliert. Laut BUND zählt die Überquerung zu den fußgängerfeindlichsten Orten in Berlin. Die Ampelphase von neun Sekunden ist nicht nur für ältere Menschen kaum zu schaffen.
In der Ausstellung stellen die Künstler die Frage, wie es wäre, jedes Jahr fünf Sekunden der Signalzeit des Straßenverkehrs auf der B1 abzuziehen und zu den Fußgängerzeiten hinzu zu addieren? Wird sich in fünf Jahren, wenn Biesdorf seinen 650. Geburtstag feiert, das Verhältnis Fußgänger- und Straßenverkehr möglicherweise umgekehrt haben?

B1 - eine Straße durch Berlin

Das kann man kaum glauben. Denn die Bundesstraße 1 ist eine der wichtigsten Pendlerachsen überhaupt. Der Abschnitt dieses ursprünglich von Königsberg bis Aachen reichenden Verkehrsweges führt einmal quer durch Berlin, von Mahlsdorf im Osten der Stadt bis zur Glienicker Brücke im Südwesten. Die B1 verbindet zahlreiche das Stadtbild prägende und historisch bedeutsame Orte, die die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts lesbar und erlebbar machen: Novemberrevolution, Weimarer Republik, Nazi-Zeit, Krieg und Nachkrieg, Berlins Teilung und erneutes Zusammenkommen nach dem Fall der Mauer und Wiedervereinigung.
Wie sich die widersprüchliche Geschichte in der Architektur und den Stadträumen entlang der B1 widerspiegelt, haben zwölf Fotografen festgehalten. Obwohl sie teils prominente Orte wie den Alexanderplatz, den Potsdamer Platz oder die Steglitzer Schlossstraße abgelichtet haben, wirken die Szenen gleichfalls seltsam leblos. „Kein Ort nirgends“ hat einer der Künstler seine Stadtportraitreihe im Erdgeschoss des Museums überschrieben.
Seit Beginn der Industrialisierung und der damit einhergehenden Urbanisierung stellt sich die Frage nach der Verteilung von Lebens- und Nutzungsräumen in der Stadt. Stadtrandsiedlungen waren ursprünglich vor allem für die unteren Bevölkerungsschichten eine Alternative zu den katastrophalen Lebensbedingungen in den Metropolen.

Früher Erwerbslosensiedlung

So steuern die Künstler Sigrun Drapatz und Tanja Lenuweit für die Ausstellung eine Untersuchung zur Entstehung von fünf sogenannter Erwerbslosensiedlungen bei, die im heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf zwischen 1932 und 1934 entstanden sind. Für ihren Videobeitrag „Die Scholle im Häusermeer – zum Wesen vorstädtischer Kleinsiedlungen“ sammelten sie historische Dokumente und Erinnerungen der Bewohner. Das waren vor allem Handwerker wie zum Beispiel Dachdecker, Bootsbauer und Elektriker, die im Zuge der Weltwirtschaftskrise arbeitslos geworden waren.
Über das Arbeits-Wohlfahrtsamt konnten sie sich auf eine der „Siedlerstellen“ bewerben. Teilweise per Losverfahren wurde ihnen und ihren oft kinderreichen Familien eine Parzelle mit einer halben Haushälfte zugewiesen. Dafür mussten sie sich verpflichteten, 1600 Arbeitsstunden abzuleisten, und bauten die Siedlungen quasi selbst mit auf. Die Wohnfläche betrug damals gerade einmal 45 Quadratmeter, anderthalb Zimmer und eine Küche, in der gekocht und gewaschen werden musste.

Hilfe zur Selbsthilfe

Um den Hühnerstall oder das Dach zu zusätzlichem Wohnraum auszubauen, musste ein Antrag gestellt werden. Damit, dass man den Siedlern nur das „unumgänglich Notwendigeste“ zum Leben zugestand, wollte man sie antreiben, alles zu tun, um ihre Situation zu verbessern und „wirtschaftlich wieder zu erstarken“, geht aus einem amtlichen Schreiben hervor. Für die „Hilfe zur Selbsthilfe“ bekam jeder Saatgut und Geräte. In den von Brombeeren und Stachelbeeren-Hecken eingefassten Gärten, in denen auch Kirsch- und Aprikosenbäume wuchsen, wurden Blumen, Küchenkräuter, Gemüse und Kartoffeln geerntet, um den Eigenbedarf zu sichern oder durch den Verkauf einen Broterwerb zu haben. Wer fleißig war und brav seinen monatlichen Pachtzins von 3 bis 12,50 Reichsmark bezahlte, dem wurde nach einer fünfjährigen Probezeit von der Stadt der Erbaupachtvertrag überschrieben.
Heute sind die meisten Häuser der einstigen Erwerbslosensiedlungen überbaut. Der Siedlungscharakter ist jedoch geblieben. Und so können die Besucher mit Ulrike Kuschels Video-Installation weiter in die Jetzt-Zeit reisen. Die Schwester der Künstlerin hat mit ihrem Ehemann einen Kilometer südlich vom Schloss Biesdorf ein Grundstück erworben, um dort in zweiter Reihe neben dem Heim der Eltern ein Haus zu bauen.

Häuserbauer am Kaffeetisch

Kuschel hat für ihren Ausstellungsbeitrag „Ein Haus wird gebaut in Biesdorf-Süd“ die Gespräche am Kaffeetisch und Interviews mit den Beteiligten mit Fotografien des Bauprojektes zusammengeschnitten. Neben bautechnischen Details kommen auch Sorgen über Verschuldung zur Sprache. Ein selbstgezeichneter Grundriss der sechsjährigen Tochter zeigt, wie sehr auch die Kinder in den Bauprozess involviert sind. Das zweite Video zeigt im Zeitraffer die Veränderungen auf dem Grundstück seit Herbst 2019.
Die Vielfalt an Motivationen, ein eigenes Haus zu besitzen, hat die Künstlerin Ina Geißler in einer Malerei-Serie skizziert. Finanzielle Freiheit, Unabhängigkeit von der Gunst eines Vermieters, Selbstbestimmung durch alternative Lebensformen oder kreative Selbstverwirklichung stehen dabei reinem Besitzdenken, Prestige und Überbetonung von Sicherheitsbestrebungen gegenüber. Geißler hat dafür in Biesdorf individuell gestaltete Gartenzäune fotografiert und aus manchen Mustern sechs „Körperzäune“ aus schwarzem Schaumstoff gefertigt. Diese können von den Museums-Besuchern anprobiert werden, um sich in das „Leben hinter dem Gartenzaun“ einzufühlen, wie die Künstlerin hofft.

Das Konzert zur Ausstellung


Die Ausstellungen „City (un)limited - der Traum vom eigenen Haus“ ist bis zum 31. Januar 2021 im Schloss Biesdorf zu sehen. Die Ausstellung „B1 – eine Straße durch Berlin läuft bis zum 6. November. Begleitend findet am Donnerstag, dem 3. Septemberum 18 Uhr unter der Überschrift „Ausfallstraße Ost“ ein Konzert auf der Südterrasse des Schlosses für die Gäste im Park statt. Das experimentelle Ensemble der Musiker Zappi Werner Diermaier (Faust), Elke Drapatz, Dirk Dresselhaus und N. U. Unruh (Einstürzende Neubauten) reagieren auf die am Schloss vorbeiführende Bundesstraße B1 und kommunizieren mit dem Verkehrssound.

Das Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55, ist täglich von 10 bis 18 Uhr und freitags von 12 bis 21 Uhr geöffnet. Dienstag ist Ruhetag. Der Eintritt ist kostenlos. Mehr Infos unter www.schlossbiesdorf.de