Kurz nach Sonnenuntergang beginnen die Fassaden am Alexanderplatz plötzlich lebendig zu werden. Über die Häuserwände flimmern historische Filmaufnahmen, die zeigen, wie hunderttausende Menschen am 4. November 1989 rund um die Weltzeituhr für Reisefreiheit und demokratischen Sozialismus demonstrierten. "Wir standen so dichtgedrängt, dass kein Stein zu sehen war. Aber niemand drängelte, niemand brüllte, alles war so friedlich", erinnert sich Marion Fornacon.
Wie vor 30 Jahren ist sie wieder auf den Alex gekommen und schaut sich gemeinsam mit Touristen und Passanten die 3D-Lichtshow an. Sieben Tage lang feiert Berlin an sieben Originalschauplätzen die Friedliche Revolution. Zwei Busstationen weiter werden Bilder des abgerissenen Palasts der Republik auf die Ostfassade des neuen Schlosses projiziert. Sieben U-Bahnstationen entfernt in der ehemaligen Zentrale der Staatssicherheit in Lichtenberg können Besucher von der Stasi mitgeschnittene Telefonate anhören.
In insgesamt 200 Veranstaltungen von Ausstellungen bis zu Theaterperformances wird bis Sonntagabend deutsch-deutsche Geschichte erzählt. Auf der Bühne am Alex mimt nun eine Schauspielerin Christa Wolf, wie sie vor 30 Jahren auf dem Podium zu den Demonstranten sprach: "Was bisher so schwer auszusprechen war, geht uns auf einmal frei über die Lippen. Wir staunen, was wir offenbar schon lange gedacht haben und was wir uns jetzt laut zurufen: Demokratie jetzt oder nie!" "Genauso hat sie damals gesprochen", sagt Marion Fornacon. "Die Reden, auch von Stefan Heym und Marianne Birthler haben uns damals echt mitgerissen", erinnert sich die 56-Jährige. Über die erste nicht staatlich gelenkte aber offiziell genehmigte Demo hatte sie nur über den Buschfunk erfahren. "Ich bin ein neugieriger Mensch und wollte einfach dabei sein", sagt die Frau aus Berlin-Mitte. Ihr Mann war nur zwei Wochen zuvor über Ungarn in den Westen abgehauen. "Ich aber wollte mein Land nicht verlassen. Ich hatte auch kein Fernweh."
Die Wende wertet Marion Fornacon allerdings als Chance. "Viele haben ja ihre Arbeit verloren. Ich habe eine Weiterbildung zur Management-Assistentin gemacht. Ich weiß nicht, ob mein Leben ohne die Wende so gut verlaufen wäre."
Es sind ähnliche Gedanken und Botschaften, die nun über der Straße des 17. Juni in einer großen Wolke schweben. Der 150 Meter lange bunte Teppich aus insgesamt 100 000 Bändern mit 30 000 persönlichen Wünschen, Forderungen, Hoffnungen und Visionen wirkt monumental und leicht zugleich. Vor Regen schützt die Kunstinstallation nicht. Trocken ist es dagegen in den gläsernen Pavillons. Dort können Besucher sich mit Muffins stärken und allerhand Prospekte mitnehmen. In kleinen angeschlossenen Veranstaltungsräumen finden Filmvorführungen und Zeitzeugengespräche statt.
Im Info-Häuschen auf dem Breitscheidplatz wird heute um 19 Uhr die Rolle der Westberliner Medien beleuchtet. Am Freitag singt dann unter anderem Barbara Thalheim (ab 19.30 Uhr) ihre "Hymne 1989", die mit Textzeilen wie "Auferstanden aus den Dogmen und der Zukunft zugewandt" an die Nationalhymne der DDR von Johannes R. Becher angelehnt ist. Die Hoffnungen und Sehnsüchte von damals sollen bei dem zweieinhalbstündigen Musikabend mit kurzen Talks mit jenen von heute verbunden werden."Da haben sich viele Leute viele schöne Sachen ausgedacht", findet Anne Blaubock, die sich draußen neben der Gedächtniskirche  Tafeln durchliest. Dort erinnern sich auch West-Berliner an die Euphorie und an den plötzlichen Trabbi-Geruch auf dem Kudamm. Anne Blaubock kam schon 1966 aus  Baden-Württemberg nach West-Berlin. "Weil viele Berliner nach dem Mauerbau nach Westdeutschland gezogen waren, warb der Berliner Senat Arbeitskräfte an. Ich bekam ein halbes Jahr Förderung und Freiflüge in die Heimat", berichtet die 72-Jährige, die damals einen Job im Buchhandel annahm.

Wende-Tour mit dem Fahrrad

Mit dem Fahrrad fährt sie nun die historischen Wende-Orte ab.  "Die Ausstellungen sind sehr informativ und rufen auch wieder eigene Erinnerungen wach", sagt die Charlottenburgerin. Sie selbst erfuhr am 9. November ’89 von der Öffnung der Mauer aus der Abendschau. Sie hatte gerade die Kinder zu Bett gebracht. Mit einer Freundin fuhr sie zur Bornholmer Straße, wo die ersten DDR-Bürger die Grenze passierten. "Ein Pärchen fragte uns, wie man nach Steglitz kommt. Wir haben die beiden dann zur U-Bahn begleitet. Ich bekomme heute noch Gänsehaut."
Am Abend  will sie vielleicht noch mit dem sechsjährigen Enkel zur Lichtshow an der East Side Gallery. Dort wird nicht nur das Mauerdenkmal mit 3D-Sequenzen bespielt. Der Künstler Rainer W. Gottemeier zeichnet mithilfe von leuchtenden Bojen den alten Grenzverlauf mitten auf der Spree nach, der ebenfalls Todesopfer forderte. "Es ist unglaublich, dass der Mauerfall ohne Blutvergießen stattgefunden hat", findet Anne Blaubock.
Das gesamte  Programm zur Veranstaltung im Internet unter: www.mauerfall30.berlin