Sie gehören in Berlin zum Stadtbild wie Hochbahn und Fernsehturm - Menschen jeden Alters, die mit Wägelchen oder Plastiktüte von Abfallkorb zu Abfallkorb ziehen und auf der Suche nach Flaschen mit ihren Armen bis zur Schulter im Müll versinken. "Das ist nicht nur unhygienisch, sondern birgt auch ein großes Verletzungsrisiko", sagt Carsten Engelmann, CDU-Stadtrat für Gesundheit und Soziales in Charlottenburg-Wilmersdorf.
Gemeinsam mit dem Stadtrat für Ordnungsangelegenheiten Marc Schulte (SPD) wohnt er an diesem Nachmittag einem etwas ungewöhnlichen Spatenstich bei. Am Eingang des Volksparks Wilmersdorf am Fenn-See rammen Ein-Euro-Jobber neben den normalen Papierkörben einen weißen Holzpflock in den Boden. Darauf wird eine Art Bierkasten montiert. Er ist als spezieller Sammelbehälter für Pfandflaschen gedacht. "Die Idee geht zurück auf eine Anregung der Bezirksverordnetenversammlung von Charlottenburg-Wilmersdorf", erklärt Engelmann. Ein halbes Jahr lang werden die Sammelbehälter - auch im Lietzenseepark wird einer aufgestellt - regelmäßig kontrolliert und ihre Nutzung dokumentiert. "Wenn die Idee funktioniert, erhoffen wir uns davon eine Signalwirkung für die BSR", erklärt Engelmann. Denn die Berliner Stadtreinigung sehe dasModellprojekt kritisch und hätte Anfragen zur Zusammenarbeit bisher abgelehnt.
BSR-Sprecherin Sabine Thümler verwundern solche Aussagen. "Das stimmt so nicht. Wir haben selbst den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Steglitz-Zehlendorf und Spandau angeboten, solche zeitlich begrenzten Tests im öffentlichen Straßenland durchzuführen", betont sie. Doch nun würden die Flaschenbehälter in den bezirkseigenen Grünanlagen angebracht, für die die BSR nicht zuständig sei. "Irgendetwas ist da in der Kommunikation schief gelaufen", ärgert sich Thümler.
Sie bestätigt jedoch, dass die Stadtreinigung das Projekt kritisch sieht. So befürchte man unter anderem, dass die Vermüllung durch die offenen Behälter eher noch zunehmen könnte. Schlechte Erfahrungen hätte in dieser Hinsicht zum Beispiel die Facebook-Initiative "Pfand gehört daneben" gesammelt, die 2011 anfing, Bierkisten an Laternenpfählen zu befestigen. "Dort landete alles drin", so Thümler. Auch habe man die Befürchtung, dass es nicht mehr die Ärmsten der Armen sind, die zugreifen, wenn das Flaschensammeln dermaßen erleichtert wird. "Als Bürger des fünftreichsten Landes der Welt stellt man zudem die Frage, ob es hier überhaupt nötig ist, sich vom Flaschensammeln zu ernähren", gibt Thümler zu bedenken.
Carsten Engelmann kennt diese Fragen. Doch als Sozialstadtrat, der regelmäßig Bahnhofsmission, Suppenküche und Obdachlosenunterkünfte besucht, kommt er auch häufig gerade mit diesen Menschen ins Gespräch, die trotzdem unterhalb der Armutsgrenze leben. "Das soziale Netz in Deutschland ist gut, aber wenn jemand die staatliche Hilfe nicht annehmen will, sei es aus Stolz, oder, um nicht ständig unter staatlicher Aufsicht zu stehen, muss man das ebenso akzeptieren", meint der Politiker.
Viele der Flaschensammler könnten sich über Armenspeisung und die Angebote der Berliner Tafel ernähren, sagt Engelmann. "Das Pfandgeld ist quasi ein Zubrot, damit sie auch etwas Geld in der Tasche haben." Für die Flaschen bekommen die Sammler zwischen 8 bis 25 Cent. Geld, das sie sich durch die neuen Kisten mit etwas mehr Würde verdienen können.