Die Passanten, die durch die Zimmerstraße in Mitte laufen, drehen sich verwundert um. Immer wieder ertönen schrille Töne. Manchmal klingt es, als würde ein Bauarbeiter einer Frau hinterherpfeifen. Die Pfiffe stammen von „Willi“, einem grauen Papagei, der in einem Käfig im Eingang eines kleinen Zeitungsladens hockt und das Treiben auf dem Gehsteig beobachtet. „Seit mein Mann vor einem Jahr gestorben ist, kann ich ihn nicht alleine zu Hause lassen“, sagt Bettina Böhlke.

Willi ist ein Kundenmagnet

Was aus der Not entstand, entpuppt sich nun als Attraktion. „Willi ist wie ein Magnet, der auch Kunden anzieht, die vorher nicht in den Laden kamen“, berichtet die 54-Jährige. Das sind zum Beispiel die Eltern und Kinder auf dem Weg zur Kita um die Ecke. Ein morgendlicher Stopp bei ihr im Laden ist für viele inzwischen ein Muss. „Alle sind scharf auf eine Feder“, sagt Bettina Böhlke und fischt ein Exemplar vom Boden der Voliere. Dass der exotische Vogel aus Afrika, der seit 30 Jahren bei den Böhlkes lebt, regelmäßig Federn lässt, sei nichts Ungewöhnliches. „Das ist wie beim Menschen. Da bleiben nach dem Kämmen auch Haare in  der Bürste zurück“, erklärt die Ladenbesitzerin, die Federn an die Kinder verschenkt und erstmals auch Kinderzeitschriften in ihr Sortiment aufgenommen hat.

Laden steht nahe des Checkpoint Charlie

Den Laden unweit des ehemaligen Grenzübergangs Checkpoint Charlie führt sie schon seit 1997. Ihre Selbständigkeit reicht  aber bis in die DDR-Zeit zurück. „Um einen Gewerbeschein zu bekommen, musste man damals drei Jahre Erfahrung in der Privatwirtschaft vorweisen“, berichtet die gelernte Elektronikfacharbeiterin aus dem ehemaligen Fernsehwerk Oberschöneweide. So heuerte die junge Mutter erst einmal bei einem Bäcker an.  Danach stand sie mit der Frau vom Gewerbeamt vor einem Stadtplan von Ost-Berlin. „Mit dem Zirkel stach die in den Punkt an der Prenzlauer Allee, an dem ich meinen Lottoladen aufmachen durfte, und zog einen Kreis“, erinnert sich die hübsche blonde Frau. Gebietsschutz nannte man den Fakt, dass sich kein zweiter Lotto-Laden im Umkreis ansiedeln durfte. „Man kann ja viel über die DDR meckern, aber das war gut durchdacht.“

Sie war die erste, die Westlotto verkaufte

Damals musste die junge Ladenbesitzerin noch tausende Lottoscheine von Hand falten. Nach der Wende war sie sie die erste, die West-Lotto anbot, was ihr einen Zeitungsartikel einbrachte. Dazu kam die freie Presse. „Die Leute haben für ein Mickymaus-Heft zwölf Ost-Mark gezahlt. Sexhefte, wie die ,Praline‘ mussten wir jeden Tag kartonweise nachbestellen.“ Bis zur Währungsreform habe eine Aufbruchstimmung geherrscht. „Die Leute kauften wie verrückt. Sie dachten, dass sie für ihre Ost-Mark bald sowieso nichts mehr bekommen. Ich habe die vielen Scheine  in Koffern zur Bank gebracht.“
Mit den Einnahmen konnten sich Bettina Böhlke und ihr Mann vergrößern. Sie heirateten und zogen zusammen in die Leipziger Straße. Ein Teil des Hausflurs durften sie zu einem zweiten Kiosk umbauen. Als sie das dritte Geschäft in der Zimmerstraße anmieteten, hielten sie alle für verrückt. Das Quartier nahe der Kochstraße zwischen Mitte und Kreuzberg war 1997 noch Brachland und von Baustellen durchpflügt. „Man hatte einen freien Blick. Dort wuchsen wilde Bäume. Vögel und Füchse fühlten sich wohl“, erzählt Bettina Böhlke und zeigt auf die neuen Bürohäuser mit ihren Glasfassaden.

Rasanter Wandel an der Friedrichstraße

Heute boomt die Gegend. In der ehemaligen Fleischerei neben dem Zeitungsladen ist nach mehreren Betreiber-Wechseln ein Burger-Bistro beheimatet. Im Ex-Reisebüro rechts von Böhlke trinken Touristen nun Barista-Kaffee.
Böhlke hat die anderen beiden Läden aufgegeben. Auch Lotto, BVG-Scheine oder Post-Dienstleistungen bietet sie inzwischen nicht mehr an. „Man hat dann immer nur Ärger mit Knebelverträgen. Und die Firmen wollen einem in alles reinreden.“
Die Berlinerin will inzwischen lieber wirklich selbständig sein. Auch wenn der Verdienst gerade so zum Leben und schon gar nicht für eine auskömmliche Rente reicht. „Ich werde wahrscheinlich arbeiten müssen, bis ich 100 bin“, vermutet die Berlinerin. Vor Verdrängung im teuren Viertel blieb sie nur verschont, weil sie einen älteren Mietvertrag mit langer Laufzeit hatte.

Papageien-Mama schenkt gerne Feuerzeug dazu

Gerne schenkt sie zum Päckchen Zigaretten auch ein Feuerzeug dazu, das zur Farbe der Handtasche passt. Oder rät Kunden, die die inzwischen verbotenen Menthol-Zigaretten mögen, einfach einen Kaugummi-Streifen in die Zigarettenschachtel zu legen. „Das gibt ein tolles Aroma.“  Wer ihr sympathisch ist, der darf sich auch gerne auf einen Kaffee zu ihr und Papagei Willi unter den Sonnenschirm vor dem Laden setzen.
Der Umgang mit Kunden und den Nachbarn hilft auch ein wenig, die Trauer zu ertragen. 40 Jahre lang war sie mit ihrem Mann zusammen. „Eigentlich ein ganzes Leben“, sagt sie nachdenklich. Gerd Böhlke war ein sportlicher Hühne, der mit Till Schweiger und Götz George im Fitnessstudio um die Ecke trainierte. „Er war auch mein Beschützer“, sagt die attraktive Berlinerin. Nach der Diagnose und einer kraftraubenden Krebstherapie musste sie ihn pflegen und dann für immer Abschied nehmen.
„Jemand ist erst weg, wenn er nicht mehr in der Erinnerung ist“, sagt Bettina Böhlke. Lange habe sie nicht aussprechen können, dass ihr Mann tot ist, wenn Kunden nach ihm fragten. Fast jeder in der Straße kannte den Vogelliebhaber, bei dem selbst die Raben regelmäßig zum Bockwurst-Naschen kamen. Für Willi spannte er Taue unter die Decke der Wohnung, wo sich der Papagei bis heute frei bewegen kann.

Papagei pfeift Fußball-Schlachtgesänge

Während der exotische Vogel im Laden höchstens die Fußball-Schlachtgesänge des 36-jährigen Sohnes nachpfeift, sagt er zu Hause auch „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“ oder „Sei nicht traurig.“
Für Bettina Böhlke ist das Tier Trost und Halt zugleich. „Papageien können bis zu 80 Jahre alt werden. Da habe ich noch lange Verantwortung“, sagt sie und lässt den Vogel ein bisschen von ihrem Magnum-Eis naschen. Einmal die Woche ein bisschen Schokolade sei für Vögel verträglich, erklärt sie. Ansonsten gibt es zum Nachtisch Willis Lieblingsspeise Rote Grütze. „Natürlich selbstgemacht mit echten Beeren und Kirschen.“

Der Graupapagei


Der Graupapagei (Psittacus erithacus) gehört mit bis zu 500 Gramm Körpergewicht zu den größten Papageien Afrikas. Sie gelten als besonders intelligent und sprachbegabt. Unter anderem reagieren die Tiere auf den Verlust von Partnervögeln oder Bezugspersonen äußerst sensibel. In freier Wildbahn verständigen sich Graupapageien mit Kreischlauten und schrillen Pfiffen. Ihr Name stammt vom überwiegend grauen Gefieder. Allerdings sind die Schwanzfedern leuchtend rot. Die exotischen Vögel mögen besonders gerne Nüsse, Beeren und Samen. Sie können gut klettern und leben in der Natur auf Baumwipfeln. Zweige benutzen sie, um ihr Gefieder zu putzen. neu