Viele Frauen kennen das. Sie sitzen in der U-Bahn oder im Bus, die Beine eng beisammen oder übereinander geschlagen. Das männliche Gegenüber oder der Sitznachbar fläzt sich hin, macht die Beine breit und nimmt mehr Platz ein als nötig. Das Phänomen hat seit einigen Jahren einen globalen Namen: „Manspreading“.
Gegen dieses „Ausbreiten des Mannes“ in Bus und Bahn gab es in Städten wie New York, Madrid und Wien schon Kampagnen. In Berlin klärten die Verkehrsbetriebe ihre Fahrgäste bei Facebook auf, dass es für das Breitmachen keine anatomischen Gründe gebe. Sie forderten: „Knie zusammen, ihr Dödel!“

Manspreading ist Aufregerthema

Es ist ein Thema mit viel Aufregerpotenzial in den Kommentarspalten, für einige nach dem Motto: Ich komme da nicht mehr mit, was soll uns Männern denn noch alles verboten werden? Eine einfache Antwort lautet: Es geht nicht allein um schlechtes Benehmen, sondern auch um Rücksicht und Gleichberechtigung, die bei kleinen Dingen anfängt.
Ein Beispiel für Feministinnen im Jahr 2021: die Berliner Studentinnen Elena Buscaino (26) und Mina Bonakdar (25). Sie setzen mit dem „Riot Pant Project“ ein Zeichen und verkaufen Hosen mit Slogans gegen männliche Dominanz.
Die Worte sind zu sehen, wenn die Trägerin oder der Träger die Beine breit macht: „Stop Spreading“ oder „Give Us Space“. Die Botschaft lautet also: Hört auf mit dem Ausbreiten und gebt uns Raum. Der dritte Aufdruck lautet „Toxic Masculinity“. Das richtet sich gegen eine vergiftete Form der Männlichkeit.

Frauen aus Berlin starten Manspreading-Projekt ohne direkten Anlass

Die beiden Frauen haben sich 2019 an der Universität der Künste kennengelernt, bei einem Mode- und Grafikdesign-Projekt über Schrift und Kleider, das Thema war Ehe und Scheidung. „Wir haben uns viel über Sexismus und Feminismus unterhalten“, erzählen sie. Sie interessieren sich für Geschlechterrollen und Stereotypen. Und für die Frage, wie viel Raum Männer insgesamt einnehmen: „Wer hat wie viel Platz in der Gesellschaft?“
Einen direkten Anlass für das Anti-Manspreading-Projekt gab es nicht. „Der Schlüsselmoment ist, dass es jeden Tag passiert“, sagt Elena Buscaino. „Die Frustration und Wut waren schon vorher da“, sagt Mina Bonakdar. Sie beschreiben, welche Wirkung die Slogans und das Öffnen der Beine hat, so: Die Sexualisierung fällt weg, die Sprüche sind Schutz und geben Kraft. Die Hosen machen ihnen auch Spaß. Von Freunden hätten sie viel Zuspruch bekommen. „Es ist ihnen überhaupt erst aufgefallen, wie sie sich verhalten.“
Kleiner Exkurs: Zur Feminismus-Debatte gehört „Manspreading“ schon länger. Die Autorin Margarete Stokowski schrieb 2017 in einer „Spiegel“-Kolumne: „Mit Manspreading ist es wie mit Staub beim Staubwischen: Wenn man einmal anfängt, drauf zu achten, dann sieht man es überall.“ An solchen Begriffen stört sie der verallgemeinernde Ballast und dass man sehr viel erklären muss. Die magische Lösung sei wie bei vielen anderen feministischen Themen, respektvoll miteinander umzugehen.

Hasskommentare zu Manspreading-Aktionen

Zurück zu Elena Buscaino und Mina Bonakdar. Sie kennen aus dem Netz auch Kritik und Hasskommentare. Nach dem Motto: Ob die Welt gerade keine anderen Probleme habe. Oder auch den Vorwurf, dass man ihretwegen den Feminismus nicht mehr ernst nehmen könne. Die Frage sei doch, wo man etwas tun könne, sagt Buscaino. „Das eine Problem negiert nicht das andere.“ Das Projekt soll wie ein Puzzleteil einer Debatte sein. Feminismus im Kleinen.
Um die 100 bis 200 Hosen, die aus Second-Hand-Beständen sind, hätten sie bisher verkauft. 40 Euro kostet ein Exemplar, für 25 Euro kann man eigene Hosen bedrucken lassen. Der nächste Schritt soll eine eigene Website sein. Wäre es schön, wenn es Hosen mit solchen Slogans gar nicht mehr braucht? Das wäre ihr Ziel, ein Traum, sagen die beiden. Dass es bald einmal so weit kommt, glauben sie aber nicht.